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Eriksen-Drama im EM-Spiel : Gerührt, erleichtert und stolz auf die Spieler

  • -Aktualisiert am

Zum Angebot des europäischen Verbandes UEFA, entweder weiterzuspielen oder auf Sonntag, 12.00 Uhr, zu verlegen, ohne weitere Ausweichmöglichkeit, fanden sowohl Hjulmand als auch Møller kritische Worte. „Es gab keinen Druck seitens der UEFA“, sagte Møller, „aber wir sollten jetzt darüber nachdenken, was wir ins solchen Fällen zukünftig machen. Fußball ist nicht das Wichtigste auf der Welt. Das sind unsere Familien und Freunde.“ Hjulmand sagte, rückblickend betrachtet sei es die falsche Entscheidung gewesen, weiterzuspielen: „Der Schiedsrichter hat es gut gemacht, die Delegierten auch, aber ehrlich gesagt hätten wir aus heutiger Sicht nicht antreten sollen. Wir hätten uns in den Bus setzen sollen, ins Hotel fahren und sehen, was passiert. Dass meine Spieler überhaupt angetreten sind, während sie nicht wussten, ob ihr Freund überlebt, macht mich stolz.“

Kapitän Simon Kjær hatte die Bedingung gestellt, erst zu spielen, wenn verlässliche Nachrichten über den Zustand Eriksens vorlägen. Nach der Video-Schalte ins Krankenhaus „waren aber alle dafür zu spielen“, sagte Hjulmand im Rückblick, nachdem in der finnischen Kabine beschlossen worden war „zu tun, was die Dänen machen wollen“, wie Torjäger Teemu Pukki erklärte.

Christian Eriksen war einfach umgekippt in dieser 43. Minute des Spiels Dänemark gegen Finnland, mit weit aufgerissenen Augen. Die Spieler in seiner Nähe hatten innerhalb von Sekunden den Ernst der Lage erkannt. Mediziner stürmten auf den Platz, „er lag auf der Seite, atmete und hatte auch Puls. Aber plötzlich änderte sich das, und wir haben mit der Herzmassage begonnen“, berichtete Boesen. Die Dänen bildeten eine Traube um den am Boden liegenden Kollegen, um ihn vor den Blicken der Menschen und vor den Kameras zu schützen. Die Panik in ihren Gesichtern machte dennoch deutlich, wie ernst die Lage war. Es flossen Tränen.

Noch bevor das Spiel mehr als 100 Minuten nach Eriksens Zusammenbruch fortgesetzt wurde – es endete 1:0 für Finnland –, meldete sich der wiederbelebte Profi vom Krankenbett bei seinen Mitspielern in der Kabine. Er habe sich eine Fortsetzung der Partie gewünscht, wurde später berichtet. Den Vereinskollegen bei Inter Mailand hatte er da schon eine Nachricht des Inhalts „I’m good“ geschickt. Auch Trainer Hjulmand stand via Messenger im Kontakt mit ihm und bekam die Nacht über beruhigende Nachrichten.

Was medizinisch passiert war, kreiste am Sonntag zur Mittagszeit der deutsche Mannschaftsarzt Tim Meyer ein: „Sein Herz hat Rhythmusstörungen entwickelt und in der Folge wurde zu wenig Sauerstoff ins Gehirn transportiert. Dieses Kammerflimmern wurde erfolgreich mit einem Defibrillator behandelt. Die dänischen Kollegen haben vorbildlich gehandelt. Es ist von Vorteil, wenn ein Notarzt am Spielfeldrand sitzt. Man hat durch schnelle und adäquate Reaktion ein Leben retten können.“

In den digitalen Netzen kursierten Mitarbeiter-Zitate aus der medizinischen Abteilung von Eriksens Klub Inter Mailand, denen zufolge der Spieler am 31. Mai mit dem Vakzin von Biontech/Pfizer gegen das Coronavirus geimpft worden sein soll, was ja in sehr seltenen Fällen zu Schädigungen des Herzmuskels führen kann. Aus Mailand hieß es dann, entsprechende Zitate seien frei erfunden, Eriksen habe weder eine Covid-19-Erkrankung hinter sich noch eine Impfung erhalten. So äußerte sich Inter-Klubchef Beppe Marotta.

Tim Meyer, der deutsche Teamarzt, sagte dazu: „Es gibt keinen Hinweis darauf, dass dieser Fall etwas mit einer Corona-Erkrankung oder einer Impfung zu tun hat.“ Aus England kam von einem Londoner Herzspezialisten die Kunde, dass Eriksen bei den obligatorischen Untersuchungen als Profi von Tottenham Hotspur zwischen 2013 und 2020 keinerlei Auffälligkeiten am Herzen gehabt habe.

Der dänische Verband verbat sich Spekulationen und voreilige Schlüsse. So kurz nach dem Schock vom Samstag sollte die Freude überwiegen, dass Christian Eriksen überlebt hat. Die Analyse des „warum“ wird aber zwangsläufig folgen.

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