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Andres Iniesta : Blasser „Bonbonverteiler“

Gruß an den verstorbenen Freund: Andres Iniesta gedankt im WM-Finale Dani Jarque Bild: REUTERS

Als Andres Iniesta nach Barcelona kam, weinte er bitterlich. Seinen späteren Trainer schickte er dennoch in Rente. Ein Torjäger ist Iniesta nicht - zwei Treffer machten ihn aber berühmt. Teil 8 des FAZ.NET-EM-Countdowns.

          3 Min.

          Dass Andres Iniesta Aleksandar Ristic kennt, ist eher unwahrscheinlich. Doch der spanische Welt- und Europameister und der bosnische Trainer, der viele Jahre die Bundesliga unterhielt, haben eine Gemeinsamkeit – sie verteilen gerne Bonbons.

          Tobias Rabe
          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Ristic steckte dem Linienrichter vor seiner Bank kurz vor Anpfiff immer zwinkernd eine Pastille zu. Iniestas früherer Coach Frank Rijkaard indes nannte seinen Spieler in Barcelona nur den „Bonbonverteiler“, weil dieser den Mitspielern so viele Bälle so herausragend zupasste.

          Als Iniesta 1984 geboren wurde, war Ristic schon Trainer – bei Eintracht Braunschweig, in der Bundesliga. Zwölf Jahre später schauten die Späher des FC Barcelona bei einem Turnier, das ein Radiosender in der Nähe von Madrid organisiert hatte, genau hin. Wobei sie eigentlich gar keine guten Augen brauchten.

          In der 116. Minute der Verlängerung traf der Spanier zum 1:0 gegen die Niederlande
          In der 116. Minute der Verlängerung traf der Spanier zum 1:0 gegen die Niederlande : Bild: REUTERS

          Der blasse Knirps dribbelte den Nachwuchs ihres berühmten Klubs aus Katalonien im Alleingang aus. Weil Jugendtrainer Enrique Orizaola die Eltern Iniesta bereits kannte, machte Barca das Rennen, obwohl 450 Kilometer zwischen der Großstadt und Fuentealbilla, einem Dort mit 2000 Einwohnern, lagen.

          Die Entfernung sprach nicht unbedingt für den Weltklub aus dem Nordosten Spaniens – wohl aber das Poster, das über Iniestas Bett hing. Es zeigte den damaligen Strategen der Rot-Blauen, Josep Guardiola, und trug einen handgeschriebenen Zusatz: „Der beste Spieler, den ich jemals gesehen habe.“

          Die großen Drei mit Trophäe: Xavi, Iniesta und Messi feiern den Sieg in der Champions League 2009
          Die großen Drei mit Trophäe: Xavi, Iniesta und Messi feiern den Sieg in der Champions League 2009 : Bild: imago sportfotodienst

          Der schüchterne Iniesta reiste mit Vater und Mutter in die berühmte Nachwuchsschule La Masia – und weinte bitterlich, als sie ihn dort zurückließen. Als er im Oktober 2002 in der ersten Mannschaft erstmals eingesetzt wurde, waren die Tränen längst getrocknet.

          Trainer war Louis van Gaal, und der Niederländer sah sofort, welches Ausnahmetalent er dort bekam: Iniesta feierte sein Debüt nicht etwa in der spanischen Liga als Einwechselspieler, sondern über 90 Minuten in der Champions League.

          Immer schön im Hintergrund bleiben: Iniesta bereitet für Vollstrecker wie Messi lieber vor
          Immer schön im Hintergrund bleiben: Iniesta bereitet für Vollstrecker wie Messi lieber vor : Bild: REUTERS

          Verwundert hatte das vor allem einen nicht – Vorbild Guardiola. Schon als er Iniesta in der Jugend spielen sah, nahm er den jungen Xavi Hernandez zur Seite. „Schau ihn dir an. Du wirst mich in Rente schicken, aber Iniesta wird alle in den Ruhestand schicken“, sagte Guardiola. Er beendete 2006 seine Karriere, zwei Jahre später sollte er Iniestas Trainer werden. Xavi spielt noch immer bei Barcelona, doch es ist nicht zu gewagt zu behaupten, dass er vor Iniesta seine Laufbahn beenden wird – ganz wie es Guardiola prophezeit hatte.

          Trotz des damaligen Lobes dauerte es allerdings bis zum Sommer 2004 ehe Iniesta Stammkraft wurde. Ein Torjäger ist der Mittelfeldspieler bis heute nicht, die Mitspieler können sich dennoch glücklich schätzen, jemanden zu haben, der ihnen Bonbons zusteckt. In Barcelona spielt Iniesta zumeist über die linke Seite.

          Der „blasse Ritter“: Iniesta fällt nicht nur durch Leistung auf, sondern auch durch seine helle Hautfarbe
          Der „blasse Ritter“: Iniesta fällt nicht nur durch Leistung auf, sondern auch durch seine helle Hautfarbe : Bild: AFP

          Seine Titelsammlung mit dem katalanischen Klub ist imposant: fünfmal spanischer Meister, zweimal Pokalsieger, dreimal Champions-League-Gewinner – weitere Erfolge wahrscheinlich.

