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Fußball-Bundesliga : Neid und Hass in Reinkultur

  • -Aktualisiert am

Keine Freunde: Jeff Strasser und Giovane Elber Bild: AP

Zur unschönen und torlosen Treterei artete der Fußball-Klassiker zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und FC Bayern München aus. Die Anfeindungen nahmen auch hinterher kein Ende.

          3 Min.

          Das Spiel war schon eine Stunde vorüber, die hässliche und hasserfüllte Treterei zwischen den verfeindeten Kontrahenten längst abgepfiffen, da betrat Uli Hoeneß den Presseraum in den Katakomben des 1. FC Kaiserslautern. Der Kopf hochrot, die Zornesader geschwollen.

          Manch einer wollte gar nicht wagen, den Manager des FC Bayern München nach der für den Meisterschaftskampf nutzlosen Nullnummer zu befragen. Nach einem Spitzenspiel, das nicht nur Franz Beckenbauer als „Spitzenkrampf“ bezeichnete, einer unansehnlichen Auseinandersetzung, in dem „Spieler wie die Stiere traten“, herrschte höchste Explosionsgefahr.

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          Zitat
          „Man muss doch mal nach England gucken. Im Vergleich dazu war das nur ein Freundschaftsspiel.“

          Kaiserslauterns Torhüter Georg Koch
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          Diskussionsrunde: Torwart Kahn, Schiedsrichter Koop und Co.
          Diskussionsrunde: Torwart Kahn, Schiedsrichter Koop und Co. : Bild: dpa

          Hoeneß war immer noch aufs Äußerste erregt, ehe sich die Anspannung in einer kollektiven Anklage an den Gastgeber entlud. „Es war unerträglich, was hier los war. Wie Kaiserslauterns Trainergespann mit Andreas Brehme permanent versucht, den Schiedsrichter zu beeinflussen und das Publikum aufzuwiegeln. Wenn die sportliche Führung das nicht in den Griff bekommt, darf man sich nicht wundern, wenn einmal 5.000 Leute auf den Platz rennen. Und es ist doch kein Wunder, dass die Zuschauer sich aufführen wie wilde Tiere.“

          Damit meinte er unter anderem auch den Inhalt eines Bierbechers, der sich über Münchens Mittelfeldmann Thorsten Fink (“Kaiserslautern hat den Hass hereingebracht.“) vor Betreten des Busses entlud.

          Himmel und Hölle in Bewegung

          Es waren Aktionen, die bei den an diesem Tage psychisch wie physisch verwundeten Bayern Reaktionen heraus forderten. Etwa verbale Angriffe, die auch Oliver Kahn noch nach Schlusspfiff für nötig hielt. Der Nationalkeeper: „Gegen uns werden immer Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt. Das waren Neid und Hass in Reinkultur.“

          Und sein ohne Aufforderung in die Mikrofone gesprochener Schlusssatz verriet, welche emotionale Anspannung Kahn noch nach Schlusspfiff spürte: „Wir werden auch diesmal deutscher Meister.“ Trotz und Widerstand pur. Hoeneß befürchtet nach den Vorfällen von Kaiserslautern „irgendwann ein Riesenchaos“. Seine Warnung: „So gerät der Fußball aus den Fugen.“
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          Zitat
          „Ich verstehe die Beschwerden der Bayern nicht. Die wollen deutscher Meister werden. Aber denken die, dann können sie hier spazieren gehen?“
          Kaiserslauterns Mittelfeldspieler Ratinho
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          Die Bayern hatten einiges in der Tat auszuhalten: Vratislav Lokvenc pflügte Bixente Lizarazu um, der erst spät mit gelb-roter Karte vom Feld verwiesene Dimitros Grammozis ging mit gestrecktem Bein im Tiefflug gegen Roque Santa Cruz vor, Ratinho flog Stefan Effenberg in die Hacken.

          Torsten Koop, 36-jähriger Referee, beließ es in allen Fällen beim gelben Karton - auch nach Ansicht von DFB-Lehrwart Eugen Strigel hätte „es mindestens einmal zwingend Rot sein müssen.“ An diesem Tag hatten die Beschwerden der Bayern ihre Berechtigung.
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          Zitat
          „Es war ein ganz normales Spiel. Wenn Franz Beckenbauer meint, es war ein überhartes Spiel: In seiner Zeit wurde ja auch ein bisschen langsamer gespielt.“
          Kaiserslauterns Mario Basler.
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          Doch auch Hoeneß, der Mario Basler der unnötigen Schauspielerei (“Der bekommt demnächst den Oscar: Dreimal überschlagen und schauen, ob er den Schiedsrichter provoziert hat.“) und Andreas Brehme der überflüssigen Anstiftung zur Attacke bezichtigt, trug nicht unbedingt zur Beruhigung der Gemüter bei. Sein bühnenreifer Auftritt vor der Pfälzer Bank („Ich habe dem Brehme mal die Meinung gesagt.“) war die willkommene Aufforderung für die Kulisse, die Bayern zu Buhmännern zu stempeln.

          Schiedsrichter-Ansetzung als Risiko

          Viele Beobachter wollten Torsten Koop dazu machen. Der Unparteiische lag mit einem Elfmeter, den Lizarazu an Basler verwirkte und der Gefoulte verschoss (12.), durchaus richtig. Doch seine Wertung der groben Attacken war zumindest ebenso zweifelhaft wie das wegen angeblichen Handspiels nicht gegebene Tor von Jörgen Pettersson (85.).

          Manfred Amerell aus dem DFB-Schiedsrichterausschuss verteidigte die Ansetzung ebenso wie die Entscheidungen. „Auch ein junger Schiedsrichter muss so ein Spiel mal über die Bühne bringen. Wir wussten, dass wir damit ins Risiko gehen würden.“ Amerell hatte „Grenzfälle gesehen“, aber weil sich nach der Pause zumindest einige erhitzte Gemüter beruhigten, habe der Referee „das im Grunde richtig gemacht.“

          Richtig oder falsch: Darüber wurde nach Spielschluss noch lange diskutiert. Das Fußball-Volk in der Pfalz pfiff Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld gnadenlos aus, als der von seiner „klar besseren Mannschaft in der zweiten Halbzeit sprach.“ Basler musste seinem ehemaligen Lehrmeister noch eine ganze Breitseite bieten: „Er hat bei den vielen Spielen ein bisschen den Überblick verloren.“

          Von Versöhnung keine Spur

          Nach dem (Fehl-)Verhalten war beiderseitig nicht die Spur von Einsicht zu entdecken. Giovane Elber: „Kaiserslautern wollte Fußball spielen - nur sie können es nicht.“ Konter Georg Koch: „Wir wollten uns mit Händen und Füßen wehren und uns von den Bayern nicht alles gefallen lassen.“

          Nach dem Spiel ist es in der Innenstadt von Kaiserslautern übrigens zu mehreren Prügeleien und tätlichen Auseinandersetzungen gekommen.

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