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Fußball : Der Milliardär aus Sibirien

Roman Abramowitsch Bild: dpa/dpaweb

Der Mann, der Chelsea London kaufte, ist der zweitreichste Unternehmer Rußlands. Die knapp hundert Millionen Dollar, die ihn der Kauf von fünfzig Prozent des Fußballklubs gekostet haben, spielen für Roman Abramowitsch keine große Rolle.

          Der Mann, der Chelsea London kaufte, ist der zweitreichste Unternehmer Rußlands. Die knapp hundert Millionen Dollar, die ihn der Kauf von fünfzig Prozent des Fußballklubs gekostet haben, spielen für den 36 Jahre alten Roman Abramowitsch keine große Rolle. Der genaue Wert seines Vermögen ist nicht bekannt, doch es wird auf mehr als vier Milliarden Dollar geschätzt. Eine von ihm geführte Anlegergruppe hält 92 Prozent des russischen Ölkonzerns Sibneft, ihm gehört die Hälfte von Russkij Aluminium (RusAl), dem zweitgrößten Aluminiumhersteller der Welt, und er kontrolliert GAZ, den zweitgrößten russischen Autohersteller. Daneben hat er Geschäftsinteressen in der Lebensmittelbranche, der Papierindustrie und im Stromgeschäft. Bei der Fusion von Sibneft mit dem Ölkonzern Yukos - das neue Unternehmen steigt in die Liga der globalen Ölmultis auf - hat Yukos einer Gruppe von Investoren unter Abramowitsch drei Milliarden Dollar in bar gezahlt.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          In den Perestroika-Jahren hat Abramowitsch sein Universitätsstudium abgebrochen und als Ölhändler sein erstes Geld verdient. Ein nach Litauen umgeleiteter Zug mit 55 Waggons Dieseltreibstoff soll dabei hilfreich gewesen sein. Bei seinem Aufstieg spielte der gefallene "Oligarch" Boris Beresowskij, der nun im Londoner Exil sitzt, eine entscheidende Rolle. Abramowitsch und Beresowskij führten eine Investorengruppe an, die 1995 und 1997 Sibneft für 210 Millionen Dollar kauften - heute beläuft sich der Marktwert des Ölkonzerns auf 11,7 Milliarden Dollar. Sein Geschäftspartner Beresowskij führte den jungen Aufsteiger in den Kreml ein, wo er freundschaftliche Bande knüpfte, auch mit Tatjana Djatschenko, der Tochter des damaligen Präsidenten Boris Jelzin. Abramowitsch wurde so zu einer Schlüsselfigur in der politischen Kremlfamilie; auch heute gilt sein politischer Einfluß als groß.

          Mit dem Aufstieg von Wladimir Putin ging Abramowitsch in die Politik. Vor vier Jahren ließ er sich zum Volksvertreter für die Halbinsel Tschukotka an der Beringstraße wählen, einem Gebiet mit der zweifachen Fläche der Bundesrepublik, in dem nur 80 000 Menschen wohnen. Abramowitsch erlangte so die Immunität eines Abgeordneten, ein Jahr später gewann er die Wahl zum Gouverneur des Gebiets der Tschuktschen, die zum Teil noch Rentierzüchter sind und in zahlreichen Witzen Objekt russischen Spotts. Die Region im kalten Norden ist reich an Bodenschätzen und bietet Steuervorteile. Sibneft hat dort mehrere Ölhandelsfirmen registrieren lassen, auch die Betreibergesellschaft von RusAl zahlt ihre Steuern dort. Als Gouverneur hat Abramowitsch zwar nicht das Recht, selbst Unternehmen zu besitzen, doch regelt er seine Geschäfte nach eigenen Aussagen durch ein "kompliziertes Geflecht von Trusts". Seine Investmentholding Millhouse Capital, die einen Teil seines Reichtums verwaltet, ist in Großbritannien registriert.

          Abramowitsch, in Saratow an der Wolga geboren, ist verheiratet und hat vier Kinder; er besitzt Häuser in Südfrankreich und Großbritannien. Seine Mutter verlor er im Alter von anderthalb Jahren, sein Vater kam bei einem Bauunfall ums Leben, als der Sohn vier Jahre alt war. Der Junge wuchs bei den Großeltern in der Stadt Uchta in Nordrußland auf. Der Ehrgeiz des jungen Unternehmers speist sich womöglich aus dieser Kindheit. Gab es 1999 kaum ein Foto von dem jungen bärtigen Mann, dem man entscheidenden Einfluß auf die Berufung von Ministern nachsagte, so ist Abramowitsch heute nicht mehr der Schattenmann der Macht. Doch mit Auftritten in der Öffentlichkeit hält sich der sportbegeisterte Milliardär weiter zurück. Mit großen Investitionen im Ausland hatte er bisher nicht auf sich aufmerksam gemacht. Den einen oder anderen europäischen Fußballverein kann sich der Ölmagnat, der schon einen Eishockeyklub besitzt, auf jeden Fall noch leisten.

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