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2:2 gegen Ungarn : Ein denkwürdiges deutsches Drama

Leon Goretzka (links) erzielte kurz vor dem Ende den Ausgleich. Bild: dpa

Es ist ein Abend des puren Nervenkitzels: Lange droht dem DFB-Team ein Debakel wie bei der WM. Der eingewechselte Leon Goretzka verhindert das EM-Vorrundenaus mit dem späten Ausgleich gegen Ungarn.

          3 Min.

          In einer derart aufgeladenen Atmosphäre hatte die deutsche Mannschaft lange nicht spielen müssen. Die politischen Turbulenzen der vergangenen Tage, die auch am Mittwochabend ihre Kräfte entfalteten, waren nur das Eine. Dazu zogen gewaltige Unwetter über die Münchner Arena, Blitze zuckten, heftiger Regen ergoss sich in Wirbeln über dem Rasen und den Tribünen.

          Fußball-EM
          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Die Fußballprofis auf dem Rasen waren während der ersten Hälfte den Gewalten ausgesetzt, und für die deutsche Nationalmannschaft entwickelte sich der Abend in diesem flirrenden Ambiente zu einer Prüfung, die denkbar schlecht begann und sich zu einem denkwürdigen Drama entwickelte. Am Ende war es ein Tor des eingewechselten Leon Goretzka in der 84. Minute, das der Mannschaft von Joachim Löw noch das 2:2 rettete – und damit die Teilnahme am Achtelfinale dieser EM.

          Das Unentschieden bedeutet für die Deutschen Gruppenplatz zwei hinter Weltmeister Frankreich. Damit geht es weiter nach London, wo die Engländer am Dienstag ein Heimspiel vor bis zu 45.000 Zuschauern gegen das Team des Deutschen Fußball-Bundes haben werden (18.00 Uhr). Aber erst einmal muss dieser Abend des puren Nervenkitzels verdaut und aufgearbeitet werden, der auch ganz anders hätte ausgehen können.

          Szalai und Schäfer treffen

          Nach dem 0:1 durch den Mainzer Bundesligaprofi Adam Szalai (11. Minute) stand das Weiterkommen schon früh auf des Messers Schneide . Als dann in der 66. Minute Kai Havertz ausglich, hatten die Deutschen den Punkt, den es für das Achtelfinale brauchte, in den Händen. Doch direkt vom Anstoß weg gingen die Ungarn wieder in Führung, durch Andras Schäfer (68.).

          Weil die Deutschen sich insgesamt schwer taten, offensiv auf Touren zu kommen, und defensiv zwei Mal nicht auf der Höhe wirkten, hatten sie am Ende beinahe zu wenig Argumente gegen die unangenehmen Ungarn, die mit vier Bundesligaprofis angetreten waren – neben Szalai noch Peter Gulacsi, Willi Orban (beide Leipzig) und Roland Sallai (Freiburg). Aber Goretzkas wuchtiger Schuss sorgte noch für die große Befreiung.

          Das Spiel gegen die Ungarn stand seit Tagen im Zeichen des Regenbogens, als Zeichen für Toleranz und gegen Diskriminierung. Die Münchner Arena hatte zwar nicht bunt leuchten dürfen, das ließ die Europäische Fußball-Union mit dem Verweis auf einen politischen Charakter der Botschaft nicht zu.

          Auf dem Platz aber leuchtet die Kapitänsbinde von Manuel Neuer in Regenbogenfarben, der deutsche Torwart hatte dieses kleine Zeichen auch schon in den ersten beiden Spielen gesetzt. Die symbolische Aufladung war allgegenwärtig, die ungarischen Fans zeigten mit Worten und Gesten, was sie von der in Deutschland angestoßenen Debatte hielten, und während die ungarische Hymne gespielt wurde, lief ein Aktivist mit Regenbogenflagge auf das Spielfeld, ehe Ordner einschritten.

          Als es losging, stand Löw mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze am Spielfeldrand. Den unangenehmeren Platz aber hatte Neuer, der die stimmgewaltigen, aber auch zu Provokationen aufgelegten ungarischen Fans in seinem Rücken hatte. Es kam aber noch schlimmer, als der erste Konter der Ungarn direkt saß.

          Die deutsche Fehlerkette begann bei Ginter, der einen unsauberen halbhohen Ball spielte. Eigentlich waren die Deutschen schnell genug zurück, aber dann konnte sich weder Rüdiger noch Kroos entschließen, Druck auf Sallai auszuüben, und bei dessen Flanke war Szalai den Innenverteidigern Hummels und Ginter einen Schritt voraus: 0:1.

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          Löw hatte wie erwartet auf Thomas Müller verzichten müssen, der sich in den letzten Augenblicken des Spiels gegen Portugal eine Kapselverletzung am rechten Knie zugezogen hatte; er saß zumindest auf der Bank. Anders als von vielen vermutet, fiel jedoch die Nachbesetzung aus: Nicht Goretzka durfte beginnen, sondern Leroy Sané. Es war der offensivere Wechsel, und zugleich derjenige, der am besten zum 3-4-3-System passte.

          Viele Augen waren auf die deutsche Flügelzange mit Joshua Kimmich und Robin Gosens gerichtet. Vor dem Anpfiff sagte Löw, er rechne eher damit, „dass die Halbpositionen das Spiel entscheiden können“. Damit lag er richtig, die Wege über die Außen waren weitgehend blockiert, allerdings wirkte der Bundestrainer selbst nicht zufrieden damit, wie und wo seine Spieler anderweitig nach Räumen suchten. Nach dem Rückstand bemühten sich die Deutschen zwar, Kontrolle über die Situation zu erlangen, aber das gelang nur bedingt.

          Offensiver Druck war allenfalls punktuell zu spüren, und Chancen blieben rar. Nach 17 Minuten sauste eine Hereingabe von Havertz vor dem ungarischen Tor vorbei, ohne dass eine Fußspitze an den Ball kam, nach 21 Minuten bot sich zwei Mal die Gelegenheit: Erst setzte Hummels einen Kopfball nach einem von Kimmich getretenen Eckstoß an die Latte, dann brachte Ginter aus kurzer Distanz keinen Druck auf den Ball. Und die Abteilung Attacke? Bei Sané war viel Wirbel um wenig, Gnabry und Havertz wirkten noch nicht sturmfest.

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          Nach der Pause stellte Löw auf Viererkette um, Kimmich rückte ins Zentrum, aber nach einem zündenden Funken sah es auch im nun Trockenen nicht aus. Ein Schuss von Havertz war leichte Beute für Gulacsi (52.). Für Gündogan kam nun Goretzka. Es war dann eine Standardsituation, die den Ausgleich brachte. Nach einem Freistoß von Kroos verschätzte sich Gulacsi, stattdessen kam Hummels an den Ball, Havertz drückte ihn noch über die Linie – große Erleichterung auf der deutschen Bank und bei den Fans.

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          Der Torschütze Havertz machte Platz für Timo Werner, Thomas Müller kam für Gnabry. Aber umgehend fiel, eingeleitet von Szalai, das 1:2. Dabei sah erst Sané schlecht im Zweikampf aus, und Neuer auch nicht gut beim Herauskommen. Nun war die Not groß. Es brauchte einen zweiten Treffer. Löw brachte nun auch Kevin Volland und Jamal Musiala, volle Offensive also – und dann, nach Musialas Vorarbeit, Goretzkas Ablage und Werners abgewehrtem Versuch, jener Volltreffer durch Goretzka.

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