          Iniestas Vertrag beim Verein seines Herzens läuft bis 2015, die Summe für eine etwaige Ablöse ist auf 200 Millionen Euro festgeschrieben. Die Summe ist natürlich utopisch, für Cristiano Ronaldo wurden einst 94 Millionen gezahlt.

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          Sie spiegelt aber den Wert des stillen Technikers mit dem Blick für die kleinste Lücke in der gegnerischen Abwehr für Barcelona und die spanische Nationalmannschaft wider. Und obwohl zumeist andere die Treffer erzielen, sind es zwei Tore, die Iniesta berühmt gemacht haben.

          Im Halbfinale der Champions League 2009 traf er mit einem fulminanten Schuss gegen Chelsea und sicherte Barca den Einzug ins Endspiel, ein gutes Jahr später machte er Spanien im Finale gegen die Niederlande in der Verlängerung zum Weltmeister.

          Der vorerst letzte Pokal in der großen Titelsammlung: Iniesta mit der Trophäe der Copa del Rey
          Der vorerst letzte Pokal in der großen Titelsammlung: Iniesta mit der Trophäe der Copa del Rey : Bild: dapd

          „Ich sehe mich nicht als Held, auch wenn das Tor historisch ist“, sagte er leise nach dem größten Triumph seiner bisherigen Karriere. „Für mich ist es unbezahlbar, Millionen Menschen glücklich zu machen.“ Iniesta selbst war inzwischen auch wieder glücklich, was aber weniger an seinem entscheidenden Treffer in der 116. Minute von Johannesburg lag.

          Ein Jahr zuvor erlebte er den „schlimmsten Sommer meines Lebens“, als sein Freund Dani Jarque, der bei Espanyol Barcelona spielte und mit Iniesta die spanischen Jugendteams durchlief, plötzlich an Herzversagen gestorben war. Iniesta dachte sogar an ein Karriereende. Beim Jubel nach seinem 1:0 im WM-Finale lupfte er sein Trikot und zeigte der Welt, an wen er dachte – auf dem Unterhemd stand ein Gruß an Dani Jarque.

          „Dieser Junge schickt uns alle in den Ruhestand“: Josep Guardiola schwärmte schon früh von Iniesta
          „Dieser Junge schickt uns alle in den Ruhestand“: Josep Guardiola schwärmte schon früh von Iniesta : Bild: AFP

          Der nur 1,73 Meter große Iniesta lässt lieber sprechen, auf und neben dem Platz. Über sein Privatleben ist allenfalls bekannt, dass er seit 2011 Vater einer Tochter ist. In Fuentealbilla, dem Dorf, aus dem er in die große Fußballwelt zog, ist der „blasse Ritter“, wie er wegen seiner auffällig hellen Haut genannt wird, sind sie stolz auf ihren Andres.

          Das Trainingsgelände seines ersten Klubs Albacete Balompie, bei dem er durch den Kauf von Aktien im Wert von 420.000 Euro inzwischen Hauptaktionär ist, trägt seinen Namen. Auch eine Straße ist nach ihm benannt. Er baute sich dort, in der Nähe seines eigenen Weinberges, ein Haus – und residiert nun in der Calle Andres Iniesta 1.

          Kaum zu halten: Iniesta und sie Spanier wollen den dritten Titel in Folge
          Kaum zu halten: Iniesta und sie Spanier wollen den dritten Titel in Folge : Bild: dpa

          Auch in der spanischen Mannschaft hat er seinen Platz sicher, zumal er die Muskelprobleme, die ihn in der Endphase dieser Saison plagten, auskuriert hat. Bei der Europameisterschaft spielt er mit der Seleccion in einer Gruppe mit Italien, Irland und Kroatien.

          Der Weg soll aber nicht in der Vorrunde enden für den Europameister 2008. Eines ist aber sicher: Iniesta wird wieder keine großen Worte verlieren, sondern auf dem Rasen lieber Bonbons verteilen.

          Alle Informationen zu Spanien im Überblick

          Spielplan bei der EM 2012:

          Sonntag, 10. Juni, 18.00 Uhr: Spanien – Italien (in Danzig)
          Donnerstag, 14. Juni, 18.00 Uhr: Spanien – Irland (in Danzig)
          Montag, 18. Juni, 20.45 Uhr: Kroatien – Spanien (in Danzig)

          Trainer: Vicente del Bosque

          Plazierung in der Weltrangliste: 1.

          Größter Erfolg: Weltmeister 2010, Europameister 1964 und 2008

          Bisheriges Abschneiden bei Turnieren:

          Weltmeisterschaften:

          2010: Weltmeister
          1950: Vierter
          1934, 1986 und 2002: Viertelfinale
          1990 und 2006: Achtelfinale
          1982: 2. Finalrunde
          1978: 1. Finalrunde
          1962, 1966 und 1998: Vorrunde

          Europameisterschaften:

          1964, 2008: Europameister
          1984: Zweiter
          1996, 2000: Viertelfinale
          1980, 1988 und 2004: Vorrunde

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