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Terror beim Länderspiel : „Oh, mein Gott. Ich dachte ...“

Das Ende eines Fußballspiels, das keinen mehr interessierte: Zuschauer im Innenraum des Stade de France. Bild: AP

Beim Fußball-Länderspiel der Deutschen in Frankreich zog der Horror ins Stade de France ein. Zwei F.A.Z.-Sportredakteure beschreiben die Szenen aus einer monströs zerstörerischen Nacht.

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          Es ist dieses Geräusch. Dieser Knall, dröhnend und dumpf. Er weckt schlimme Vorahnungen und Erinnerungen. Am Morgen nach einem Fußballspiel zwischen Real Madrid und Bayern München war ich vor elf Jahren schon einmal mit einem Anschlag in Berührung gekommen. Im Madrider Bahnhof Atocha hatten Terroristen einen Zug in die Luft gesprengt, fast zweihundert Menschen waren ums Leben gekommen. Und dieses Geräusch im Stade de France klingt nun ganz ähnlich. Aber das kann doch nicht sein. Viele Zuschauer im Stadion schauen in die Richtung, aus der die Explosion kommt. Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff wird später sagen, was viele geahnt, aber einfach nicht wahrhaben wollen: dass dies kein Böller ist.

          Michael Horeni
          Fußballkorrespondent Europa in Berlin.
          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Für einen Moment ist es ganz still geworden im Stade de France. Aber nichts ist danach zu sehen und zu hören. Das Spiel läuft weiter, alles geht seinen gewohnten Gang. Wohl doch nur ein Böller. Als kurz darauf das Geräusch des zweiten, etwas weniger heftigen Schlages ins Stadion dringt, ist das eher eine Beruhigung. Zwei Explosionen - das können doch nur Böller sein, was sonst? Eine dritte Detonation in der zweiten Halbzeit, die schwächste, bekommen gar nicht mehr alle Zuschauer mit. Aber die Wirklichkeit sickert ein. Über der Arena kreisen Hubschrauber, auf den Handys gehen Meldungen französischer Medien über Anschläge in Paris ein, über erste Tote. Die Eingänge des Stadions werden verschlossen. Niemand kann raus. Nur die Angst dringt ein.

          Drinnen und draußen

          Im Stadion, das ist zumindest das Gefühl, sind alle sicher. Ganz anders als im „Bataclan“, wo es aus dem Drinnen für fast hundert Menschen kein Entrinnen gibt. Dort und in den Straßen und Restaurants von Paris, das ist allen klar, hat der Horror eine andere Dimension als hier, im Innenraum des Stade de France. Ein Gedanke, der immer wieder kurz aufkommt, letztlich aber doch verdrängt wird von der unmittelbaren Realität. Die besteht in Fragen, die im Nachhinein fast wie ein Geschenk anmuten, für die es zunächst jedoch keine Antworten gibt: Wann und wie kommen wir hier am besten raus?

          Raus aus dem Stadion, aber auch raus aus der Bedrohung, die ja immer noch da ist, auch wenn man sie nicht unmittelbar spüren und schon gar nicht sehen kann. Dass die Donnerschläge, die während der ersten Halbzeit zu hören waren, von Selbstmordattentätern herrührten, hat sich längst herumgesprochen. Auch, dass es Tote gab. Zu den vielen Gerüchten, die in diesen Stunden die Runde machen, gehört auch jenes, dass rund um das Stadion weitere Sprengsätze vermutet werden. Alle stehen vor einer ähnlichen Entscheidung: die 80.000 Zuschauer, diejenigen, die zum Arbeiten gekommen sind, aber natürlich auch diejenigen, um die sich normalerweise alles dreht.

          Am Vormittag landete das DFB-Tross mit Lukas Podolski (links) und Antonio Rüdiger wieder in Frankfurt. Bilderstrecke
          Am Vormittag landete das DFB-Tross mit Lukas Podolski (links) und Antonio Rüdiger wieder in Frankfurt. :

          Die Kabine der Nationalmannschaft ist nicht weit entfernt von den Räumen, in denen die Redakteure und Techniker des Fernsehens beraten, was zu tun ist. Die Fragen werden dieselben sein: Gehen oder bleiben? Welche Fahrzeuge stehen zur Verfügung? Wie sicher sind sie? Gegen zwei Uhr heißt es, die Mannschaft werde in Kleinbussen in Richtung ihres Hotel, aufbrechen, dem „Molitor“ in der Rue Nungesser et Coli am westlichen Rand des Zentrums. Erst am Morgen wird sich herausstellen, dass die Entscheider um Teammanager Bierhoff und Sicherheitschef Große-Lefert eine andere Variante wählen: Nacht im Stadion, Fahrt direkt zum Flughafen.

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