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Emotionale Eriksen-Botschaft : „Ihr seid einfach geil“

  • -Aktualisiert am

Hochemotionales Spiel: Dänemarks Kapitän Simon Kjaer (links) und Torwart Kasper Schmeichel Bild: Reuters

Es gibt nach dem Kollaps von Christian Eriksen viele Emotionen im Spiel der Dänen gegen Belgien, in dem Trainer Kasper Hjulmand auf den Nachwuchs setzt. Mikkel Damsgaard ersetzt Eriksen überraschend.

          3 Min.

          Es gehört zum Wesen des Fußballs, dass es immer weitergeht, immer etwas Nächstes kommt. Das nächste Spiel, das nächste Tor, der nächste Star. Selbst wenn etwas so Einschneidendes geschehen ist wie am vergangenen Samstag in „Parken“, dem dänischen Nationalstadion. Nach dem 1:2 der Dänen am Donnerstagabend gegen Belgien drehte sich weiterhin fast alles um Christian Eriksen.

          Fußball-EM

          Aber der Blick richtete sich auch auf Mikkel Damsgaard. Der 20 Jahre alte Mittelfeldspieler hatte auf Eriksens Position gespielt; überraschend, denn Mathias Jensen war dort erwartet worden. Der dänische Trainer Kasper Hjulmand setzte aber auf Damsgaard, das große Talent, das er als Coach des FC Nordsjælland mitentwickelt hat. Nordsjælland ist ein Klub in Kopenhagens Norden, der prinzipiell auf junge Profis setzt und sie dort technisch und taktisch ausbildet. Weiterverkauf ist Geschäftsprinzip.

          Damsgaard, der mittlerweile für Sampdoria Genua spielt, also für den neun Jahre älteren Eriksen, das war mutig im Spiel gegen den besten Gegner der Gruppe. Und Hjulmands Courage wurde belohnt, denn schon nach 99 Sekunden schoss Yussuf Poulsen die Dänen in Führung. Weitere Treffer verpasste Hjulmands Elf in einer furiosen ersten Halbzeit, und als Belgien der Reihe nach Kevin De Bruyne (46. Minute), Axel Witsel und Eden Hazard einwechselte (beide 59.), drehte sich das Blatt, und der Favorit siegte dank der Tore von De Bruyne und Thorgan Hazard 2:1.

          „Ich bin einfach nur stolz“

          Tatsächlich war es aber vor allem ein Spiel der kleinen und großen Gesten. Der ganze Rahmen, die gesamte Herangehensweise war bestimmt von Eriksens Kollaps am vergangenen Samstag und den Folgen. Das kulminierte in der elften Minute, als der niederländische Schiedsrichter Björn Kuipers den Ball in die Hand nahm, das Spiel unterbrach und mit einstimmte, als alle Akteure und das Publikum begannen zu applaudieren. In seinem knapp 500 Meter entfernten Krankenbett könnte Eriksen die Botschaft vernommen haben. Man weiß es nicht. Die Idee, das Spiel zu unterbrechen, soll von belgischen Spielern gekommen sein.

          Ein langes Banner mit der Aufschrift „Ganz Dänemark ist bei dir“ entrollte sich auf der Tribüne. Nach einer Minute ging es weiter. Die dänischen „Roligans“ stimmten wie schon am Samstag ihr „Vi er røde, vi er hvide, vi står sammen sidde om sidde“ an, den Song, der von 1986 stammt, als Trainer Sepp Piontek Dänemark zur WM nach Mexiko führte.

          Tatsächlich schienen die Dänen die Energie von den Rängen aufzusaugen. „Da war eine Unterstützung, die ich so noch nie vorher erlebt habe“, sagte Poulsen, und die Zeitung Politiken schrieb: „Nur jemand aus Stein wäre in diesem Stadion nicht gerührt gewesen.“ Trainer Hjulmand lobte den Mut seiner Spieler, bloß fünf Tage nach dem Schock eine solch leidenschaftliche Partie hingelegt zu haben: „Ich bin einfach nur stolz. Für uns ist diese EM noch nicht beendet.“

          Mit ein bisschen Glück kann trotz zweier Niederlagen ein Sieg am Montag gegen Russland reichen, um das Achtelfinale zu erreichen. Und selbst wenn nicht – auch in Dänemark hat es Entfremdungstendenzen zwischen Publikum und Verband gegeben, Streit zwischen Spielern und Verband, gierige Profis, selbstherrliche Funktionäre, beide Seiten hatten ihren Anteil, dass die DBU in der Öffentlichkeit nicht mehr den besten Ruf genießt. Ihr Slogan „En del af noget større“ („Ein Teil von etwas Größerem“) wurde belächelt, verspottet. Jetzt plötzlich steht zumindest die erste Auswahl der DBU samt Stab für Teamgeist, Fairplay, Mitgefühl. Menschlichkeit. Das ist viel mehr wert als ein Weiterkommen.

          Fußball-EM

          Und so sah das wohl auch Eriksen, als er nach dem Spiel eine Botschaft in den Messenger-Chat des Teams einstellte: „Ihr seid einfach geil.“ In dieser Gefühlslage erinnerte Trainer Hjulmand daran, dass schwierige Wochen auf Eriksen zukämen, mit Gedanken an die weitere Karriere. Ihm soll ein Schrittmacher implantiert werden, der Rhythmusstörungen verhindert. Eriksen ist bei Inter Mailand unter Vertrag, und aus Italien kam am Freitag die Kunde, dass Spitzensport mit einem Defibrillator verboten sei. Wie es für ihn als Fußballer weitergeht, steht bei aller Freude über die Genesung also in den Sternen.

          Mikkel Damsgaard aber habe nicht nur für Christian Eriksen gespielt, sondern auch wie Michael Laudrup, schrieb eine dänische Zeitung. Vielleicht. Auf jeden Fall war es ein gutes Stück Normalität nach dem emotionalen Ausnahmezustand der Dänen, dass Damsgaard in der 69. Minute mit einer Schwalbe versuchte, einen Foulelfmeter zu schinden, und dafür die Gelbe Karte bekam.

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