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DFB-Team in der Einzelkritik : Der Blackout des Kapitäns

Die Mannschaft in ihrer Verlegenheits-Aufstellung gegen Frankreich. Bild: dpa

Schweinsteiger lässt mit einer unnötigen Aktion das Spiel kippen. Kimmich hätte seinen Fehler fast wett gemacht. Und Müller trifft wieder nicht. Die deutschen Spieler in der Einzelkritik.

          3 Min.

          Manuel Neuer: Wer weiß schon, in welchen Rausch sich die Franzosen gespielt hätten, wenn Griezmann nach sieben Minuten in der stürmischen Anfangsphase getroffen hätte und nicht am deutschen Torwart gescheitert wäre. Die nächsten beiden Aufgaben – Freistöße aus zentraler Position – waren keine: Beide Male fing Neuer den Ball. Und wieder musste ein unnötiger Handelfmeter her, um den deutschen Torwart zu überwinden. Griezmann schickte ihn in die falsche Ecke. Beim zweiten französischen Treffer kam er zwar an die Flanke von Pogba mit den Fingerspitzen heran, aber der Ball fiel genau Griezmann vor die Füße. Vermutlich wäre es besser gewesen, darauf zu hoffen, dass Höwedes das Kopfballduell gegen Giroud gewonnen hätte.

          Peter Penders
          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Joshua Kimmich: Das schien ein schwieriger Abend in der Defensive zu werden – zumindest deutete der erste Zweikampf mit Payet nach zwei Minuten das an. Danach aber war der Münchner rechter Verteidiger und Rechtsaußen in einer Person, und Payet musste hinterher laufen, was er nicht immer tat. Dass der Franzose nach 71 Minuten für den defensiv stärkeren Kantè Platz machen musste, war durchaus ein Kompliment. Kimmichs kleiner technischer Fehler eröffnete Pogba vor dem 2:0 die Chance, noch einmal an den Ball zu kommen. Dass hätte er kurz danach wieder wettgemacht, aber sein Schuss klatschte an den Pfosten des französischen Tores.

          Benedikt Höwedes: Ganz sicher in der Innenverteidigung – tappte nur einmal in die französische Falle, als er sich in die Offensive einschaltete und in der gegnerischen Hälfte den Ball verlor. Seine herausragende Qualität besteht in der Zweikampfstärke, wie er bei einer so grandiosen wie riskanten Rettungstat gegen Giroud in der 42. Minute bewies. Sein Kopfball nach 82 Minuten war noch einmal eine Torchance.

          Jerome Boateng: Teilte sich mit Schweinsteiger den Spielaufbau aus der eigenen Abwehr, meistens mit Diagonalpässen. In der ersten Hälfte ließ er sich nur einmal vom heranstürmenden Giroud (42.) überraschen, als er das Kopfballduell an der Mittellinie verlor und danach die Hilfe von Höwedes benötigte. Nach einer Stunde das Aus wegen einer Oberschenkelverletzung.

          Jonas Hector: Wie sein Pendant auf der anderen Seite ständig unterwegs und gleichzeitig linker Verteidiger und Linksaußen, und in beiden Rollen stark. Der entscheidende Elfmeter gegen Italien hat das Selbstvertrauen des Kölners offenbar noch einmal wachsen lassen.

          Emre Can: Überraschend trotz der Nominierung von Schweinsteiger in der Startaufstellung, und in seinem siebten Länderspiel erstmals auch auf seiner Lieblingsposition im rechten Mittelfeld. Harmonierte gut mit Kimmich, zwang Lloris nach 14 Minuten zu einer ersten Parade.

          Bastian Schweinsteiger: Eine völlig unnötige Aktion ließ das Spiel kippen.
          Bastian Schweinsteiger: Eine völlig unnötige Aktion ließ das Spiel kippen. : Bild: dpa

          Bastian Schweinsteiger: Eine einzige Situation wertete seine sehr gute Leistung in der ersten Halbzeit total ab. Der Handelfmeter, den er in der Nachspielzeit völlig unnötig verursachte, darf einem Spieler mit der Erfahrung von 120 Länderspielen nicht passieren. Zuvor antizipierte der Kapitän fast immer richtig, wohin die Franzosen spielen würden, ließ sich im Spielaufbau häufig zwischen die beiden Innenverteidiger fallen, zeigte eine große Präsenz als Stratege im Mittelfeld und gewann viele Zweikämpfe. Der Handelfmeter allerdings gab dem Spiel eine entscheidende Änderung der Statik.

          Toni Kroos: Der zweite Stratege im deutschen Team, wieder in der gewohnten Rolle als jederzeit sicherer Ballverteiler und Taktgeber, diesmal allerdings etwas offensiver. Wurde nach 21 Minuten und einem Doppelpass mit Müller unsanft gebremst und wartete vergebens auf einen Elfmeterpfiff. Auch nach der Pause der Antreiber.

          Mesut Özil: Und noch ein Stratege, der viel dafür tat, dass sich das Spiel in der ersten Halbzeit nach der stürmischen französischen Anfangsphase in die andere Spielhälfte verlagerte. Immer anspielbar, immer mit Lösungen, dabei sehr durchsetzungsstark. Weil er den Ball nach dem Elfmeter wütend weg drosch, mit einer Gelben Karte bedacht.

          Julian Draxler: Sehr aufmerksam bei Kontern, weil er Hector absichern musste, gut eingebunden ins Kombinationsspiel. Immer bemüht, seine Stärke im 1:1 ins Spiel zu bringen.

          Thomas Müller: Der Mann der weiten Wege, unverdrossen dagegen ankämpfend, dass er immer noch kein Tor bei einer EM erzielt hatte. Natürlich hatte er die erste deutsche Torchance nach 13 Minuten, konnte sie aber nicht nutzen. Aber was soll man ihm vorwerfen – aufstecken ist nichts, was in seinem Betriebssystem vorgesehen ist. Irgendwie war der Wurm drin.

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          Shkodran Mustafi: Ein unverhoffter zweiter Einsatz nach seinem Auftritt im ersten Spiel und dem Tor gegen die Ukraine – nun in der Innenverteidigung mit Höwedes und damit in einer Kombination, die so nie vorgesehen war. Vor dem zweiten französischen Treffer tanzte ihn Pogba an der linken Seite folgenreich aus.

          Mario Götze: Nach 66 Minuten musste Joachim Löw mehr Offensive wagen – Can machte Platz, der WM-Torschütze von Rio kam und ging als hängende zweite Spitze in den Angriff. Blieb allerdings völlig unauffällig gegen eine dichte französische Abwehr.

          Leroy Sané: Und noch mehr Offensive nach 78 Minuten – der 20 Jahre alte Schalker kam zu seinem EM-Debüt und hätte den Ball Sekunden danach beinahe ins französische Tor gedrückt.

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