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Rückkehr des DFB-Kapitäns : Was, wenn Schweinsteigers Knie nicht hält?

Bis zur Selbstaufgabe: Bastian Schweinsteiger gibt alles für die Nationalelf – aber reicht das? Bild: AFP

Etwas überraschend rückt Bastian Schweinsteiger gegen Frankreich wieder ins deutsche Mittelfeld. Doch ob der DFB-Kapitän das komplette EM-Halbfinale durchhält, ist fraglich. Falls nicht: Ersatz steht bereit.

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          Joachim Löw sprach darüber, als wäre es völlig selbstverständlich. Eigentlich sogar, als wäre es nicht weiter der Rede wert. „Natürlich“, sagte er am Mittwochabend in Marseille, werde Bastian Schweinsteiger gegen Frankreich spielen. Das allerdings hatte sich so in den Tagen vorher nicht unbedingt abgezeichnet. Das Wenige, was aus dem Inneren der Mannschaft zu hören war, ließ eher darauf schließen, dass es nichts werden würde mit einem Einsatz des Kapitäns im Halbfinale der Europameisterschaft an diesem Donnerstag im Stade Vélodrome (21 Uhr / Live im ZDF und im EM-Ticker auf FAZ.NET)

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Den Ausschlag gab dann das Abschlusstraining, das am Donnerstagvormittag noch in Évian stattfand. Dort hatte Schweinsteiger nach seiner Knieblessur aus dem Italien-Spiel wieder mit den Kollegen geübt und war dabei sichtlich guter Dinge. Am Montag hatte Löw noch betont, dass er nur Spieler einsetzen würde, die „hundertprozentig“ fit seien – offenbar ist das bei Schweinsteiger der Fall, auch wenn Löw die kleine Einschränkung machte, dass die Verletzung „so gut wie auskuriert“ sei. „Er hat gegen Italien gezeigt, dass er die Kraft hat, die Physis“, sagte Löw.

          Mit Erfahrung in den Hexenkessel

          Der Kapitän ist also dabei, und das ist eine gute Nachricht für das deutsche Team. „Gerade in einem Hexenkessel wie hier ist seine Erfahrung enorm viel wert“, sagte der Bundestrainer. Angesichts der Ausfälle von Sami Khedira, Mario Gomez (beide verletzt) und Mats Hummels (gesperrt) ist Schweinsteiger als Stabilisator höchst willkommen. Schon gegen Italien war er ja nach einer Viertelstunde für Khedira ins Team gekommen und hatte bis zum Ende durchgehalten. Ohne zu glänzen zwar, aber doch auch als eine gewisse Instanz mit Autorität im Mittelfeld, an der Seite von Toni Kroos. Es war der mit Abstand längste Einsatz für Schweinsteiger bei dieser EM, und Löw wird hoffen, dass die Kräfte auch diesmal bis zum Ende reichen. Falls nicht, sagte er, gebe es noch personelle Möglichkeiten zu reagieren.

          Robust: Emre Can könnte den Franzosen im Mittelfeld mit Energie entgegentreten.
          Robust: Emre Can könnte den Franzosen im Mittelfeld mit Energie entgegentreten. : Bild: dpa

          Die zwei Kandidaten für diesen wichtigen Job hatte Löw am Montag genannt – da noch für ein weniger erfreuliches Ergebnis bei Schweinsteigers Heilungsverlauf: Julian Weigl oder Emre Can. Beide haben bei dieser EM noch nicht eine Minute gespielt, aber Löw wirkte, als würde er ihnen jederzeit das Vertrauen schenken. Das musste er in diesem Moment auch.

          Als Löw über die jeweiligen Vorzüge der beiden räsonierte, wirkte er ein bisschen wie ein Kind im Spielzeugladen. Kaum schien er besonderen Gefallen an dem Einen gefunden zu haben, kam ihm sogleich auch etwas in den Sinn, warum er vielleicht doch lieber den Anderen haben wollte. Das ist einerseits natürlich übliche Trainerrhetorik, soll sich ja keiner verprellt fühlen. Andererseits aber ist es tatsächlich so, dass Weigl und Can zwei Typen sind, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

          Fangen wir bei Can an – alphabetischer Vorzug für einen Alpha-Typen. Emre Can, 22 Jahre alt und seit zwei Jahren beim FC Liverpool, ist schon von der Gestalt eine Erscheinung, die Eindruck macht. Robuster Körper, entschlossener Blick, rein optisch besteht aus der Ferne sogar eine gewisse Verwechslungsgefahr mit Sami Khedira. Das wird Löw auch gemeint haben, als er von Can als einem „wuchtigen“ Spieler sprach, und davon, dass so einer „unserem Spiel sicher guttun würde“. Can ist obendrein von Natur aus Anführer. Der deutsche Fußball hat lange niemanden mehr gehabt, der einen solchen Anspruch schon in jungen Jahren so selbstbewusst formuliert hat.

