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Deutschland scheitert bei EM : Last Exit London

Thomas Müller vergibt die große Ausgleichschance, und Deutschland scheitert an England. Bild: AFP

0:2 gegen England: Die Ära von Bundestrainer Joachim Löw endet im Achtelfinale der EM mit einem bitteren Ausklang. Raheem Sterling und Harry Kane treffen. Thomas Müller vergibt eine große Chance.

          3 Min.

          Joachim Löw schien in sich zusammensacken zu wollen, die Körpersprache in dieser 81. Minute signalisierte Fassungslosigkeit. Gerade war Thomas Müller auf das Tor der Engländer zugelaufen, verfolgt von drei Verteidigern, aber Müller hatte die Nase vorn, freie Schussbahn, zentrale Position. Der perfekte Moment, um mit seinem ersten Europameisterschafts-Tor die Hoffnungen der Deutschen am Leben zu halten, Löws Karriere als Nationaltrainer noch einmal zu verlängern.

          Fußball-EM
          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Doch auch Müllers Körper sprach eine eindeutige Sprache: der deutsche Angreifer sank auf die Knie, fasste sich an den Kopf. Der Ball, geschossen mit rechts, war einen halben Meter am linken Pfosten des Tores von Jordan Pickford vorbeigehoppelt. Und weil die Engländer nach dem Führungstreffer von Raheem Sterling sechs Minuten vorher noch einen zweiten folgen ließen, durch Harry Kane in der 86. Minute, war diese EM für die Deutschen vorbei. Und mit ihr die Ära des Bundestrainers Löw nach fast 15 Jahren und 198 Länderspielen.

          Last Exit London: Das Spiel der Deutschen am Dienstagabend spiegelte die bisherigen Leistungen bei dem Turnier: Bemüht, aber am Ende zu einfallslos vorne und zu fehleranfällig hinten. Das reichte gerade so, um nicht beim zweiten Turnier nacheinander schon nach der Vorrunde die Koffer packen zu müssen. Aber es war zu wenig, um die eigenen Ansprüche einzulösen.

          Ein bitterer Ausklang

          Aus im Achtelfinale – das ist auch für Löw ein bitterer Ausklang, aber all die verlorene Zeit seit der WM 2018 war nicht im Eiltempo aufzuholen. Nach dem Spiel wirkte der Bundestrainer mitgenommen, als er vor die ARD-Kamera trat. „Es ist eine große Enttäuschung für uns alle“, sagte er. „Der Glaube an diese Mannschaft war absolut da.“

          Allerdings war Löw da vielleicht zu gutgläubig. Auch gegen England konnten die dominanten Phasen nicht darüber hinwegtäuschen, wie sehr es an Automatismen und Abstimmung mangelte, so dass die versammelte Klasse aus diversen Spitzenteams im DFB-Trikot nicht zur Geltung kam. Der Bundestrainer hatte offensiv einen Plan, in die Tiefe zu kommen, aber dass viele Wege ins Viertelfinale nach Rom führen könnten, war nicht zu sehen, die Angriffsbemühungen blieben eindimensional und einfallslos.

          Löw beklagte, dass sein Team die wenigen Chancen nicht konsequent genutzt hatte, neben der von Müller war es vor allem eine von Timo Werner, der nach einer halben Stunde frei vor Pickford scheiterte. Aber so oder so: Die Niederlage ging in Ordnung.

          Kapitän Neuer berichtete, wie er nach dem Schlusspfiff direkt zur Trainerbank geschaut habe. Es sei ein „trauriges Gefühl“ gewesen, Löw so zu sehen. „Er ist ein Klasse-Mensch und wir alle haben ihm viel zu verdanken“, sagte Neuer. Dass Löw bei allen Verdiensten weitermachen konnte nach dem Vorrunden-Debakel in Russland, hat den deutschen Fußball nun allerdings noch einmal eingeholt.

          Es war kein fußballerischer Hochgenuss in diesem ewig jungen Duell, eher sehnig als saftig. 75 Minuten lang bearbeiteten sich die Teams auf Augenhöhe, auf der Suche nach der richtigen Balance zwischen Risiko und Sicherheit – bis Sterling, der schon die beiden Vorrundentreffer für England erzielt hatte, der deutschen Abwehr entwischte. Das war der zweite wunde Punkt der Deutschen bei diesem Turnier: die defensive Verwundbarkeit, zumal immer wieder nach ähnlichen Mustern. Der fünfte Rückstand im vierten Spiel war dann einer zu viel. Für die Engländer geht es am Samstag gegen die Ukraine in Rom weiter. Aber am Dienstag schwelgte das Wembley-Stadion ganz im Moment und kostete den süßen Sieg über den Rivalen aus.

          Dass 45.000 Zuschauer dabei sein konnten, hatte in Deutschland noch einmal für scharfe Kritik aus der Politik gesorgt. Vor dem Anpfiff gingen beide Teams auf die Knie, ein Zeichen gegen Rassismus, das die Engländer schon bei ihren anderen Partien gesetzt hatten. Als es dann losging, kamen die Deutschen zunächst besser ins Spiel. Löw hatte seine Startelf auf drei Positionen verändert. Leon Goretzka ersetzte Ilkay Gündogan, Müller kehrte wie erwartet zurück, dazu durfte Werner erstmals bei der EM von Beginn an ran. Leroy Sané und Serge Gnabry mussten auf der Bank Platz nehmen. An seiner 3-4-3-Grundordnung hielt der Bundestrainer fest.

          45.000 Zuschauer waren im Wembleystadion zugelassen. Bilderstrecke
          Die besten Bilder des Spiels : Royale Gäste und Hochspannung

          Ein Pass aus dem Zentrum zu Werner nach sieben Minuten geriet noch etwas zu weit, kurz darauf zog Müller einen messerscharfen Schnitt durch die Verteidigungslinien, Goretzka hatte freie Bahn und wurde erst einen Schritt vor der Strafraumlinie von Rice gestoppt. Es war zu sehen, wie gut Goretzkas muskulöse Dynamik der Mannschaft tat, in dessen Schatten trat Kroos als Balleroberer in Erscheinung, für Havertz bot sich Raum zur freien Entfaltung. Aber in Schwung kam die deutsche Offensive trotzdem nicht.

          Englands Trainer Gareth Southgate hatte seine Formation den Deutschen angepasst, er ließ ebenfalls mit Dreierkette spielen, Sicherheit ging vor. Von seinen schnellen Offensivkräften war zunächst wenig zu sehen, vorne war Kane völlig abgeschnitten – bis zur Nachspielzeit der ersten Hälfte, als ein schlimmer Fehlpass von Müller die Deutschen in Not brachte, Kane stand frei von Neuer, im letzten Moment funkte Hummels dazwischen.

          Nach der Pause begannen die Deutschen wieder dominant, blieben aber wirkungslos: Bei einem Volleyschuss von Havertz musste Pickford sich strecken (48.), aber es blieb symbolisch dafür, dass der Weg zum Tor eher über Zufälle führte. In der 68. Minute kam Gnabry für Werner. Doch bevor das eine Wirkung entfalten konnte, schlugen die Engländer zu.

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