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Nationalmannschaft : Eine Finalniederlage brächte den größten Profit

Üben abseits des Platzes: Mats Hummels mit Teamarzt Müller-Wohlfahrt Bild: AP

Die Verbandsfinanzen bei der EM stimmen schon jetzt. Sportlich wird es sich noch weisen. Bundestrainer Löw muss nun mit Tah statt Rüdiger planen - und arbeitet an Schwächen bei gegnerischen Standards.

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          Reinhard Grindel legte Wert auf die Feststellung, dass seine Zahlenspiele rein „haushalterisch und etatistisch“ zu verstehen seien. Der frühere Schatzmeister und neue Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hatte am Mittwoch bei der Eröffnungspressekonferenz in Évian gleich mal einen neuen Brauch eingeführt und vorgerechnet, in welchen finanziellen Dimensionen sich der DFB bei dieser Europameisterschaft bewegt.

          Das Positive aus Sicht des Verbandes: Er kann, egal wie die Mannschaft abschneidet, nur gewinnen. Die Fußnote: Wenn die Deutschen nicht Europameister werden, dann sogar noch ein bisschen mehr. Konkret würden bei einem EM-Sieg in Frankreich 23 Millionen Euro an Ausgaben und 25 Millionen Euro Einnahmen zu Buche stehen. Bei Platz zwei wären es 18 und 22 Millionen, bei einem Halbfinal-Aus 14,5 und 17,5, bei einem Scheitern in der Gruppenphase 8 und 9 Millionen. Insofern lag Joachim Löw nicht ganz richtig, als er bemerkte, dass der DFB „finanziell besser abschneiden“ würde, „wenn wir nach der Vorrunde ausscheiden“ – eine Finalniederlage brächte den größten Profit.

          Tah ersetzt Rüdiger

          Aber es ging dem Bundestrainer natürlich nicht um Buchhalterisches, sondern um eine launige Antwort auf eine sportliche Frage. Inwiefern er nämlich angesichts der personell angespannten Situation die Ansprüche relativieren oder herunterschrauben müsse. Davon, so stellte Löw klar, könne keine Rede sein.

          Verletzt: Emre Can kümmert sich um Antonio Rüdiger

          Man kann zwar nicht sagen, dass die Ausfälle der vergangenen Wochen sowie insbesondere der jüngste Verlust von Antonio Rüdiger völlig spurlos an ihm vorübergegangen wären. Für Rüdiger, der am Dienstag im ersten Training in Evian einen Kreuzbandriss erlitten hatte, fand Löw Worte des Bedauerns, die über den persönlichen Niederschlag für den Verteidiger des AS Rom hinausgingen; er lobte ausdrücklich Rüdigers Entwicklung und sprach davon, dass zuletzt auch im Kreis des Nationalteams „seine Dynamik, seine Zweikampfstärke und sein großartiger Wille beeindruckend zu sehen“ gewesen seien. Dennoch blieb der Eindruck hängen, dass Löw recht gelassen zur Tagesordnung überging.

          Der Bundestrainer und sein Chef: Joachim Löw mit Reinhard Grindel bei der Pressekonferenz in Evian

          Anstelle Rüdigers wird nun der Leverkusener Jonathan Tah im Quartier in Evian erwartet, ein Eins-zu-eins-Wechsel auf der Position des Innenverteidigers also. Ganz generell und mit Blick auf die weiteren Verluste (Reus, Gündogan) und Hängepartien (Hummels, Schweinsteiger) sagte Löw, dass es solche Situationen bei Turnieren immer mal gebe, dass es darum gehe, schnell Lösungen zu finden, und dass er dem verfügbaren Personal „absolut“ vertraue.

          „Wir werden jetzt nicht jammern“, sagte er. Und: „Wir schrauben nicht die Ansprüche nach unten.“ Lösungen sind von Löw nun in der Abwehr gefragt. Konkret geht es darum, wer für Rüdiger einspringt, der zuletzt an der Seite von Jerome Boateng eine ordentliche Figur abgegeben hatte und für den EM-Auftakt gegen die Ukraine am Sonntag in Lille fest eingeplant war. Tah, so viel ist klar, kommt dafür nicht in Frage. Zwar äußerte sich der Bundestrainer positiv über dessen Fitnesszustand; Tah habe, nachdem er die letzten Saisonspiele mit Bayer wegen einer Lebensmittelvergiftung verpasst hatte, aus eigenem Antrieb seit drei Wochen individuelles Training absolviert und werde deshalb ohne allzu große Anlaufzeit voll in den Betrieb einsteigen können.

          Männer des Vertrauens

          Löws Männer des Vertrauens für den Ernstfall aber sind die arrivierten Kräfte, Shkodran Mustafi und Benedikt Höwedes: „Ich hätte Vertrauen in beide.“ Hier allerdings konnte der unaufgeregte Ton des Bundestrainers nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide Varianten mit ein bisschen Vorsicht zu genießen sind – weil sie nämlich mehr oder weniger aus dem Stand funktionieren müssen. „Beide haben schon länger nicht mehr mit Jerome zusammengespielt“, bemerkte auch Löw, der nun im Training testen will, was am besten funktionieren könnte. Zöge er Höwedes nach innen, benötigte er eine Alternative auf Rechts, Joshua Kimmich, der von ihm zuletzt immer mal genannte Kandidat, musste am Mittwoch wegen einer Erkältung aussetzen, in Frage käme außerdem noch Emre Can. Einfacher wäre es, Mustafi an Boatengs Seite zu stellen. Löw verwies auf dessen „internationale Erfahrung“ mit dem FC Valencia, zuletzt allerdings hatte Mustafi im Nationalteam zwei Mal 90 Minuten nur zusehen dürfen.

          Mann des Vertrauens: Benedikt Höwedes

          Dass diese Variante dennoch als wahrscheinlicher gelten darf, hat mit der besten Nachricht des Mittwochs zu tun. Mats Hummels hatte am Vormittag zum ersten Mal seit seinem im Pokalfinale erlittenen Muskelfaserriss wieder mit dem Ball trainiert, noch individuell zwar, aber offenbar gibt es für den Bundestrainer Hoffnung, dass eine Rückkehr zum zweiten Spiel am Donnerstag gegen Polen in Reichweite sein könnte. „Bei Mats sehe ich eine sehr gute Entwicklung“, sagte Löw – ein Platzhalter wäre dann nur für recht kurze Zeit gefragt. Uneingeschränkte Entwarnung gab der Bundestrainer unterdessen bei Abwehrchef Boateng, der am Dienstag noch wegen leichter Beschwerden pausiert hatte (dasselbe galt für Sami Khedira).

          Jenseits personeller Planspiele machte Löw in zwei, drei Bemerkungen deutlich, dass er in der Defensivarbeit noch strukturellen Verbesserungsbedarf sieht. Das betraf zum einen den Punkt, wie das Team sich gegen „gefährliche Konter“ zu verhalten habe. Neben dem eigenen Spiel gegen eine starke Defensive sei das ein Thema, „das uns schon sein Monaten begleitet“, sagte Löw. Als eher neues Phänomen hat der Bundestrainer Schwächen bei gegnerischen Standards ausgemacht. Er benannte dies gar als „Problem“ und kündigte an, das werde „ein wichtiger Schwerpunkt in diesen Wochen“ sein. Als Gewinnwarnung musste man das nicht verstehen. Eine kleine Mahnung aber, dass sich der positive Saldo in dieser Sache nicht von selbst einstellt, konnte vielleicht doch nicht schaden.

          Training oberhalb des Lac Leman: Die deutsche Elf in Evian

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