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Matthias Rüb (rüb)

Begeisterung nach EM-Start : Brüder Italiens

  • -Aktualisiert am

Die Italiener jubeln, die Schweizer bereiten sich auf den Abgang vor. Bild: dpa

Dass die Chemie dieser Mannschaft stimmt, merkt man schon beim Herausbrüllen der Hymne. Die EM-Reise der Squadra Azurra könnte bis nach London führen.

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          Drei Tore gegen die Schweiz, drei Schlüsselszenen, die das Erfolgsgeheimnis der Squadra Azzurra entschlüsseln helfen. Sein erstes Tor bereitet Manuel Locatelli, 23 Jahre junger Mittelfeldregisseur bei US Sassuolo Calcio, selbst vor: Er spielt Domenico Berardi, seinen Mannschaftskameraden beim Provinzklub in der Emilia-Romagna, mit einem feinen Pass auf der rechten Außenposition frei, Berardi läuft wieder einmal mit dem Ball bis zur Grundlinie in den Strafraum, passt scharf und flach vors Tor, wo der mitgesprintete Locatelli aus kurzer Distanz vollendet.

          Beim zweiten Tor, einem Flachschuss aus zentraler Position von der Strafraumgrenze, demonstriert Locatelli, was technisch versierte Talente wie er scheinbar mühelos aus dem Fußball-Lehrbuch auf den Rasen übersetzen. Und nach dem dritten Tor, schon in der Nachspielzeit, läuft Schütze Ciro Immobile (Lazio Rom) zur Bank, um am Spielfeldrand seinen zuvor ausgewechselten Sturmpartner Lorenzo Insigne (SSC Neapel) inbrünstig zu herzen.

          Und das alles hat „Nationalmagier“ Roberto Mancini vollbracht, seit er die Azzurri nach der Schmach der verpassten WM-Endrundenqualifikation von 2018 übernahm: Er hat junge Spieler wie Locatelli, die offensiven Mittelfelddauerläufer Nicolò Barella (Inter Mailand) und Federico Chiesa (Juventus Turin) zu Stammkräften in der Nazionale herangezogen; dazu hat er Spätberufenen wie dem Sechser Jorginho (FC Chelsea), dem grandiosen Linksverteidiger Leonardo Spinazzola (AS Rom) und dem Stürmer Andrea Belotti (FC Turin) eine zweite oder dritte Chance gegeben; außerdem übertrug er Stammkräften wie Immobile und Insigne im Sturm und den Abwehrrecken Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci (beide Juventus Turin) die Verantwortung als Fundamentalkräfte. Sie tragen sie ebenso mühelos wie der schon mit 22 Jahren überaus erfahrene Torhüter Gianluigi Donnarumma, der in Zukunft vielleicht Manuel Neuer als weltbesten Mann zwischen den Pfosten ablöst.

          Dass die Chemie dieser nationalen Mannschaft stimmt, merkt man schon beim Absingen, nein Herausbrüllen der Hymne von den „Brüdern Italiens“ vor jedem Spiel. Hier gibt es keine Stars mit Allüren, sondern ein Kollektiv, bei dem noch jeder Ersatzmann auf der Bank um seine zentrale Bedeutung fürs Team und für Trainer Mancini weiß.

          Hier gibt es kein Ungleichgewicht zwischen den Spielern der Krösusklubs aus Turin, Mailand und Rom oder aus Paris und London auf der einen Seite und den Akteuren von „Provinzvereinen“ wie Sassuolo oder FC Turin auf der anderen Seite. Es ist kein Zufall, dass Locatelli und Berardi aus Sassuolo sich beim ersten Tor gegen die Schweiz so blind verstanden haben, wie es die Juve-Profis Bonucci und Chiellini als Abwehrmauer vor Donnarumma seit je tun. Schließlich gibt es in dieser Mannschaft Harmonie zwischen Erfahrung und Talent, zwischen körperbetonter Kampfkraft und inspirierter Spielfreude.

          Und es gibt unter Mancini ein neues Spielsystem, das Epochen vom alten Catenaccio entfernt ist und vor allem vom Angriff lebt. Das 4-3-3-System des hohen Gegenpressings verwandelt sich im Umschaltspiel nach der Balleroberung blitzschnell in eine 2-3-5-Phalanx mit faktisch doppelt besetzten Außenstürmerpositionen. Gewiss, seit 965 Spielminuten hat „il muro“ in der Abwehr vor Donnarumma kein Tor mehr zugelassen, es sind jetzt zehn Siege ohne Gegentreffer in Serie. Aber in diesen zehn Spielen hat die Squadra Azurra auch durchschnittlich 3,1 Tore pro Begegnung erzielt. Gute Aussichten für Italien bei dieser EM. Womöglich führt die Reise bis nach London, ins Finale.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

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