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EM-Kommentar : Richtige Botschaft, falscher Adressat

Der Druck steigt: Joachim Löw weiß, dass seine Mannschaft Griechenland eigentlich schlagen muss Bild: dpa

Wenn der Druck entweicht, wird kurz bei Joachim Löw die Sorge sichtbar, seinem Werk könnte die Krönung versagt bleiben - nicht durch einen besseren Gegner, sondern Mannschaften wie Dänemark oder Griechenland.

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          Joachim Löw kann auch giftig werden, aber das geht leicht unter, weil er seine Sticheleien einpackt wie in Samtpapier. Nach dem 2:1 gegen Holland, das in Gefahr geriet, weil seine Offensive es versäumte, einen dritten Treffer entschlossen zu suchen, ließ er sich über den Fitnesszustand der Niederländer aus. Denen sei doch nach einer Stunde die Puste ausgegangen.

          Das klang so, als ob der WM-Zweite ein Spielball für sein Team gewesen wäre, aber seine Jungs nicht Ernst machten, wie sie es gekonnt hätten. Das war es, was Löw geärgert hatte: die Nachlässigkeit, der fehlende Killerinstinkt. So erschien er wie ein Sieger, der von oben herab auf einen geschlagenen Konkurrenten schaut.

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          Am Sonntag verfiel der Bundestrainer nach dem mühsamen 2:1 gegen die Dänen wieder auf den Gedanken, seine Botschaft an das eigene Team auf Kosten der Verlierer zu verbreiten. Diesmal fand er, dass es den Dänen eigentlich egal gewesen sei, wie das Spiel ausging.

          Wie bitte? Da wollten dänische Reporter dann doch genauer wissen, was er gemeint hatte. Löw tat so, als wären die Dänen nur darauf aus gewesen, das deutsche Spiel zu zerstören und allein auf Standardsituationen zu spekulieren, aber dann kam er zu dem eigentümlichen Schluss, es wäre den Dänen „egal“ gewesen, ob sie weiterkommen oder nicht.

          Diese waren aber keine Spielverderber, sie machten nur das Beste aus ihren Möglichkeiten. Löw wollte wohl vor allem an seine Spieler appellieren, den Viertelfinalgegner Griechenland im Mittelfeld entschlossener unter Druck zu setzen und die Torchancen konsequenter zu nutzen, damit die Chance auf den EM-Titel nicht unnötig dahingeht.

          Seitenhiebe auf Verlierer sind eigentlich nicht Löws Sache. In solchen Momenten ist jedoch der Druck zu erahnen, der auch auf dem Bundestrainer lastet. Sonst tut er immer so, als wäre er der coole Jogi mit einem Ruhepuls von 60 auch während des Spiels.

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          Aber wenn der Druck entweicht, wie nach der Bewährungsprobe gegen Holland und der Nervenprobe gegen die Dänen, wird kurz die Sorge sichtbar, seinem Werk könnte die Krönung versagt bleiben - nicht durch einen besseren Gegner wie etwa Spanien, was Löw in den vergangenen Jahren immer ganz sportlich mit den größten Komplimenten akzeptierte, sondern durch eigenes Versäumnis. Da spricht der Perfektionist, der sich für seine Botschaft allerdings das falsche Ziel gesucht hat.

          Nach der Serie von vierzehn Siegen in vierzehn Pflichtspielen nach der WM-Halbfinalniederlage gegen Spanien würde es der Bundestrainer sich und seinem Team wohl nur schwer verzeihen, wenn sie auf dem Weg ins Finale durch sich selbst und nicht durch einen besseren Gegner gestoppt würden.

          So wie es zuletzt Barcelona und Bayern mit dem FC Chelsea oder die Russen mit den Griechen erleiden mussten. Das ist die deutsche Konstante in diesem Team: Tatkraft, die Träume möglich machen soll. Dafür wird Löw seine Spieler noch genug antreiben. Die Verlierer kann er künftig in Ruhe lassen. Es sei denn, es sind die eigenen.

          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

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