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EM-Finale gegen England : Darum ist Immobile so wichtig für Italien

  • -Aktualisiert am

Am Tor zum Paradies? Ciro Immobile Bild: AFP

Im Verein wird Ciro Immobile für seine Tore gefeiert. Im Nationalteam indes gibt es einige Kritik an ihm. Dabei hat der Stürmer eine wichtige Rolle. Vor dem EM-Finale springen ihm viele nun bei.

          3 Min.

          Am Sonntag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM, im ZDF und bei MagentaTV) ist EM-Finale, und in Italien ist man gerade dabei, den unglaublichen Gang der Dinge zu realisieren. „Vor drei Jahren waren wir noch in der Hölle, und jetzt treten wir über den Haupteingang ins Paradies ein“, schreibt der für italienische Verhältnisse sonst eher nüchterne Corriere della Sera. Im Zeitraffer betrachtet, ist der italienischen Nationalmannschaft ja wirklich Ungeheuerliches widerfahren. 2017 verpasste sie die Qualifikation für die WM im folgenden Jahr, jetzt steht das Team von Trainer Roberto Mancini im EM-Finale 2020.

          Fußball-EM

          Und das Seltsame daran ist, dass es teilweise sogar mit den gleichen Spielern passiert ist. Die Abwehr-Routiniers Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci waren bei der Schmach von 2017 dabei, die Seelen des italienischen Spiels, Marco Verratti und Jorginho, machten damals auch schon mit. Und vorne mühte sich damals wie heute Ciro Immobile ab. Sieht man einmal von den Namen ab, dann sind die Mühen des Stürmers Immobile die einzige echte Konstante im italienischen Team von damals und heute geblieben.

          Italien ist das möglicherweise kompletteste Team bei dieser Europameisterschaft. Vier Spiele zeigte die squadra azzurra leichtfüßigen Offensivfußball. Im Achtelfinale gegen Österreich tat sich die Mannschaft schwer, siegte aber in der Verlängerung nach einer Art Charaktertest. Im Halbfinale gegen Spanien entdeckte Italien mit einer herausragenden Defensivleistung alte Tugenden wieder, der Sieg gelang dann erst im Elfmeterschießen. Seither bewegen zwei Debatten die Herzen der italienischen Tifosi. Ist es eine Tugend oder ein Limit, den gerade erst neu entdeckten Ballbesitzfußball geopfert zu haben für eine weniger ansehnliche Defensivleistung?

          „Er verhedderte sich oft“

          Im Finale gegen das weniger ballsichere England ist damit zu rechnen, dass Italien wieder das Kommando übernehmen und das Spiel gestalten wird. Die zweite Frage lautet: Was treiben eigentlich Italiens Stürmer? Nominell bietet Mancini drei Offensivkräfte auf, von denen eigentlich nur einer ein echter Angreifer ist, Ciro Immobile von Lazio Rom. In der Gruppenphase des Turniers erzielte er zwei Treffer, seither reibt er sich in wenig ansehnlicher Manier auf.

          Vor allem nach dem Viertelfinale gegen Belgien hagelte es Kritik. „Er kämpfte, aber verhedderte sich oft“, urteilte La Repubblica. Trainer Mancini behauptete anschließend, sein Stürmer werde dann eben die kommenden Spiele entscheiden. Einen Treffer hat Immobile nicht mehr erzielt, ein Tor im Finale wäre nun der Höhepunkt. Seinen Beitrag hat er im Halbfinale gegen Spanien aber geleistet. Als der 31-Jährige nach 60 Minuten ausgewechselt wurde, nahm der Druck der Spanier zu, Italien wurde immer tiefer in den eigenen Strafraum gedrängt und musste schließlich auch den 1:1-Ausgleich hinnehmen.

          Immobiles Entlastungsläufe fehlten. Bei der 1:0-Führung von Federico Chiesa hatte der Angreifer zudem Raum für den Torschützen geschaffen und die Verteidiger an sich gebunden. Dass Stürmer wie Immobile in Mancinis Team nicht nur an Toren gemessen werden, sondern an ihrem Arbeitsaufwand, den sie für die Mannschaftskollegen betreiben, wurde da offensichtlich. Den Treffer habe er Immobile zu verdanken, behauptete Chiesa. Bei dieser Feststellung war wohl auch freundschaftliches Wohlwollen für den Stürmer in Schwierigkeiten dabei.

          Während Immobile bei Lazio Rom in 177 Spielen 123 Mal traf, gelangen ihm in der Nationalmannschaft bislang erst 15 Treffer (51 Spiele). 2020 gewann Immobile, der einst bei Borussia Dortmund durchfiel, mit 36 Serie-A-Treffern gar den Goldenen Schuh als bester europäischer Stürmer. Mancini ist es egal, wer die Treffer erzielt. Im Finale wartet mit England ausgerechnet das nominell abwehrstärkste Team. Die Mannschaft von Gareth Southgate bekam im ganzen Turnier nur ein einziges Gegentor – und das durch einen direkt verwandelten Freistoß im Halbfinale gegen Dänemark.

          Tatsache ist, dass vor allem die italienischen Mittelfeldspieler Torgefahr verströmen, allen voran Flügel-Angreifer Federico Chiesa. Immobile ist der aufopferungsvollste Spieler im italienischen Team. Er beginnt als Sturmspitze mit dem Pressing, beim Abschluss fehlt ihm dann oft die Präzision. Mancini hat seinen Stürmer für die Spielidee geopfert. Die Idee ist, einen stetigen und starken Druck zu erzeugen, sodass die Gegner zu Fehlern gezwungen werden. Immobile engagierte sich für die Monate des Lockdowns gar einen Personal Trainer, mit dem er an seiner Ausdauer und am mentalen Aspekt seines Spiels arbeitete. „Spaß haben, ohne Erwartungen zu schüren“, habe die Devise gelautet.

          Doch die Erwartungen an Immobile sind enorm. Ganz Fußball-Italien springt dem Stürmer vor dem Finale nun bei. „Ich teile die Kritik an ihm nicht“, sagte zum Beispiel der frühere Nationaltrainer Antonio Conte. „Er macht die schmutzige Arbeit, stört immer die beiden gegnerischen Innenverteidiger, geht in die Räume.“

          Seine Mitspieler profitierten von Immobiles Bewegungen. Auch der einstige Stürmerkollege Christian Vieri nahm Immobile und seinen ebenfalls kritisierten Vertreter Andrea Bellotti in Schutz: „In der Nationalmannschaft spielst du als Stürmer nicht, um deine Tore zu machen, sondern für dein Land. Wenn du Tore machst, okay. Wenn du keine erzielst, aber deiner Mannschaft dienst, ist es auch gut“, sagte Vieri.

          „Senza Paura“ (Ohne Angst) lautete der Titel der Gazzetta dello Sport am Freitag. England spielt im Wembley-Stadion vor eigenem Publikum und möchte den ersten Titel seit 55 Jahren gewinnen. Das ist große Motivation, aber vielleicht auch Bürde. Manchmal können aber auch die Italiener selbst noch nicht recht glauben, was ihnen in diesem Turnier widerfahren ist. „Am Anfang, vor drei Jahren, als Mancini behauptete, dass wir wieder Sieger werden können, dachten wir, er sei verrückt“, kommentierte Verteidiger und Kapitän Giorgio Chiellini. „Jetzt sind wir hier. Es fehlt nur der letzte Zentimeter.“

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