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Deutsche Mannschaft : Die mühsame Suche nach Lösungen

  • -Aktualisiert am

Keine Lösungen im deutschen Angriff: auch Müller bringt bislang keinen Ertrag. Bild: AP

Die beste Bilanz an einem Abend des zähen Ringens liefert die weltmeisterliche Innenverteidigung mit Boateng und Hummels. Doch offensiv fehlt der Mannschaft Esprit und der richtige Zug zum Tor.

          3 Min.

          Sie gönnten sich nichts, und sie erlaubten sich nichts. Es war ein Patt auf gehobenem europäischem Niveau. Kein Spiel, das zu Träumen einlud, wohl aber eine deutsch-polnische Begegnung, die dem Weltmeister deutlich vor Augen führte, wie schmal der Grat zwischen Erfolg und Absturz bei dieser Europameisterschaft sein dürfte. Defensiv ließ die Mannschaft um den wie immer souveränen Jerome Boateng und seinen nach wochenlanger Verletzungspause zurückgekehrten Kompagnons Mats Hummels fast nichts zu, was beunruhigend hätte wirken können; offensiv jedoch fehlte der Esprit, der Mut zum selbstbewusst eingegangenen Risiko und die Fähigkeit, sich auch auf engem Raum Platz zu verschaffen.

          Die Folge war am Donnerstagabend im Stade de France vor 74.000 Zuschauern unübersehbar: Eine richtige Torgelegenheit fehlte an diesem Abend der beiderseits gebundenen Kräfte. Weiterhin führen die Deutschen die Gruppe A bei der Europameisterschaft mit vier Punkten vor den gleichauf liegenden Polen an, die ein Tor weniger geschossen und auch noch keinen Gegentreffer zu beklagen haben. Damit ist noch keine der beiden Mannschaften für das Achtelfinale qualifiziert – ein Ziel, das beide Teams am kommenden Dienstag gleichwohl erreichen sollten, wenn Deutschland in Paris (18 Uhr / Liveticker bei FAZ.NET) auf den mutigen Außenseiter Nordirland (drei Punkte) und Polen gleichzeitig in Marseille auf die chancen- und punktlosen Ukrainer trifft.

          Der Defensivverbund steht: Boateng/Hummels ließen kaum polnische Chancen zu. Bilderstrecke
          Der Defensivverbund steht: Boateng/Hummels ließen kaum polnische Chancen zu. :

          Am späten Donnerstagabend aber ging es nicht um verpasste drei Zähler, sondern um den konkreten Nullertrag von Saint-Denis nach einem intensiven, teilweise sogar rasanten, aber doch sehr chancenarmen Duell unter Nachbarn. Polen hat gegenüber dem Weltmeister erheblich aufgeholt, während die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw, zuletzt eher in der Defensive anfällig, nach ihrer alten Offensivpower sucht. Eine Erkenntnis, die auch innerhalb der ersten Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes kritisch beleuchtet wurde.

          Deutliche Worte vom Mann des Spiels

          Die deutlichsten Worte für die Versäumnisse gegen die Polen fand Jerome Boateng. Der zum „Man of the  Match“ gewählte Abwehrchef wurde nach dem Schlusspfiff zum Angreifer, als er bündig feststellte: „Das war vor allem vorne einfach zu wenig. Wir können froh sein, dass wir 0:0 gespielt haben. Offensiv hat viel gefehlt, das müssen wir verbessern, sonst kommen wir nicht weit.“ Was Boateng deutlicher noch als Löw öffentlich einforderte, lieferte er sogleich nach: „Wir müssen mehr Laufwege machen, mehr investieren.“

          Mag der Chefkritiker auch so manches aus dem Ärger über den verpassten Sieg und den nicht eingelösten hohen Anspruch eines Weltmeisters gesagt haben, so gab ihm das Spiel ohne die Momente, in denen alles passieren kann, recht. Offensiv hakte es im Stade de France an zu vielen Stellen: Müller derzeit nicht in Form, Özil – er besaß die beste deutsche Gelegenheit bei einem Distanzschuss, den Fabianski parierte (72.) – gegenüber dem 2:0-Auftaktsieg gegen die Ukraine nur leicht verbessert, Draxler und Götze ohne durchschlagenden Drang zum Tor. Wie soll aus gelegentlichen Andeutungen der eigenen Möglichkeiten so etwas wie eine konkrete Bedrohung für den Gegner werden?

          Löw sah die Dinge so ähnlich. Am Tag der deutschen Rückkehr in jene Arena, in der er und die Spieler am 13. November beim Länderspiel gegen Frankreich mit der Pariser Terrornacht vom 13. November 2015 konfrontiert worden waren, sagte er: „Die letzte Aktion, der letzte Pass vor das Tor war heute nicht gut. Wir haben im letzten Drittel einfach zu wenige Chancen herausgespielt, weil die Polen es auch gut gemacht haben.“ Aus 65 Prozent Ballbesitz schlug die Mannschaft, die es auf gerade mal drei Torschüsse brachte, null Kapital.

          Dafür wächst in der Abwehr wieder zusammen, was zusammengehört: die weltmeisterliche Innenverteidigung Boateng/Hummels, die demnächst auch beim FC Bayern München ganze Arbeit verrichten wird. Hummels, genesen von einem Muskelfaserriss in der Wade, hatte nur zu Beginn ein paar kleinere Probleme; Boateng erlaubte sich in der zweiten Hälfte ein, zwei Momente, die er besser hätte lösen können. Insgesamt aber lobte Löw den Abwehrverbund, der „gut gespielt und kaum eine Chance zugelassen“ habe. Tatsächlich kamen die Polen so gut wie nie dazu, einen ihrer gefürchteten Konter auszuspielen.

          Berlin : Fans mit Leistung der deutschen Mannschaft zufrieden

          Auch Robert Lewandowski, der Stürmerstar der Bayern, deutete seine Gefährlichkeit nur an wie der bisher einzige polnische Torschütze Arkadiusz Milik, der die beste Chance in der 46. Minute mit einem verunglückten Kopfball vergab. „In der zweiten Halbzeit hatten wir Glück“, sagte Hummels, der am Ende der zufriedenste deutsche Spieler war. Verletzung überstanden, die alte Dortmunder Hochform nicht mehr weit entfernt: Das war die beste deutsche Nachricht an diesem Abend eines zähen Ringens ohne nennenswerten Ertrag.


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