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DFB-Aus im EM-Halbfinale : Ein deutscher Fehlgriff mit Folgen

  • -Aktualisiert am

Das war’s: Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller sind geschockt Bild: Reuters

Das zweite Handspiel binnen weniger Tage bringt vieles zum Einsturz, was das DFB-Team vorher eindrucksvoll errichtet hatte. So bleibt von dieser EM zwar eine Leistung, die sich sehen lassen kann. Aber auch eine Erkenntnis.

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          Thomas Müller hat vor kurzem eine ziemlich treffende Bemerkung über sein Team gemacht. Dass die Deutschen wie eine erwachsene Mannschaft spielten bei dieser Europameisterschaft. Es mag im Nachhinein bitter klingen. Aber das ließ sich auch über weite Strecken des Auftritts gegen Frankreich sagen. Der hatte 45 Minuten lang alle Zutaten, um den Deutschen den Sprung ins Finale von Paris zu bescheren. So cool wie Joachim Löws Team muss man sich erst einmal präsentieren vor dieser gewaltigen Kulisse des Stade Vélodrome von Marseille gegen die Mannschaft des EM-Gastgebers.

          Was alle fußballspezifischen Parameter des Spiels betrifft, hatten sich die Deutschen lange Zeit nichts vorzuwerfen – bis wieder ein Körperteil ins Spiel kam, der dort nichts zu suchen hat. Bastian Schweinsteigers Ballberührung mit der Hand bei einem Kopfballduell mag läppisch angemutet haben, verboten war sie dennoch. Und dieser zweite Fehlgriff binnen weniger Tage brachte vieles von dem zum Einsturz, was die Deutschen vorher so eindrucksvoll errichtet hatten.

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          Nachdem der erste französische Sturm über sie hereingebrochen war, erarbeiteten sie sich von Minute zu Minute mehr Kontrolle über das Geschehen. Und auch wenn die Franzosen danach noch den einen oder anderen guten Angriff spielten: den Ton im Vélodrome gaben meist die Deutschen an. Dank einer wieder einmal vorbildlichen Einstellung. Aber auch wegen eines taktischen Plans, der lange Zeit aufzugehen schien. Wer geglaubt hatte, Löws Freude an der Variation habe sich schon mit der Dreierkette gegen Italien erschöpft, sah sich getäuscht.

          Für die Franzosen gab es ein neues Sondermodell, das der Bundestrainer aus dem Material seines Taktikbaukastens entwarf. Mit Emre Can, der zusätzlich zu Schweinsteiger und Toni Kroos in die Zentrale rückte, sollte diese Zone verdichtet werden. Das bedeutete strukturell einen Anklang an die entscheidenden Momente bei der WM vor zwei Jahren. Individuell stand der Liverpooler, der bis dahin noch keine Minute gespielt hatte bei dieser EM, für eine Extraportion Präsenz, körperliche Robustheit und vielleicht auch einen Schuss Straßenfußballer-Mentalität – das passte gegen die wuchtige französische Offensive um Pogba, Payet und Griezmann.

          Das Kunststück von Löws Maßanfertigung bestand darin, auch offensiv Wirkung zu erzielen. Und selbst das gelang. Chancen besaßen die Deutschen genug - selbst gegen Ende noch. Was fehlte, war einer, der sie nutzt. Einen wie Griezmann, der das schwärmerische Spiel der Franzosen mit kühler Entschlossenheit verband, hatten die Deutschen nicht. Auch deshalb siegte an diesem Abend die Energie über den Kopf.

          So bleibt von dieser EM zwar eine Turnierleistung, die sich sehen lassen konnte. Mit einer erkennbaren Arbeit an den Schwächen und einer sukzessiven Weiterentwicklung während der Wochen in Frankreich. Aber letztlich auch die Erkenntnis, dass das Weltmeister-Modell nicht konkurrenzlos ist. Der französische Sturm der Leidenschaft war bezaubernd – und für die Deutschen am Ende zu stark.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

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