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Deutsche Abwehrchefs : Ein bisschen wie Beckenbauer

Deutschlands Innenverteidigung: Hummels (links) und Badstuber gegen Hollands Huntelaar Bild: dpa

Wegen kleiner Unterschiede wird der eine deutsche Innenverteidiger jeweils als Gegenentwurf zu seinem Pendant gesehen. Eines verbindet die Beiden: Sie überzeugen durch Leistung. Während Hummels stabilisiert und polarisiert, lässt Badstuber Taten sprechen.

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          Mats Hummels liest viel. Jeden Tag. Auch bei der Europameisterschaft. Aber er sagt, er renne nicht den ganzen Tag im Quartier mit einem Buch unter dem Arm herum. Er lese vielmehr, was ihn am meisten interessiert. Und das sind Berichte über den Sport, genauer: über Fußball. Und um ganz genau zu sein: Berichte über die Nationalmannschaft. Und über ihn selbst. Da liest Hummels besonders aufmerksam. „Ich lese mir eigentlich nach allen Spielen alles durch, da mache ich keinen Unterschied zwischen guten und schlechten Spielen“, sagt er. Hummels will bei der Lektüre feststellen, welche Unterschiede es in der öffentlichen Meinung und innerhalb der Mannschaft in der Bewertung gebe, sagt er, und die Unterschiede, so hat er mittlerweile festgestellt, seien mitunter groß.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Kurz vor der Europameisterschaft war der Unterschied in der Bewertung sogar sehr groß, zumindest für Hummels. Da ging es in einem Artikel des „Spiegel“ um ihn und Holger Badstuber, die beiden deutschen Innenverteidiger. Die Überschrift lautete: „Das ungleiche Paar“. Danach konnte man Hummels für einen extrem selbstbewussten Spieler halten oder, salopp gesagt, für einen, der sich für den Größten hält. Dem Leser Hummels hat das natürlich nicht gefallen.

          Und so entschied der Profi Hummels nach seinem überraschenden Einsatz im ersten Turnierspiel gegen Portugal, bei dem er eine vorzügliche Leistung abgeliefert hatte, die Journalisten in der Mixed Zone einfach schweigend stehen zu lassen. Hummels sagte später, dass er die Berichterstattung auch über die anderen Dortmunder Spieler in der Nationalelf „extrem negativ“ in jenen Tagen fand: „Da halten wir sehr zusammen, und deswegen habe ich kollektiv gesagt: ,Nein, ich sage jetzt nach dem Spiel gegen Portugal nichts in der Mixed Zone’“, erzählte er in einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Und so wirkte das Schweigen in den Katakomben wie eine Strafe.

          „Wir“ oder „ich“?

          Am nächsten Tag erschien Hummels auf der Pressekonferenz, dort genoss er das 1:0 gegen Portugal und seinen persönlichen Erfolg. Nach dem zweiten deutschen Sieg gegen Holland gab der Dortmunder, der wieder einen starken Auftritt hingelegt hatte, bereitwillig Interviews. Es läuft nun so, wie er es sich gewünscht hat. Auf die Frage, ob er mit dem Turnier zufrieden sei, sagte er: „Zumindest bisher, weil ich spiele, wir gewonnen haben und ich meinen Teil dazu beitragen konnte.“ Die Reihenfolge bei der Aufzählung mag nicht allzu wichtig erscheinen, womöglich war sie unbedacht, aber in der Nationalmannschaft wird seit Jahren genau registriert: Ob ein Spieler zuerst „wir“ sagt - oder „ich“.

          Liest viel: Mats Hummels

          Hummels sagt selbst über sich, dass es mit elf Spielern seines Schlags in einer Mannschaft nicht einfach wäre. Olaf Thon, der frühere Nationalspieler, schwärmt unterdessen über den Dortmunder in höchsten Tönen. Thon ist Schalker, das will etwas heißen: „Er hat außergewöhnliche Fähigkeiten und ist sehr robust im Zweikampf. Er ist ein bisschen wie Beckenbauer. Bei diesem Turnier kann er noch lernen und in zwei oder drei Jahren der Leader sein.“ Auch in ausländischen Zeitungen ist der Vergleich mit Beckenbauer in diesen Tagen schon aufgekommen. Hummels entgegnete, der Vergleich sei eine Ehre, aber da er Beckenbauer nie habe spielen sehen, könne er das schlecht beurteilen. Sein Vorbild sei Zinédine Zidane, aber an den käme er nicht heran.

          „Jetzt wächst der Hunger“

          Holger Badstuber geht mitunter auch schweigend durch die Mixed Zone, aber das liegt daran, dass die Journalisten nicht so viel von ihm wissen wollen. Sie sehen, was er auf dem Platz leistet, wie er gegen Portugal und dann gegen Holland zuverlässig seine Arbeit verrichtete. Das genügt ihnen oft. Badstuber wirkt auch nicht, als ob er gerne viele Worte über sein Spiel verlieren würde. Vor der Partie an diesem Sonntag gegen Dänemark hat man gar nichts von Badstuber gehört, er sprach öffentlich nur nach dem Auftakterfolg. „Jetzt wächst der Hunger. Er ist da. Ich spüre ihn“, hatte der Münchner da gesagt. „In der Mannschaft ist auch deutlich zu sehen, wie jeder für den Titel an einem Strang zieht. Aber das geht nur, wenn wir immer von Spiel zu Spiel denken. Nur dann sind wir stark.“

          Offensivqualitäten: Nach Standardsituationen der Deutschen wirbeln beide Innenverteidiger oft gefährlich im gegnerischen Strafraum

          Man kann sagen, dass Badstuber bei der Nationalmannschaft bescheiden auftritt, und dies allein genügt mitunter schon, dass nun der eine Innenverteidiger als der Gegenentwurf des anderen betrachtet wird - zwei Innenverteidiger, die jeweils 23 Jahre alt sind, die an Körpergröße nur zwei Zentimeter trennen, die zusammen beim FC Bayern aufgewachsen sind und von ihrem früheren Trainer Hermann Gerland vor vier Jahren schon hörten, dass sie einmal Deutschlands Innenverteidigung sein würden. So ist es gekommen. Badstuber und Hummels stabilisieren nun tatsächlich gemeinsam die deutsche Defensive. Aber polarisieren, das macht nur einer von ihnen.

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