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Kevin De Bruyne : Gestalter und Beschleuniger der Belgier

  • -Aktualisiert am

Kevin De Bruyne ist die Königsfigur im Spiel der Belgier. Bild: Reuters

Erst Kevin De Bruyne macht die belgische Nationalmannschaft zu einer Mega-Größe des internationalen Fußballs. Nun aber muss sie im glutheißen Sevilla eine anspruchsvolle Aufgabe lösen.

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          Er kam, sah und siegte. Als ihn Roberto Martínez, der belgische Nationaltrainer, zur zweiten Halbzeit im Gruppenspiel gegen Dänemark einwechselte, lag Belgien, einer der Favoriten auf den Titelgewinn, 0:1 gegen furiose Dänen zurück. Der Champion der Herzen, mit voller Kraft voraus für ihren von einem Herzstillstand genesenden Kameraden Christian Eriksen kämpfend, schien auf dem besten Weg zu einem Überraschungserfolg gegen den Weltranglistenersten. Dann aber betrat Kevin De Bruyne seine Bühne, genesen von einer Gesichtsfraktur, die er im Champions-League-Finale bei einem Crash mit Antonio Rüdiger erlitten hatte, dem deutschen Innenverteidiger des FC Chelsea.

          Fußball-EM

          Mit dem Spielmacher, Spielbeschleuniger und Spielentscheider aus der flämischen Kleinstadt Drongen änderte sich alles an diesem Donnerstag vor einer Woche. Belgien dominierte nun ein atemraubendes Duell, glich durch Romelu Lukaku, einen der weltbesten Angreifer, in Szene gesetzt durch De Bruyne, aus und siegte durch den ersten Turniertreffer des rothaarigen Anführers der Roten Teufel 2:1.

          Der Flachschuss mit links ins linke Toreck spiegelte De Bruynes Extraqualitäten exemplarisch: Er stand für die Rasanz, die Präzision und die Dynamik des Mannes, der mit der Rückennummer 7 laufend unterwegs ist. Belgiens Comeback war De Bruynes Comeback, das den Weg ebnen könnte zum ersten Europameistertitel der belgischen Fußballgeschichte.

          „Der beste Spielmacher der Welt“

          Zunächst aber müssen Kevin De Bruyne und seine Mitspieler am Sonntag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM, in der ARD und bei MagentaTV) im glutheißen Sevilla die anspruchsvolle Aufgabe lösen, in ihrem Achtelfinalduell mit Portugal den Titelverteidiger zu besiegen. Dazu scheint das über Jahre gereifte Team mit seiner Ü-30-Mannschaft in der Lage, auch weil ihr Anführer, der vor Jahren die Bundesliga in den Trikots des SV Werder Bremen und des VfL Wolfsburg immens bereicherte, dazu imstande ist.

          Sein spanischer Verbandstrainer Martínez sagt: „Er ist der beste Spielmacher der Welt und besitzt die Persönlichkeit eines Genies.“ Ähnlich überschwänglich beurteilt Pep Guardiola, sein spanischer Vereinstrainer bei ManCity, den 1,81 Meter langen und auf den ersten Blick eher unscheinbar anmutenden Gestalter und Vollstrecker: „Kevin ist der komplette Spieler.“ Ein Weltfußballer und Teamplayer, dem die individuelle Auszeichnung für sein Gesamtwerk noch fehlt. Wohl auch, weil ihm die Aura des Stars fehlt.

          Der Mann, der in diesem Turnier seine Bilanz von einem Treffer und zwei Torvorlagen weiter ausbauen will, tritt nicht mit der Erhabenheit und dem Anspruch eines Fußball-Regisseurs auf, dem andere zu dienen haben. Lieber ackert er selbst und verschafft seinen Mitstreitern die Gelegenheit, im Torjubel zu baden. De Bruyne freut sich genauso über eine exakte Torvorbereitung wie über einen seiner sehenswerten Treffer. Bei ihm leitet sich das Ergebnis seiner mobilen Schaffenskraft stets aus seiner fließenden Bewegung ab, die ihm ein Gespür für Raum und Zeit vorgibt. Kevin De Bruyne lebt Playstation-Fußball. Er hat über sich einmal gesagt: „Auf dem Platz fühle ich mich vollkommen frei. Es ist wie bei einem Künstler. Hier kann ich meine Kreativität ausleben und auf dem Rasen Bilder malen.“

          Bilder, die sich einprägen bei einem der anspruchsvollsten Profis, der stetig an der Perfektion seiner architektonischen Kunst im Grünen arbeitet, Mobiles aus Rasanz, Tiefenschärfe und Treffgenauigkeit zu konstruieren. Rückblickend ist es höchst erstaunlich, dass ihn der portugiesische Startrainer José Mourinho einst beim FC Chelsea vergrault hat, so dass De Bruyne zum Glück der Bundesliga in Deutschland sportlich reifen konnte, wo er mit den Wolfsburgern 2015 den DFB-Pokal mit einem Endspielsieg über seinen damaligen Wunschverein Borussia Dortmund eroberte und anschließend zum Fußballer des Jahres gewählt wurde.

          Dass er inzwischen ein internationaler Star geworden ist, erscheint als zwangsläufige Folge seines Überschusses an Talent und Spielverständnis. De Bruyne, der sein Leben lang auf den Fußball fixiert war, hat im Laufe seiner Karriere auf allen Mittelfeldpositionen und auch schon im Angriff Flagge gezeigt und sich dabei ein Know-how angeeignet, das ihn zu einem Unikat gemacht hat. „Niemand sonst“, sagt Martínez, „spielt derart präzise Pässe in einem so hohen Tempo. Er erhöht die Geschwindigkeit des gesamten Spiels.“

          Dabei hat De Bruyne Lehrjahre hinter sich, in denen er auch große Enttäuschungen verarbeiten musste. Etwa, als ihn Mourinho aus dem Kader des FC Chelsea hinauskomplimentierte oder seine Gastfamilie in Genk, wo das Talent in der Akademie des Koninklijke Racing Club im Osten seines Heimatlandes sportlich aufwuchs, den introvertierten und auch mal verschlossen anmutenden Jugendlichen nicht mehr beherbergen wollte. Das hat den gleichermaßen kritischen wie selbstkritischen Jungprofi damals sehr getroffen. Dabei wird ihm inzwischen von denen, die ihn besser kennen, ein trockener Humor attestiert, aber auch eine Ehrlichkeit im Umgang, die gelegentlich verletzen kann.

          Der Erfolgsstreber gilt aber nicht als entrückt in einsame Höhen. Dafür ist er zu bodenständig und liebt sein Spiel über die Maßen. Die Fans weltweit genießen es, dieser prägenden Kraft im Weltfußball zuzuschauen, der dem Spiel und seinen Mannschaften dient und gleichzeitig der Herr des Balles und Anführer seiner Teams ist. Mit De Bruyne ist die belgische Nationalmannschaft, man hat es beim Spiel gegen Dänemark gesehen, eine Mega-Größe des internationalen Fußballs; ohne ihn nur ein gutes, aber nicht überragendes Team. Deshalb ist bei dieser EM für Belgien alles möglich, wenn De Bruyne gesund bleibt und seine Ideen auf fruchtbaren Boden fallen.

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