          „Ich bin vom Typ her vielleicht anders als viele andere“, sagte er in einem F.A.Z.-Interview im Mai. „Ich will ehrlich sein und sagen, was ich fühle und denke.“ Das fügte er noch hinzu, sei bei vielen im Fußball nicht so. „Für mich ist das einfach eine Erfahrung, wie ich im Leben aufgewachsen bin, was ich von meinen Eltern mit auf den Weg bekommen habe. Das will ich auch in den Fußball reinkriegen. Selbstvertrauen, die Mannschaft führen, antreiben - das gehört alles dazu. Das habe ich schon von Anfang an dringehabt.“

          Fußball-EM : Schweinsteiger gegen Frankreich in der Startelf

          Can, in Frankfurt geboren, hat von der U 15 an die Nachwuchsteams des DFB durchlaufen, im Profibereich spielte er ein Jahr beim FC Bayern, wo er in Jupp Heynckes einen fordernden Förderer hatte, und eines in Leverkusen, dann rief die Premier League. In Liverpool hat er sich mittlerweile als „Sechser“ im Team von Jürgen Klopp etabliert, auf der Position, auf der er sich am wohlsten fühlt. Im Nationalteam (6 Länderspiele) hat er bislang nur auf den Außenpositionen verteidigt, wo seine Stärken nicht so zur Geltung kommen. Can verkörpert ganz gut den Volldampf-Fußball, den Klopp spielen lässt - aber auch eine Schwäche, die manchmal damit verbunden ist. Die Neigung zum gelegentlichen Kontrollverlust. Hin und wieder wirkt er etwas ungestüm und muss einen Teil seiner Energie darauf verwenden, vorherige Fehler auszubügeln.

          Genau das könnte der Punkt sein, an dem im Zweifel eher Weigl ins Spiel käme. Auf den ersten Blick wäre es nicht die selbstverständliche Idee, eine so zart wirkende Natur in ein Spiel wie dieses zu schicken, vor allem, wenn es hitzig wird. Andererseits aber hat sich genau das als eine besondere Stärke von Weigl erwiesen. Seine erste Bundesligasaison mit Borussia Dortmund hat er mit einer Sicherheit und Unerschrockenheit absolviert, die einen nur staunen lassen konnte - mit Ausnahme vielleicht von Thomas Tuchel, der es irgendwie gewusst haben muss, nachdem er Weigls besonderes Talent angeblich an einem Fernsehabend während seines Sabbaticals entdeckt hatte, als ein Spiel vom 1860 München in der zweiten Liga lief.

          Bester Dinge: Julian Weigl steht eher für das filigrane Spiel
          Bester Dinge: Julian Weigl steht eher für das filigrane Spiel : Bild: AFP

          Weigl war die Dortmunder Entdeckung der Saison - und er verkörpert ziemlich perfekt den Tuchel-Fußball, der ja zugleich ein Guardiola- und dann irgendwie auch ein Löw-Fußball ist: Kontrolle und Kreativität durch Pässe, Pässe, Pässe. Durch Intelligenz und durch Tempo. Am letzten Spieltag der vergangenen Saison hat Weigl eine Bundesliga-Bestmarke für Ballkontakte aufgestellt: 214 waren es - obwohl er nur 83 Minuten spielte. Tuchel, sagt er, „hat mich in meinen Aktionen schneller gemacht“. Und dadurch auch seine Karriere beschleunigt - bis zu einem Kaderplatz für diese EM.

          Wie gesagt: Löw hat nach außen keine Präferenz für Weigl oder Can durchklingen lassen - und er wird selbstverständlich darauf hoffen, dass Schweinsteiger bis zum Ende durchhält. Falls nicht, wird es spannend, ob er im Ernstfall das Vertrauen in Weigl oder Can legt, wie er das vorher angedeutet hatte. Und wenn, dann in wen? Löw hat Weigl dafür gelobt, wie „unglaublich sicher“ er am Ball sei. Wie gut er Passwege des Gegners antizipiere. Dass er dann noch sagte, die Zeit der Abräumer im Mittelfeld, sei „definitiv vorbei“, hatten viele schon als Votum für Weigl und gegen Can interpretieren wollen.

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          Aber das dürfte nicht der Punkt gewesen sein, schließlich erinnert Can auch von der Spielweise, seinem Drang nach vorn, manchmal an Khedira. Die Frage ist eher, wie viel Risiko Löw mit einem Einsatz eines der beiden zu gehen bereit wäre. Und das scheint bei Weigl, obwohl er erst ein einziges Länderspiel absolviert hat, geringer zu sein. Aber wie gesagt: Die Lage hat sich seit Montag noch einmal geändert - ob nur zur Freude, oder auch zur Überraschung des Bundestrainers, blieb sein Geheimnis.

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