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Sieg im Elfmeterschießen : Und der Held heißt Manuel Neuer

Starker Mann, starke Paraden: Manuel Neuer hielt, was zu halten war. Bild: AFP

Zwei zermürbende Stunden Fußball – und dann entscheidet sich alles im Elfmeterschießen mit den beiden besten Torhütern der Welt. Am Ende jubelt der „Hampelmann“.

          3 Min.

          27 Männer rackerten sich zermürbende zwei Stunden lang ab. Aber am Ende reduzierte es sich auf das Duell der beiden besten Torhüter der Welt. Auf zwei Spieler, die so überragend sind, dass sie das EM-Viertelfinale Deutschland gegen Italien, das die französische Sportzeitung L’Équipe als „verfrühtes Finale“ angekündigt hatte, als Kapitäne ihrer Mannschaften begannen. Manuel Neuer blieb es nur für fünfzehn Minuten, dann reichte er die Binde an deren eingewechselten Stamm-Inhaber Bastian Schweinsteiger weiter. Doch nach hundertzwanzig Minuten zählte nicht mehr, wer was am Arm trug, nur noch, wer seine Arme an den Ball bekam.

          Christian Eichler
          (cei.), Sport

          In der regulären Spielzeit und der Verlängerung hatte Manuel Neuer nicht viel Gelegenheit gehabt, sein großes Können zu zeigen – beim Ausgleich durch den Elfmeter von Leonardo Bonucci war er in der richtigen Ecke, doch ohne Chance gegen den harten, plazierten Schuss des italienischen Abwehrchefs. Auch Gianluigi Buffon hatte nichts ausrichten können gegen den deutschen Führungstreffer, durch Mesut Özils Direktabnahme aus kurzer Entfernung. Für beide, den dreimaligen „Welttorhüter“ aus Deutschland und den viermaligen aus Italien, war es ihr erstes Gegentor bei dieser EM.

          Doch es war Buffon, der die Italiener drei Minuten nach dem 1:0 im Spiel gehalten hatte, als Mario Gomez nach Zuspiel von Özil am Fünfmeterraum auftauchte und Chiellini mit seinem Rettungsversuch aus kurzer Entfernung unweigerlich ein Eigentor erzielt hätte – wäre nicht der 38-jährige Veteran, der behauptet, dass „Reflexe mit der Zeit erschlaffen“, wie zum Beweis des Gegenteils mit einer Blitzreaktion dazwischengefahren. Mit den Fingerspitzen lenkte er den Ball über die Latte.

          Dann das Elfmeterschießen, der Showdown eins gegen eins, immer wieder ein neuer Feldspieler gegen einer der beiden Titanen im Tor. Auch wenn sich Buffon und Neuer dabei, dem Modus entsprechend, nie Aug‘ in Aug‘ gegenüberstanden, wurde es auch ihr Zweikampf gegeneinander. Bevor er begann, klatschten sie sich ab, eine kurze Umarmung. Wer würde die stärkere hypnotische Wirkung auf die Schützen haben – Buffon mit all seiner Erfahrung, im 160. Länderspiel in seiner 21. Profisaison? Oder Manuel Neuer, diese mächtige Erscheinung, der Pionier des Torwart-Liberospiels, in seinem 70. Länderspiel?

          Es war Neuers erstes Elfmeterschießen mit der deutschen Nationalmannschaft – und das erste unter Trainer Joachim Löw. Zum letzten Mal hatte sie sich dieser Nervenprobe vor genau zehn Jahren unterziehen müssen, als Jens Lehmann mit Hilfe des schlauen Zettels in seinem Schienbeinschoner, auf dem die Vorlieben der Argentinier standen, Deutschland ins Halbfinale der WM 2006 brachte (wo man dann Italien unterlag).

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          Der erste Elfmeter, Neuer machte den „Hampelmann“, machte sich groß, doch Lorenze Insigne, 1,63 Meter, traf. Dann ahnte Buffon die Ecke von Toni Kroos, doch dessen Schuss war zu präzise. Es kam der erst kurz zuvor eingewechselte Simone Zaza, er trippelte – und schoss drüber. Dann Thomas Müller, der den Vorteil wieder hergab – der Versuch, Buffon auszugucken, scheiterte, der Italiener hielt. Andrea Barzagli traf in die Tormitte, es kam Mesut Özil, wollte es zu genau machen, traf den Außenpfosten.

          Doch auch Graziano Pellé wurde nervös im Angesicht von Neuer, der in der Ecke war, die Pellé verfehlte. Julian Draxler glich sicher aus. Dann Bonucci, der in der regulären Spielzeit getroffen hatte – diesmal wählte er die andere Ecke, Neuer aber auch. Im Sprung wehrte er den Ball ab und servierte Bastian Schweinsteiger den Matchball – doch der Kapitän schoss über das Tor. Zehn Schützen, nur vier verwandelte Elfmeter – die Angst des Schützen vor dem Torwart.

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          Dann Giaccherini, lässig mitten ins Tor. Mats Hummels mit Glück, Buffon hatte die Finger am Ball. Parolo mitten hinein. Auch der junge Joshua Kimmich behielt die Nerven. Sicher auch di Sciglio und Boateng. Erst der 18. Schütze brachte die Entscheidung – Neuer hielt gegen Matteo Darmian, und Jonas Hector schoss unter Buffons Arm hindurch Deutschland ins Halbfinale. Und der Held hieß Neuer.

          Danach vergoss Buffon bittere Tränen. „Wir waren nur einen Schritt von der Heldentat entfernt“, sagte er später enttäuscht. „Eine solche Niederlage ist hart, das war ein Schock für uns. Im Elfmeterschießen auszuscheiden, wenn der Gegner so oft vergibt, das tut wirklich weh. Das ist wirklich schade.“ Ganz anders war die Stimmungslage bei Neuer. „Ein Elfmeterschießen habe ich so noch nicht erlebt. Es
          hat sehr lange gedauert, ich weiß gar nicht, wie viele Elfmeter es genau waren. Die beiden, die ich gehalten habe, einer ging ja noch drüber, habe ich noch genau vor Augen“, sagte er und verriet. „Auf jeden Fall wollte ich Bonucci (Elfmeterschütze zum 1:1) nicht noch ein zweites Mal treffen lassen.“ Das gelang.

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