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Frankreich vor EM-Start : Warum Kanté der beste Sechser der Welt ist

Ein Spieler, mit dem man gewinnen kann: Frankreichs N’Golo Kanté Bild: Picture-Alliance

Erst übersehen, dann überall: N’Golo Kanté ist ein Spielertyp, den es in der deutschen Mannschaft nicht gibt – und der ihr auch in diesem Turnier sehr fehlen könnte.

          3 Min.

          Manchmal, wenn die Fußballnationalspieler aus Frankreich in der kleinen Gemeinde Clairefontaine-en-Yvelines, wo sie für die Europameisterschaft trainieren, gegeneinander spielen, dürfen sie selbst die Teams einteilen. Sie machen das wie früher im Schulsport. Es gibt mindestens zwei Kapitäne, die davor bestimmt werden und sich dann abwechselnd aussuchen dürfen, wen sie in ihrer Mannschaft haben wollen. Und wie schon in der Schule wird dieses Auswahlverfahren durch eine spannende Frage aufgeladen: Wer wird als Erster gewählt?

          Fußball-EM
          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

          In Clairefontaine-en-Yvelines sollte das doch eigentlich der Superstar und Supersprinter Kylian Mbappé sein, oder? Falsch, sagt Didier Deschamps, der Trainer der Franzosen. Es ist N’Golo Kanté.

          Mit Kanté kann man gewinnen

          Es gibt reihenweise moderne Statistiken, an denen man die Fähigkeiten eines Fußballspielers messen kann, aber fast keine ist so aussagekräftig wie die Wertschätzung in der eigenen Peergroup. Im Fall von N’Golo Kanté, dem Mittelfeldspieler des FC Chelsea, kann man diese zum Beispiel an der Auswahl vor dem Trainingsspiel erkennen.

          Ein Detail, das Deschamps gerade in einem Interview mit der spanischen Zeitung El País verraten hat. Er hat danach noch etwas erzählt. Wenn er sich die Startaufstellung für ein Spiel überlegt, schreibt er als Erstes immer den Namen von Kanté auf. Es mag ungewöhnlich sein, dass ein Trainer einen Spieler so hervorhebt, aber in seiner Mannschaft muss Deschamps nichts befürchten, denn dort wissen alle: Mit Kanté kann man gewinnen.

          Es ist allerdings viel Zeit vergangen, bis N’Golo Kante, 30 Jahre alt, der Fußballwelt endlich zeigen konnte, dass er ein Gewinner ist. Als er ein kleiner Junge war, wühlte er in den Mülltonnen in Rueil-Malmaison in der Pariser Banlieue, wo er mit seinen Eltern, die aus Mali ausgewandert sind, aufgewachsen ist.

          Er suchte nach allem, was er an die Schrotthändler verkaufen konnte. Er machte sich die Hände schmutzig für das Geld, das seit dem Tod seines Vaters im Jahr 2002 noch knapper geworden war. Er machte sich beim Kicken auch die Füße schmutzig, aber dafür gab es eben kein Geld. An der Akademie des französischen Verbandes durfte er zwar in einem Probetraining vorspielen. Er wurde aber abgewiesen. Einen Gewinner sah man in ihm offenbar nicht.

          Seine Daten waren außergewöhnlich

          In seinem Fußballleben ist N’Golo Kanté lange übersehen worden. Er hatte das Glück, dass es im Sport aber ein System gibt, das ihn nicht übersehen konnte: die Statistik.

          Es ist eine gute Pointe, dass der Aufstieg von Kanté, für den es heute keine angemessene Statistik gibt, viel mit Statistiken zu tun hat. Er hatte sich aus der sechsten in die zweite französische Liga hochgespielt, als die Scouts von Leicester City, einem Verein aus der reichen englischen Premier League, in die Daten in Frankreich schauten. Sie fanden einen Spieler, der nur 1,68 Meter groß ist, aber viel mehr Ballattacken und Balleroberungen hatte, als er eigentlich haben sollte. Es gab zwei Optionen: Entweder stimmt etwas mit den Daten nicht. Oder der Spieler war viel zu gut für diese Liga. Im Sommer 2015 überzeugten sie ihren Verein, an die zweite Option zu glauben und fast acht Millionen zu investieren. Ein Jahr später war Leicester Meister – und Kanté als Spieler der Saison ausgezeichnet.

          Weltmeister und Champions-League-Sieger

          Wenn Claudio Ranieri sich an N’Golo Kanté erinnert, hat er in Gedanken einen Spieler vor sich, der so viel gerannt ist, dass sich Ranieri fragte, ob dieser eigentlich eine Packung Batterien in der Hose versteckt habe. In einem Text für das Onlineportal The Player’s Tribune hat Ranieri, der als Trainer in Leicester mit Kanté die Meisterschaft gewonnen hat, mal geschrieben, dass er seinem Musterschüler in einem Training einst verboten habe, ständig dem Ball hinterherzurennen. „Ja, Boss“, soll Kanté geantwortet haben. Und als Ranieri zehn Sekunden später wieder zu ihm schaute, rannte Kanté schon dem nächsten Ball hinterher.

          Es war verdient, dass Kanté nach seiner famosen ersten Premier-League-Saison zum FC Chelsea wechselte. Es war auch verdient, dass er Weltmeister und Champions-League-Sieger wurde. Und es war natürlich verdient, dass man in England einen herrlichen Spruch über ihn erfand: Zwei Drittel der Erde sind von Wasser bedeckt, der Rest von N’Golo Kanté.

          Ein Superheld, der keiner sein will

          Wer den Wert von Kanté verstehen will, sollte aber nicht darauf achten, wie viel er rennt, sondern wann und wie schnell. Er hat ein außergewöhnliches Gefühl für Timing. Er weiß, wann er den Gegner attackieren und wann er ihn nur stellen sollte. Er weiß, wann er mitstürmen kann und wann er absichern muss. Er weiß, wann seine Mitspieler seine Hilfe brauchen und wann nicht. Er ist in dieser Hinsicht ein bisschen wie Batman oder Superman. Wenn seinen Kameraden Böses droht, ist er im entscheidenden Moment immer zur Stelle.

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          An diesem Dienstag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM, im ZDF und bei MagentaTV) spielt Kanté, der Superheld aus Frankreich, der keiner sein will, im ersten EM-Spiel seiner Mannschaft gegen Deutschland. Er tritt in München auch gegen zwei Männer an, die ihn sehr gut kennen. Kai Havertz und Timo Werner spielen in London seit einem Jahr an seiner Seite – und schwärmten vor dem Wiedersehen.

          „Man wünscht es sich, ihn in seiner Mannschaft zu haben. Man kann als Offensivspieler so viele Fehler machen, wie man will, er holt gefühlt jeden Ball zurück“, sagte Havertz. „Er ist eine Klette. Der ist für mich der beste Sechser der Welt“, sagte Werner. Und auch wenn sie es nicht so gesagt haben, konnte man aus ihren Beschreibungen seiner Abwehrkünste eines heraushören: N’Golo Kanté ist ein Spielertyp, den es in der deutschen Mannschaft nicht gibt – und der ihr auch in diesem Turnier sehr fehlen könnte.

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