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0:2 gegen Tschechien : Endstation für ratlose Niederländer

  • -Aktualisiert am

Nicht zu fassen für Stefan de Vrij und alle, die Orange tragen: Holland ist ausgeschieden Bild: dpa

Nach glanzvoller Vorrunde gerät die Niederlande im Achtelfinale aus der Spur und verliert gegen Tschechien. Eine vergebene Großchance und ein Platzverweis binnen Minuten lassen das Spiel kippen.

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          Es wird nicht lange dauern, bis die Fußballdebatten in den Niederlanden nach einer kleinen Phase des Trauerns wieder von den alten Streitereien und von Grundsatzzweifeln aller Art durchsetzt sein werden. Nach einem erschreckend schwachen und von schlimmen Fehlern geprägten 0:2 ist Holland gegen Tschechien aus dem Europameisterschaftsturnier ausgeschieden. Mannschaftskapitän Georginio Wijnaldum sprach von einem „gebrauchten Tag“, und Trainer Frank de Boer sagte: „Wir waren nicht gut genug heute, viele Spieler haben nicht ihr übliches Niveau erreicht.“

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          Die orangene Fußballnation kann sich nun in aller Ruhe ihren alten Systemkontroversen, den Debatten über die Fähigkeiten dieser Spielergeneration und selbstverständlich auch den Schwächen des Trainers zuwenden. Patrik Schick, Tschechiens Torschütze zum 0:2 legte schon einmal den Finger in eine offene Wunde der Holländer: „Wir sind vielleicht nicht so große Stars wie die Niederländer, aber wir hatten heute einen Teamspirit, wir haben gekämpft wie die Löwen, das hat den Unterschied gemacht.“

          Schon im Spiel der Italiener gegen Österreicher hatte sich angedeutet, dass die größere individuelle Klasse und eine makellose Gruppenphase nicht mehr viel Wert sind in den Alles-Oder-Nichts-Spielen der K.o.-Phase. Die Italiener konnten sich mit letzter Kraft und viel Glück ins Viertelfinale retten, mit Holland ist nun das erste Team aus dem erweiterten Favoritenkreis ausgeschieden.

          Nur in den ersten 25 Minuten waren sie überlegen, erspielten sich ein paar Ecken und hatten auch einige gute Ideen. Aber schon in dieser Phase wirkten die Tschechen homogener und kompakter, während die holländischen Anführer um Daley Blind und Wijnaldum mit einer zunehmenden Ratlosigkeit kämpften. „Ich hatte das Gefühl, dass wir auch an einem weniger guten Tag gewinnen würden“, sagte de Boer – damit lag er falsch. Sein Mittelfeld produzierte einfach zu wenige Ideen.

          In dieser zweiten Hälfte des Turniers ist es eben komplizierter, ein Gefühl der Leichtigkeit entstehen zu lassen, weil jede Szene, jeder Fehler irreparable Folgen haben kann. Genau solche wegweisenden Momente erlebten die beiden Teams eng aneinandergereiht rund um die 52. Minute. „Innerhalb weniger Augenblicke stellt sich die ganze Welt auf den Kopf“, sagte die Boer. Zunächst vergeudete Donyell Malen die mit Abstand beste Chance für Holland, als er völlig unbedrängt auf das tschechische Tor zustürmte, aber an Torhüter Tomas Vaclik hängen blieb.

          Im direkten Gegenzug verschafften sie den Tschechen dann ihren entscheidenden Vorteil. Der Innenverteidiger Matthijs De Ligt verlor in einem Zweikampf mit dem Leverkusener Schick das Gleichgewicht und entschloss sich zu einem absichtlichen Handspiel, um eine Torchance zu verhindern. Nach einem VAR-Check sah de Ligt die Rote Karte. „Das darf mir nicht passieren“, übernahm er die Verantwortung für seinen Fehler und diese Wendung im Spiel, während Schick sagte: „Danach war es relativ leicht für uns.“

          Der Anfang vom Ende: Rot für de Ligt nach Handspiel an der Strafraumgrenze
          Der Anfang vom Ende: Rot für de Ligt nach Handspiel an der Strafraumgrenze : Bild: EPA

          Schon zuvor war es fußballerisch kein guter Tag, den die Niederländer erlebten, mit der Unterzahlsituation kamen sie nun gar nicht mehr klar, während den Tschechen zwei hübsche Tore gelangen. Zunächst traf Tomas Holes per Kopf (68.) nach einer Ecke, zehn Minuten später schoss Schick das 2:0, diesmal auf Vorlage von Holes, der sagte: „Es ist unglaublich, es ist ein Traum, das war das beste Spiel meines Lebens.“ Holes, ein Offensivspieler von Slavia Prag, der erstmals in diesem Turnier in der Startelf stand, erhielt die Auszeichnung als „Star of the Match“ und ist nun neben Schick, der bereits vier Turniertore erzielt hat sind, der Held dieser tschechischen EM.

          Am kommenden Samstag (18 Uhr im F.A.Z-Liveticker zur Fußball-EM) in Baku trifft das Team nun in der Runde der besten Acht auf Dänemark, einer dieser beiden Außenseiter wird also tatsächlich das Halbfinale erreichen. Hollands Trainer de Boer beschäftigt sich unterdessen mit Überlegungen zu einem möglichen Rücktritt, „darüber werde ich in den nächsten Wochen nachdenken“, kündigte er an.

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