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Kapitän des DFB-Teams : Ein Stückchen Stoff als wichtiges Zeichen

Eine deutsche Achse im DFB-Team: Mesut Özil, Jerome Boateng und Sami Khedira (von links). Bild: Picture-Alliance

Boateng, Khedira oder Özil: Profis mit Migrationshintergrund haben die Nationalelf zum Weltmeister gemacht. Einer von ihnen könnte bei der EM sogar zum Kapitän aufsteigen – und die Hymne singen.

          Joachim Löw hat noch nicht verraten, wen er ausersehen hat, die deutsche Nationalelf beim Start der Europameisterschaft gegen die Ukraine anzuführen. Weil Bastian Schweinsteiger wegen seiner langen Verletzungspause für die Anfangsformation noch nicht in Frage kommt, kann es gut sein, dass zum ersten Mal ein Spieler mit sogenanntem Migrationshintergrund zum Kapitän der deutschen Nationalmannschaft bei einem großen Turnier aufsteigt. Mittelfeldspieler Sami Khedira, vor 29 Jahren in Stuttgart als Sohn einer Deutschen und eines Tunesiers geboren und auch im Besitz der tunesischen Staatsbürgerschaft, gilt als Favorit auf die Binde. Der Torwart Manuel Neuer ist der andere aussichtsreiche Kandidat. Oder entscheidet sich der Bundestrainer zum Auftakt in Lille an diesem Sonntag (21.00 Uhr / Live in der ARD und im EM-Ticker bei FAZ.NET) vielleicht doch für Jerome Boateng?

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die Wahl Boatengs wäre ein aufsehenerregendes Zeichen. Sollte der Münchner Innenverteidiger tatsächlich das 7,5 Zentimeter breite, schwarz-rot-goldene Stückchen Stoff gegen die Ukraine am Arm tragen, nähme die Gauland-Debatte der vergangenen zwei Wochen ihre nächste Wendung – und hätte die Nationalmannschaft direkt auf dem Platz erreicht. „Ob Boateng Kapitän wird oder nicht, sollte sportliche Gründe haben – und nicht als politisches Signal verstanden werden. Ich glaube, das wäre ihm selbst nicht recht“, sagt DFB-Präsident Reinhard Grindel vor dem Auftakt. Aber auch mit Blick auf die Zukunft, wenn, vielleicht schon nach der Europameisterschaft, ein Nachfolger für Kapitän Schweinsteiger gefunden werden muss.

          Wird Sami Khedira Kapitän der deutschen Nationalelf?

          Falls am Sonntag, was wahrscheinlicher ist, Khedira das Kapitänsamt vorübergehend bis zu Schweinsteigers Rückkehr übernimmt, entspräche diese Entscheidung der logischen, sportlichen Entwicklung der vergangenen sechs Jahre. Auch ohne demonstrativen Charakter wäre ein deutscher Kapitän Khedira ein gesellschaftspolitisch bedeutsames Zeichen. Ganz einfach, weil es dann ein Kind eines Migranten, der vor knapp dreißig Jahren ohne Schulabschluss und Ausbildung nach Deutschland kam und sich in einer Stahlbaufirma über zwanzig Jahre Respekt erarbeitete, erstmals geschafft hätte, sich bis an die Spitze der Lieblingsmannschaft des Landes hochzuarbeiten.

          Als Khedira das Team im November 2014 beim Freundschaftsspiel in Spanien erstmals als Kapitän auf den Platz anführte, sang er auch die deutsche Nationalhymne. All die Jahre zuvor hatte er das wie Özil und Boateng nicht getan, trotz der heftigen Kritik, die ihnen entgegenschlug. Und Khedira sagte: „Es ist ein gutes Zeichen, wenn man die Nationalhymne singt. Aber man wird dadurch kein guter Deutscher. Ein guter Deutscher wird man, wenn man die Sprache gut spricht und die Werte lebt. Und das ist bei uns allen der Fall.“

          Ohne die Khediras, Boatengs und Özils wäre der deutsche Fußball-Aufschwung auch nicht möglich gewesen. Erstmals waren bei der Weltmeisterschaft 2010 unter Löw elf Spieler mit ausländischen Wurzeln im Kader. In Südafrika sorgten sie mit großartigen Auftritten für Furore in der Fußballwelt. Der damalige Bundespräsident Christian Wulff wünschte sich, „dass diese Mannschaft zu einem Vorbild, ja einem wirklichen Spiegel unserer tatsächlichen Gesellschaft werden könnte“. Seitdem prägen nicht zuletzt die Spieler mit Bindungen nach Ghana, Tunesien und der Türkei den erfolgreichen Weg der Nationalmannschaft entscheidend.



          So hat sich Boateng in den vergangenen Jahren zum unumstrittenen Abwehrchef und vielleicht besten Innenverteidiger der Welt entwickelt. Khedira funktioniert seit Jahren als Mittelfeldmotor des Weltmeisters – und auf Özils geniale Zuspiele wollen weder seine Kollegen noch der Bundestrainer verzichten. Eine Achse, auf die Fußball-Deutschland auch in Frankreich setzt.

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