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DFB-Team vor Fußball-EM : Campo-Bahia-Feeling in Mittelfranken

  • -Aktualisiert am

Wohlfühlort: Joachim Löw auf dem Weg zum Training in Herzogenaurach Bild: AFP

Die Nationalelf fühlt sich wieder wohl. Nach der Ödnis von Watutinki soll das EM-Quartier auch ein bisschen vom brasilianischen Geist zurückholen. Oliver Bierhoff will ihn „wecken“.

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          Ilkay Gündogan hat kürzlich einen bemerkenswerten Blick auf das Leben als Fußballprofi geworfen. In einem Beitrag für das Onlineportal „The Players’ Tribune“ schrieb er über das Gefühl der Einsamkeit, das er spüre, seit er „mit 18 von zu Hause weggegangen“ ist, und das sich unter Corona-Bedingungen noch einmal verstärkt habe.

          Fußball-EM
          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          „Ich habe das Gefühl, dass viele Leute denken, wir Fußballer leben dieses perfekte Leben, als wären wir in einer Blase des Glücks, die nie gestört wird“, schrieb Gündogan, aber das sei nicht der Fall. „Ich habe meine Eltern und meinen Bruder mehr als acht Monate nicht gesehen. Und den Rest meiner Familie mehr als ein Jahr. Meine besten Freunde sind auch weit weg.“

          Gemeinschaftserlebnis

          Das war Ende April, jetzt, eineinhalb Monate später, wirkt Gündogan voller Vorfreude auf ein Gemeinschaftserlebnis bei der an diesem Freitag beginnenden Europameisterschaft. Der Profi von Manchester City sprach nicht von den Spielen mit dem eigenen Nationalteam bei der Pressekonferenz des Deutschen Fußball-Bundes am Donnerstag, sondern von denen, die er mit seinen Kollegen auf dem Fernsehschirm verfolgen will.

          Ohne das Bierchen natürlich, nach dem er im Scherz gefragt worden war – aber mit Anschluss und Geselligkeit. „Es kommt Stimmung auf, wenn jeden Tag zwei, drei Spiele sind und man ständig Fußball schauen kann.“

          Das Leben eines Fußballprofis kann eben auch ganz schön sein, und wenn man Oliver Bierhoff am Donnerstag zuhörte, dann dürfte es viel schöner gar nicht mehr gehen als im EM-Quartier in Herzogenaurach, wo die Nationalspieler seit Dienstag logieren und trainieren. Am Firmensitz des Ausrüsters Adidas ist eine Siedlung von kleinen Bungalows entstanden, die nicht zufällig an ein Erfolgsmodell von vor sieben Jahren erinnert:

          Die Anleihen beim legendären Campo Bahia sind unübersehbar, bis hin zum zentralen „Marktplatz“, der ein ständiger Ort der Begegnung sein soll, und ebenso offensichtlich ist die Hoffnung, dass die Wände im fränkischen Campus-Idyll einen ähnlichen Geist atmen mögen wie 2014 an der Atlantikküste. „Ich bin sicher, dass wir beim Turnier diesen Geist wecken müssen“, sagte Bierhoff dazu schon vor Wochen. Und mit Blick auf die Ödnis von Watutinki vor drei Jahren fügte der Nationalmannschafts-Direktor hinzu, dass diesmal der Anspruch gewesen sei, „noch mal die Extrameile zu gehen und es besonders gut zu machen“.

          Bei der Aufteilung der 26 Profis auf die sieben Wohneinheiten war Gündogan als einer der sieben „Kapitäne“ mit den meisten Länderspielen gesetzt, danach wurde gelost. Mit ihm leben nun Serge Gnabry, Marcel Halstenberg und Emre Can unter einem Dach, wobei er, wie er sagte, am Ende ein bisschen nachhelfen musste, um „Emre noch ins Haus zu kriegen“.

          Welche Formation?

