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4:2 gegen Portugal : Deutschland gewinnt Fußballspektakel

Serge Gnabry jubelt nach dem zweiten Eigentor von Portugal. Bild: Reuters

Was für ein Spiel! Nach dem 0:1 gegen Frankreich holt sich das DFB-Team die ersten drei Punkte bei dieser Fußball-EM. Beim 4:2-Sieg über Portugal profitiert die Elf von Joachim Löw von zwei Eigentoren.

          5 Min.

          Thomas Müller grinste gar nicht, wie Thomas Müller grinsen kann. Nachdem der Münchner Muntermacher seinen eindrucksvollen Beitrag zu einem bemerkenswerten deutschen Fußballabend geliefert hatte, war der Rückkehr selbst nach einem eindrucksvollen 4:2-Sieg über Portugal nicht zum Jubeln und Faxenmachen aufgelegt.

          Fußball-EM
          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Müller sprach mit der Ernsthaftigkeit eines Profis, der nach einem schönen Erfolgserlebnis auf keinen Fall schon nach dem großen Preis schielen will. „Wir hatten viele gute Aspekte, aber auch viele Dinge, die wir noch verbessern müssen. Sowas kann am Ende Punkte kosten“, sagte Müller. „Jetzt haben wir die drei Punkte. Jetzt sind wir gut im Turnier und haben es in der eigenen Hand. Aber wir dürfen nicht überdrehen und nicht überheblich werden. Aber wir dürfen an unsere Qualität glauben.“

          Soviel jedenfalls ist nach dem 4:2 gegen Portugal sicher: Die deutsche Nationalelf hat nach einer Leistungsexplosion gegen den Europameister nun beste Chancen, das Achtelfinale der Fußball-Europameisterschaft zu erreichen. Der 4:2-Sieg des Teams von Bundestrainer Löw war hochverdient. Trotz eines Rückstands durch ein Tor von Ronaldo (15. Minute) hatten sich die Deutschen nicht entmutigen lassen und drehten die Partie gegen den Europameister noch in der ersten Halbzeit.

          „Oh, wie ist es schön“

          Dabei halfen zwei Eigentore der Portugiesen durch Dias (35.) und Guerreiro (39.). Doch die Art und Weise, wie diese Treffer entstanden, war ein Beleg dafür, dass die Deutschen diesen Sieg erzwingen wollten. In der zweiten Halbzeit machten die Deutschen dann durch zwei schön herausgespielte Treffer von Havertz (51.) und des auf der linken Seite exzellenten Gosens (60.), der zuvor schon zwei Tore vorbereitete hatte, die schwierige Herausforderung gegen Portugal zwischenzeitlich sogar zu einem lange vermissten Fußballspektakel.

          Die deutschen Fans in München jedenfalls waren aus guten Gründen aus dem Häuschen und stimmten nach vielen enttäuschenden deutschen Spielen der vergangenen Jahre wieder den alten deutschen Fußball-Gassenhauer an: „Oh, wie ist es schön.“ Das 2:4 der Portugiesen durch Jota (62.) konnte die deutsche Stimmung an diesem Abend nicht mehr trüben, was aber anders hätte kommen können, wenn Sanches (78.) nicht nur den Pfosten getroffen hätte. „Das war eine klasse Leistung der Mannschaft nach dieser schwierigen Situation“, sagte Bundestrainer Löw. „Jetzt sind wir im Turnier angekommen. Die anderen Aufgaben werden aber auch nicht leichter.“

          Bei diesem hocherfreulichen deutschen Auftritt rieben sich die deutschen Fans zwischenzeitlich immer wieder die Augen. Und man fragte sich: Was mag diese Mannschaft in den drei Tagen zwischen dem buchstäblich fast chancenlosen 0:1 gegen Weltmeister Frankreich und dem 4:2-Sieg gegen Europameister nur gemacht haben, um eine solche Wende und diesen Kraftakt hinzulegen?

          Jedenfalls präsentierte sich gegen die Portugiesen eine deutsche Mannschaft, die an ihre eigene Stärke glaubte – und sie diesmal auch ganz oft und gegen Widerstände zeigte. Die deutsche Wucht gegen Portugal war beeindruckend, und an diesem Tag auch stark genug, dass sie damit manche spielerische Schwäche ebenso wettmachen konnte wie Defizite in der defensiven Abstimmung. Als Tabellenzweiter mit drei Punkten wird nun nicht nur ein Sieg am Mittwoch über Ungarn den sicheren deutschen Einzug ins Achtelfinale bedeuten, nach dem 1:1 zwischen Spanien und Polen in Gruppe E am späten Samstagabend genügt dem Team von Bundestrainer Löw dafür sogar schon ein Unentschieden.

          Zwar könnte die Nationalmannschaft mit einer Punkteteilung noch auf dem dritten Platz der Gruppe F landen. Mit dann vier Zählern und einer Tordifferenz von +1 wäre Deutschland aber definitiv einer der vier besten Gruppendritten, die ein Ticket für die K.o.-Runde bekommen. Die Dritten der Gruppen C und E können diese Marke nicht mehr erreichen.

          Dabei waren die Nachrichten aus Budapest rund zwei Stunden vor dem Anpfiff nicht dazu angetan, der deutschen Mannschaft zusätzlichen Auftrieb vor ihrer Bewährungsprobe gegen den Europameister zu geben. Die Ungarn als großer Außenseiter der Gruppe F hatten Weltmeister Frankreich überraschend einen Punkt abgeknöpft. Damit war klar, dass sich die Konstellation am letzten Spieltag noch weiter zuspitzen wird – ganz gleich, wie das Ergebnis der Deutschen gegen Portugal in München lauten würde.

