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EM-Kommentar : Zu früh gefreut

Verzockt: Löws Umstellungen bringen nicht den gewünschten Gewinn Bild: dpa

Auf Prandellis Herausforderung fand Joachim Löw nicht die richtige Antwort. Die komplette Offensivumstellung schlug fehl. Die Hoffnung auf die Krönung seiner Spielergeneration ist geringer geworden.

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          Im Geiste hatten die deutschen Fans die letzten Tage der EM schon durchgespielt: Im Halbfinale die Revanche gegen Italien für die schmerzhafte Halbfinal-Niederlage bei der WM 2006 und dann im Endspiel von Kiew die Abrechnung im Finalduell gegen die spanischen Sieger der vergangenen Europameisterschaft und dem WM-Halbfinalgewinner von Südafrika.

          Aber das deutsche Fußball-Wunschkonzert des Sommers 2012 ist in Warschau dann doch mit einem ganz anderen Paukenschlag zu Ende gegangen als es sich die Nationalelf, ihr Trainer und ihre Anhänger vorstellen mochten. Zwei Volltreffer von Mario Balotelli schon in der ersten Halbzeit haben genügt, um dem deutschen Team schwerste Wirkungstreffer zuzufügen und die große Hoffnung auf den ersten Titel seit 16 Jahren dann doch auf die Schnelle zunichte zu machen. An diesem Freitag fliegt die talentierteste deutsche Mannschaft seit Jahrzehnten nach Hause und muss sich vor dem Fernseher anschauen, wie Spanier und Italiener den Titel unter sich ausmachen.

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          Eine bis zum Halbfinale restlos von sich überzeugte deutsche Auswahl konnte von Beginn an gegen die Italiener nicht den Eindruck erwecken, dass die Azzurri nur noch die Angstgegner von gestern wären. Die taktische Extraklasse von Cesare Prandelli hatte auch den Bundestrainer, der schon nach wenigen Minuten nervös auf seinen Fingernägeln kaute, vor seine größte Herausforderung bei diesem Turnier gestellt. Er fand darauf diesmal nicht die richtige Antwort.

          Die abermalige komplette Offensivumstellung, die mehr Sicherheit vor den Zuspielen von Pirlo auf die italienischen Angreifer bringen sollte, entfaltete nicht die erhoffte Wirkung, im Gegenteil. Sie beraubte das deutsche Spiel auch ihrer gegen die Griechen vor allem mit Marco Reus auf der rechten Seiten und Miroslav Klose in der Sturmspitze gewonnen spielerischen Vielfalt.

          Und die Italiener bestraften die deutschen Fehler dann so eiskalt, wie man es sich gewünscht hätte, dass die Deutschen mit ihren durchaus vorhandenen Chancen umgegangen wären. In der Halbzeit korrigierte sich der Bundestrainer, aber da war schon zu viel verloren gegen eine Mannschaft, die in diesem Turnier zuvor nur zwei Tore zugelassen hatten.

          Die große Frage wird nun bis zur WM 2014 sein, wie das Team und ihr Trainer den Rückschlag wegstecken, entscheidende Spiele nun auch im fortgeschrittenen und gereiften Zustand nicht gewinnen zu können. Spätestens zu Beginn der zweiten Halbzeit, als das Team mit neuem Mut sein Glück suchte, konnte man sehen, welche Klasse diese Mannschaft mitgebracht hatte.

          Die Hoffnung auf eine Krönung ist geringer geworden

          Aber die Hoffnung auf eine Krönung dieser Generation ist geringer geworden.An der Einstellung und Widerstandskraft fehlte es nicht, und das sind nicht die schlechtesten Zeichen, dass die jungen Deutschen aus dem bitteren Abend von Warschau mehr als nur ein paar Tränen mitnehmen könnten. Die Hochgehandelten und Hochbegabten stellten das jüngste aller Teams, was Löw und seinen Spielern beim Abschied von der Europameisterschaft aber keinen großen Trost spenden dürfte.

          Die Zuschauer in Warschau jedenfalls unterstützten und applaudierten einem Team, das ihnen zwei Jahre lange und nicht zuletzt in diesen Tagen große Freude gemacht hatte. Ein Gewinn, der nicht zu unterschätzen ist, aber die große Leere an diesem Abend der Enttäuschung nicht füllen konnte.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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