          Viel spannender als die Wohnsituation ist aber in diesen Tagen ohnehin etwas anderes: welche Formation auf dem Platz, vor allem aber im deutschen Mittelfeld zusammenkommt, wenn Joachim Löw seine Besetzung für den EM-Auftakt am Dienstag gegen Frankreich zusammenstellt. Dafür war Gündogan der richtige Ansprechpartner, gegen Lettland hatte er mit Toni Kroos die Zentrale vor der Abwehr gebildet. Und auch wenn Gündogan sich eingangs nicht festlegen wollte, deutete am Ende doch einiges darauf hin, dass er sich mit dieser Konstellation wohl ganz gut anfreunden könnte – und auch der Bundestrainer. Das 7:1 gegen Lettland sei „ein guter Anfang“ gewesen, sagte Gündogan, „jetzt wollen wir den Schwung mitnehmen in das Frankreich-Spiel“.

          Schon im Trainingslager in Seefeld habe er „ein-, zweimal“ mit Kroos darüber gesprochen, wie sie „gemeinsam Dinge besser machen können“ – besser zum Beispiel als beim 0:6 gegen Spanien im November, auch wenn Gündogan sagte, dass das nicht explizit das Thema gewesen sei. Als Symbol des Zweifels schwebt diese sieben Monate alte Blamage dennoch über der Gegenwart, zuletzt äußerte der frühere Bundestrainer Berti Vogts die Befürchtung, dass die Deutschen ohne Joshua Kimmich im Zentrum „überrannt“ werden könnten.

          Es kam daher nicht von ungefähr, dass Gündogan Unterstützung aus der letzten Reihe einforderte. Die Dreierkette, so schilderte er es, sei im Prinzip ein geeignetes Mittel, um den französischen Angriff zu stellen. Von den drei Innenverteidigern könne immer einer helfen vorzustoßen, „das fällt leichter, wenn noch zwei andere den Raum absichern können“. Es könne ein „Schlüssel“ sein, hob Gündogan hervor, „wenn wir viele Bälle erobern können und die Franzosen auch mal zwingen, uns hinterherzulaufen“.

          Tippspiel zur Fußball-EM
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          Für die eigene Offensive wiederum empfahl Gündogan indirekt den Einsatz von Kai Havertz. Gerade ihm könne der Sieg im Champions-League-Finale, zu dem er das Siegtor beigesteuert hatte, „extra viel Schub geben, den wir als Mannschaft für uns nutzen können“, sagte Gündogan, der auch noch einmal die Dimension seiner Enttäuschung nach der Niederlage gegen Chelsea umriss. Im Grunde habe er nicht nur das ganze Jahr, sondern acht Jahre auf dieses Spiel hingearbeitet, seit seinem ersten und ebenfalls verlorenen Königsklassen-Finale mit Dortmund. Er blicke aber jetzt nach vorn.

          Am Nachmittag war nach eineinhalbtägiger Eingewöhnungszeit die erste Trainingseinheit in Herzogenaurach angesetzt. Dabei standen Löw alle 26 Spieler zur Verfügung, auch Leon Goretzka sollte wieder „mit Ball und Mannschaft“ trainieren können, wie Bierhoff sagte. Ein Einsatz gegen Frankreich aber komme nach seiner Muskelverletzung zu früh.

          Der Teilnahme an einer besonderen Verabredung stand aber nichts im Wege, am Abend lud Angela Merkel zum (digitalen) Gespräch. Für Bierhoff stand es einerseits im Zeichen eines Abschieds, weil es nicht nur für den Bundestrainer, sondern ja auch für die Kanzlerin „das letzte Turnier mit der Nationalmannschaft“ sei. Vor allem aber wollte er darin ein Zeichen für die Gegenwart erkennen. Dafür, dass diese EM, „ohne es zu hoch zu hängen“, auch „eine nationale Angelegenheit“ sei.

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