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Fußball : Der Kopf kahl, der Krebs besiegt

  • -Aktualisiert am

Gezeichnet aber glücklich: Heiko Herrlich Bild: ap

Sechs Wochen Strahlentherapie haben Spuren hinterlassen. „Ich habe meinen bisher schwersten Sieg errungen“, sagt Heiko Herrlich.

          3 Min.

          Mit kahlem Kopf, einer kleine Narbe vorne links auf dem Schädel und hager gewordenem Gesicht betrat Heiko Herrlich das Podium im Pressesaal des Westfalenstadions. Nur vier Monate nach der erschreckenden Krebsdiagnose meldete sich der Stürmer von Borussia Dortmund zurück. Mit großer Zuversicht und Gottvertrauen hat er die Wochen voller Todesangst und Ungewissheit überstanden, nachdem bei ihm ein großer Gehirntumor im Mittelhirn gefunden worden war.

          „Für mich war es nach der erschreckenden Nachricht nicht wichtig, wieder Fußball zu spielen. Ich wollte die Sache nur überleben“, sagte der 29-Jährige. Die Behandlung des Tumors wird von den Mediziner als erfolgreich abgeschlossen eingestuft, aber an eine schnelle Rückkehr auf den Fußball-Platz ist noch nicht zu denken. Mut macht Herrlich das autobiografische Buch von Radprofi Lance Armstrong. Der US-Amerikaner, dessen Karriere nach einer Hodenkrebserkrankung beendet schien, gewann nach der Überwindung der tückischen Krankheit die Tour de France. „Allerdings ist er nach seiner Chemotherapie auch nicht gleich aufs Rad gestiegen und hat gewonnen“, meinte Herrlich.

          Bösartig aber strahlensensibel

          Er selbst fand in den Tagen der tiefen Krise großen Halt in seinem christlichen Glauben und durch den enormen Zuspruch von über 2.000 Zuschriften per Brief, Fax oder E-Mail. Am 5. Dezember wurde dem gebürtigen Badener in der Kölner Universitätsklinik bei einer Operation eine Probe aus dem Tumor entnommen. Die zu diesem Zeitpunkt in den die Medien transportierte Meldung, die Wucherungen im Kopf seien gutartiger Natur, waren falsch. „Der Tumor war bösartig, aber die Diagnose war trotzdem ein Glücksfall“, erinnert sich Herrlich. Das Wort Krebs fiel zwar nicht, aber das von ihm dargestelltes Bulletin machte deutlich, dass es sich genau darum gehandelt hatte.

          „Es gibt 50 verschiedene Turmor-Arten. Die Art, die bei mir festgestellt wurde, war bösartig, aber strahlensensibel“, sagte der Ex-Nationalspieler. Zunächst hatte er reagiert, wie er es als Fußball-Profi gewöhnt war. Schäden müssen halt operiert werden. „Aber wegen der Lage des Tumors war eine Operation nicht möglich“, erklärte er. In einem sechswöchigen Aufenthalt in Heidelberg absolvierte Herrlich daraufhin eine extrem anstrengende Strahlentherapie. „So schwer hatte ich es mir vorher nicht vorgestellt. Ich musste mich häufig übergeben, hatte keinen Appetit mehr und war auch sonst zu nichts mehr zu gebrauchen“, sagte der Torjäger, der mit sieben Treffern noch immer bester Saisonschütze des Tabellen-Zweiten ist.

          Langsamer als ein Rentner

          Am 24. Januar wurde er aus der Heidelberger Klinik entlassen. Die Bestrahlung war erfolgreich. Eine in der vorigen Woche vorgenommene Computer-Kernspintomografie ergab, dass der Tumor verschwunden ist. Dies ist nach Zusicherungen aller behandelnden Mediziner ein günstiges Zeichen. „Alle Ärzte sind davon überzeugt, dass ich wieder Fußball spielen kann“, sagte Herrlich. „Aber ich bin noch geschwächt, ich muss noch einige Kilo zulegen.“ Doch ein leichtes Lauftraining hat er schon begonnen, zwischen 20 und 40 Minuten am Tag. Bisher lief er heimlich. Beim lockeren Joggen in der Nähe eines Altenheims musste er sich von sportlich ambitionierten Rentnern überholen lassen.

          Noch in dieser Woche will der frühere Gladbacher, der seit 1995 für Dortmund spielt, wieder parallel zur Mannschaft trainieren, wobei er aber individuelle Übungen absolvieren wird. Am Samstag bei der Partie gegen Bayer Leverkusen will Herrlich erstmals wieder ein Heimspiel der Borussen im Stadion live erleben. Die Dortmunder haben ihm mehrfach versprochen, dass der auslaufende Vertrag zum 30. Juni 2001 auf Fälle verlängert wird. Präsident Gerd Niebaum betonte, es sei „sehr beeindruckend“ und „außergewöhnlich“ gewesen, wie Herrlich „die Probe des Schicksals überstanden“ habe. „Wir wollen Heiko die Zeit lassen, die er braucht und nicht einen irgendwie gearteten Druck ausüben, dass er wieder Fußball spielt.“

          Konkurrenzfähig werden

          Wenn er irgendwann wieder das Borussen-Trikot tragen werde, wolle er „nicht nur den Zuschauern zuwinken, sondern wieder konkurrenzfähig sein und meine aggressive Spielweise zurück gewinnen“, meinte Herrlich. Während der kritischen Phase sei ihm bewusst geworden, „wie sehr ich am Fußball hänge“. Dass er sich Situationen wie die Abstiegsgefahr der Borussia im vorigen Jahr noch einmal so stark zu Herzen nehmen würde, glaubt er dennoch nicht. Denn alles hat sich verändert im Leben von Heiko Herrlich: „Ich habe meinen bisher schwersten Sieg errungen.“

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