          Der Bundestrainer hatte sich trotz der Niederlage gegen Frankreich, bei der sich sein Team nur eine einzige ernsthafte Torchance erarbeitet hatte, für dieselbe Startformation entschieden. Und damit auch für eine Dreierkette – mit Kimmich auf der rechten und Gosens auf der linken Seite. Der Bayern-Mittelfeldspieler kehrte damit nicht wieder zurück auf die zentrale Sechserposition, was sich viele Experten in den vergangenen Tagen gewünscht hatten.

          Schon nach wenigen Minuten zeigte sich: Die Deutschen hatten sich viel vorgenommen. Sie wollten unbedingt zeigen, dass sie eine Topmannschaft sind. Und so starteten sie auch. Gleich in der ersten Viertelstunde kam die DFB-Auswahl zu einigen vielversprechenden Aktionen – und entsprechenden Torchancen. Nach fünf Minuten lag der Ball nach einem artistischen Treffer von Gosens sogar im Tor der Portugiesen. Doch der Jubel kam zu früh. Zunächst hatte Müller den Ball an die Hand bekommen, und dann stand Gnabry bei der Flanke im Abseits.

          Das Team von Bundestrainer Löw ließ sich nicht beirren. In der siebten Minute dribbelte sich Gnabry bis auf die Grundlinie durch, aber seine Flanke blieb unpräzise. In der zehnten Minute scheiterte Havertz mit einem schönen Schuss an Torwart Patricio und nur zwei Minuten späterblockten die Portugiesen einen Schuss von Kroos, der von Gosens schön freigespielt worden war.

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          Doch dem fulminanten Start folgt schon nach einer Viertelstunde der Rückschlag. Nach einer Ecke von Kroos köpfte Ronaldo den Ball aus dem eigenen Strafraum – und der portugiesische Konter nahm Fahrt auf. Die deutsche Mannschaft hatte jegliche Absicherung vergessen, und Silva konnte den Ball unbedrängt über die rechte Seite treiben, dann spielte er Jota frei, der den Ball von der linken Seite quer in den Strafraum spielte – und Ronaldo aus wenigen Metern mit seinem dritten Turniertor zur 1:0-Führung für Portugal traf. Der Gegentreffer zeigte Wirkung bei den Deutschen, die damit zwischenzeitlich auf den letzten Platz der Gruppe zurückgefallen waren.

          Robin Gosens machte ein ganz besonderes Länderspiel. Bilderstrecke
          Die Bilder des EM-Spiels : Diesmal macht Portugal die Eigentore

          Portugal lauerte weiter auf deutsche Fehler. Ronaldo leitete einen schönen Angriff mit einem Hackentrick ein (21.), in dessen Folge Jotas Schuss noch von der deutschen Abwehr zur Ecke geblockt werden konnte. Der führte dann nach Flanke von Guerreiro, aber der Kopfball von Dias verfehlte sein Ziel (22.). Die schon gegen Frankreich willensstarke deutsche Mannschaft gab sich nicht auf. Doch nach einer halben Stunde war sie noch keinen Schritt weiter gekommen. Sie dominierte zwar das Spiel, war im Gegensatz zur Partie gegen Frankreich auch torgefährlich, doch die Taktik der Portugiesen schien aufzugehen: abzuwarten, und auf Konter zu spielen.

          Doch angetrieben vom unermüdlichen Kimmich erzwangen die Deutschen nach 35 Minuten den verdienten Ausgleich. Kimmich verlagert das Spiel per Flugball auf die linke Seite, wo Gosens im Strafraum den Ball entschlossen in die Mitte des Strafraums weiterleitete – Havertz schob im Zweikampf mit Dias seinen Fuß nach vorne, doch der Portugiese verlängert den Ball ins eigene Tor. zum 1:1. Das Tor wirkte wie eine Erlösung auf die deutsche Mannschaft.

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          Und nur vier Minuten später hatten sie das Spiel tatsächlich gedreht. Müllers Hereingabe von der linken Strafecke verpasste zwar Havertz, doch Kimmich setzte nach und brachte den Fall von der Außenlinie zurück in den Fünfmeterraum, wo der Dortmunder Guerreiro den Ball zum 2:1 ins eigene Tor beförderte. Nun war die deutsche Mannschaft im Turnier angekommen. Und es hätte nicht viel gefehlt, wenn sie auch mit einem dritten Tor in die Pause gegangen wäre. Doch Gnabrys schönes Solo in der Nachspielzeit machte Torwart Patricio zunichte.

          Nach der Pause machten die Deutschen sofort da weiter, wo sie aufgehört hatten. Und es war wieder Müller, der den nächsten Treffer mit einem klugen Zuspiel auf den starken Gosens vorbereitete, der auf der linken Seite im Strafraum freistand – sein Zuspiel verlängerte Havertz aus wenigen Metern zum 3:1. (51.). Nun lautete die Frage: würden die Deutschen diesen Vorsprung auch ins Ziel bringen. In dieser Saison hatten sie, bevor Hummels und Müller ins Team zurückkehrten, immer wieder Rückschläge hinnehmen müssen.

          Doch bevor sich die Zuschauer größere Sorgen machen mussten, gelang Gosens nach dem nächsten überzeugenden Angriff mit einem schönen Kopfball das 4:1 (60.). Die Portugiesen wiederum nutzten in der 68. Minute eine deutsche Unaufmerksamkeit in der Abwehr nach einem Freistoß und verkürzten durch Jota auf 2:4. Würde es jetzt noch mal spannend? Zumindest ein bisschen – in der 79. Minute traf Sanches den Pfosten. Und machte damit klar, dass die deutsche Defensive weiterhin verwundbar ist.

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