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DFB-Team bei der EM : Müller kritisiert die Kritiker

Von der einst so gelösten Stimmung ist bei Thomas Müller derzeit nicht so viel zu spüren. Bild: AFP

Die Nationalspieler sind genervt von der Kritik. Götze antwortet mit einer Metapher aus der Tierwelt. Müller indes will die Rolle als Humorist vom Dienst diesmal nicht annehmen – und findet klare Worte.

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          Am Donnerstag waren sie noch genervt von sich selbst. Unter dem frischen Eindruck des 0:0 gegen Polen gab es reichlich Selbstkritisches zu hören von den deutschen Nationalspielern. Vor allem, was die Leistung in der Offensive anging, die tatsächlich ziemlich weit von der selbst gesetzten Benchmark früherer Tage entfernt war. Am Sonntag klang das schon ein wenig anders. Da waren die Nationalspieler immer noch genervt – aber weniger vom eigenen Unvermögen, Löcher zu reißen und Räume zu finden, was gegen die leidenschaftlich verteidigenden Polen das Problem gewesen war, sondern vor allem von der Kritik, die auf das Team eingeprasselt war.

          Zuerst war Mario Götze an der Reihe auf dem Pressepodium in Évian. Auf die Frage, wie er mit der nicht eben schmeichelhaften Bewertung seiner bisherigen Leistungen in Frankreich umgehe, antwortete er mit einer Metapher aus der Tierwelt. So sei das eben im Fußball, „mal ist man der Hund, mal ist man der Baum“, sagte er. Was bedeuten sollte, dass er sich, im übertragenen Sinne, ein bisschen angepinkelt fühle, aber keinen Anlass sehe, sich deshalb groß einen Kopf zu machen.

          Das war in gewisser Weise sogar humorvoller als der tierische Ernst, dessen sich Thomas Müller in ähnlicher Causa bediente. Müller, der Hobby-Golfer, der am freien Samstag eine Runde mit Bastian Schweinsteiger absolviert hatte, wurde gebeten, etwas zu seinem derzeitigen fußballerischen Handicap zu sagen. Aber Müller mochte die Rolle als Humorist vom Dienst diesmal nicht annehmen. Er hob zu einer Kritik der Kritiker an, die ja, so fand er, ganz gern mal dazu neigten, nicht zu detailliert an die Analyse eines Fußballspiels heranzugehen. Es werde immer nur nach Torerfolgen geurteilt, nicht aber nach der „gesamtheitlichen Leistung für die Mannschaft“. Insofern sei die „Kritik vielleicht gerechtfertigt“ – aber nur nach den Maßstäben der Kritiker.

          Von der gelösten Stimmung, wie Müller sie noch kurz vor dem Auftakt verbreitet hatte, ist nach zwei Spielen nicht mehr viel zu spüren – zumindest nicht im Verhältnis der Mannschaft zur Außenwelt. Die Weltmeister fühlen sich missverstanden. Offensichtlich ist intern die Verwunderung groß, dass nicht einmal die Erfahrungen der WM 2014, als das Team sich erst nach dem Achtelfinale so richtig fand, sie vor einer kritischen Bewertung bewahrt. „Turniergeschichtlich“, erklärte Müller, habe es selten eine Mannschaft gegeben, die „durch die Vorrunde gepflügt“ sei, auch die deutsche nicht.

          Am Samstag hatte Joachim Löw sich geradezu belustigt über manche öffentliche Debatte gezeigt. „Überrascht bin ich über gar nichts mehr“, sagte er. Tags darauf setzte Oliver Bierhoff die konzertierte Offensive des Nationalteams in eigener Sache fort. „Nicht täglich grüßt das Murmeltier, aber alle zwei Jahre“, bemerkte der Teammanager süffisant. Zudem stützte er entschieden die Sichtweise der Spieler und des Bundestrainers, wonach intern zwar schon Verbesserungspotential gesehen werde, nennenswerte Zweifel an der Leistungsfähigkeit aber nicht bestünden. Und schon gar nicht an der nötigen Einstellung. Er sehe beim Training nicht nur, „welch hohe Qualität wir haben“, sondern auch „die Entschlossenheit der Spieler“.

          Immer auf dem Sprung: Mario Götze, auf der Suche nach dem richtigen Platz.

          Bleibt die Frage, wie sich die auch in ein Plus an Torgefahr im Spiel ummünzen lässt, am Dienstag in der letzten Gruppenpartie gegen Nordirland in Paris (18.00 Uhr / Live in der ARD und im EM-Ticker bei FAZ.NET), aber auch möglichst weit darüber hinaus. „Natürlich würden wir uns offensiv mehr Durchschlagskraft wünschen“, sagte Müller. An seiner Rolle, mehr noch aber an der von Götze, lässt sich bei allen Wahrnehmungsunterschieden schon erkennen, dass etwas noch nicht ganz stimmen kann in der Statik des deutschen Angriffs. So ermittelten die Statistiker im ersten Spiel, beim 2:0 gegen die Ukraine, für Götze eine Phase von 18 Minuten und 26 Sekunden ohne einen einzigen Ballkontakt – und am Ende einen einzigen Torschuss.

          Damit ihm so etwas nicht noch einmal passierte, ließ er sich gegen Polen weiter fallen und wich auf die Flügel aus – mit der Folge, dass er vor dem Tor kaum zu sehen war. Alles in allem nicht das, was man von einem Stürmer erwarten darf. Bierhoff sagte, dass er die Kritik an Götze „nicht differenziert genug“ finde – tatsächlich hat der Münchner vor allem gegen Polen auffällig viel Defensivarbeit verrichtet. Dass Bierhoff auch darauf hinwies, Götze sei „diese Rolle nicht das ganze Jahr zugeschneidert“ gewesen, ließ sich aber auch als offene Frage verstehen: ob er nicht woanders besser aufgehoben wäre, im offensiven Mittelfeld. Und dafür vielleicht eher Müller in vorderster Linie.


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          Der wiederum hat es, obwohl von Löw gerade noch einmal als „Entscheider“ gepriesen, in 180 Minuten auf keine einzige Torchance gebracht. „Man muss weiter hungrig sein, weiter da hin gehen, wo es weh tut, versuchen, diesen einen Schritt schneller am Ball zu sein als der Gegenspieler“, sagte Müller. Die Frage, auf welcher Position er das am besten tun könne, verwies er weiter an den Bundestrainer. Der hatte am Samstag ein paar grundsätzliche Takte dazu gesagt, was die Analyse des Polen-Spiels ergeben habe. Dabei ging es nicht um individuelle Positionen und Bewertungen, sondern um das Offensivverhalten insgesamt.

          Mehr Mut, mehr Tempo, mehr Wege in die Tiefe, mehr Spieler „in der Box“, also im Strafraum – das waren Löws Forderungen, unabhängig von der konkreten personellen Konstellation. Dass er zugleich ankündigte, über die „eine oder andere Veränderung“ nachzudenken, eröffnete aber Raum für ganz unterschiedliche Gedankenspiele. Müllers Präsenz und Riecher vor dem Tor, vielleicht auch in einem Wechselspiel mit Götze und dessen Wendigkeit auf engem Raum – das könnte allemal etwas sein, was beim Bundestrainer Phantasien weckt.

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