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Fußball-Bundesliga : Die Manager-Krise

  • -Aktualisiert am

Dass sportlicher Ruhm von einst noch nichts heißen muss - auch dafür steht Bobic Bild: dpa

Auch der Bobic-Rauswurf in Stuttgart zeigt: Die großen Vereine verschwenden oft Geld und Ressourcen - die kleinen ziehen vorbei.

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          Als sich die Verantwortlichen des VfB Stuttgart am Donnerstag erklärten, weshalb sie ihren Sport-Vorstand Fredi Bobic vor die Tür gesetzt haben, nannte Vereinspräsident Bernd Wahler im gleichen Atemzug auch schon das Anforderungsprofil für den Nachfolger. „Das ist eine Schlüsselpersonalie mit sehr vielschichtigen Aufgaben. Es braucht natürlich Sport-Kompetenz, aber auch Management- und Führungsqualitäten sind wichtig“, sagte der frühere Adidas-Mann. Indirekt spiegelte sich in dieser Aussage wider, an welchen Defiziten der frühere Bundesligastürmer Bobic in dieser herausgehobenen Position bei einem der umsatzstärksten Fußballklubs der Republik gescheitert sein musste. „Wir haben die Reißleine gezogen und glauben, dass wir mit dem Neubeginn kurz- und mittelfristig besser aufgestellt sind“, sagte dann noch der Vorsitzende des VfB-Aufsichtsrats, Joachim Schmidt. Die Reflexe bei Misserfolg im Fußball sind altbekannt. Wenn es schlecht läuft wie bei den Stuttgartern, die gleich zum Start der Saison nach unten durchgereicht worden sind und trotz stabiler wirtschaftlicher Lage auch in den Spielzeiten zuvor meist nur gegen den Abstieg kämpften, kommt es zu personellen Konsequenzen.

          Der VfB hatte zum Saisonstart in Armin Veh aber seinen alten Meistertrainer als neuen Coach aufgeboten, so dass sich das Augenmerk in der Stuttgarter Krise automatisch noch mehr auf Bobics Arbeit richtete. Ob die weitere Professionalisierung des Fußballs und der Vereine dazu führen wird, dass in diesem kurzlebigen Geschäft nicht immer nur die Trainer als Sündenböcke für das Desaster herhalten müssen, sondern auch das hochbezahlte Management im Hintergrund viel mehr zur Verantwortung gezogen wird, ist nicht raus. Für diese Saison gilt aber, dass nach Oliver Kreuzer beim HSV und jetzt Bobic schon der zweite Sportchef gehen musste, während in Mirko Slomka erst ein Trainer gefeuert wurde.

          Viele Entscheider halten sich für unangreifbar

          Experten haben bezüglich der Managementleistungen bei den Bundesligaklubs ihre Bedenken. Während bei Misserfolg der Druck gern nach unten weitergegeben wird und Trainer im Halbjahrestakt ausgetauscht werden, sehen sich die Entscheider in den Nadelstreifen von der Geschäftsstelle als unangreifbar. Ehemalige Kicker, deren Managementbefähigung sich vor allem auf den vergangenen Ruhm auf dem Platz gründet, entscheiden heute weiterhin in den Chefetagen mit über Millionen, neue Strategien und die Zukunft der Klubs. Es zeugt allerdings auch nicht von besonderer Weitsicht der VfB-Führungsriege, sich mitten in der Saison vom Sport-Vorstand zu trennen, wenn offenbar schon eine längere Zeit zuvor über den Schritt nachgedacht wurde. Der richtige Moment für eine Trennung wäre wohl schon nach der vergangenen, verkorksten Spielzeit gewesen. In Stuttgart kursierte nach dem Rauswurf von Bobic der Name des ehemaligen Nationalkeepers Jens Lehmann als Nachfolger, was die Verantwortlichen allerdings nicht kommentierten. Hier werden erst mal Trainer Veh und Sportdirektor Jochen Schneider die Aufgaben des geschassten Sport-Vorstands übernehmen.

          Von seinem Umsatz her gehört der VfB Stuttgart als Fußball-Kraftwerk im Südwesten der Republik ins erste Drittel der Bundesliga (115 Millionen Euro). Um Platz sechs liegt der Verein auch bei den Ausgaben für die Spielergehälter (40 Millionen Euro). Auf den sportlichen Bereich schlägt sich dieser entscheidende finanzielle Vorteil derzeit aber nicht nieder. Der Verein veränderte zuletzt seine Strukturen, straffte und besetzte im Nachwuchsbereich personell um. Bobic scheint hier den Überblick verloren zu haben. Dabei wären die Stuttgarter normalerweise ein Kandidat fürs internationale Geschäft. Acht Vereine der Bundesliga weisen seit Jahren einen Umsatz von mehr als 100 Millionen Euro aus. Aber nur die Bayern haben in den vergangenen elf Jahren auch elf Mal Champions League gespielt. Der Chef der Deutschen Fußball Liga, Christian Seifert, bemängelte immer wieder, dass sich in der Bundesliga neben dem FC Bayern und Borussia Dortmund keine beständige Spitzengruppe herausbildet, die auch regelmäßig ihre Chancen in den internationalen Wettbewerben nutzt und sich somit auch finanziell weiter aufbaut. Die Europa League gewann in diesem Jahr der FC Sevilla im Finale gegen Benfica Lissabon. Beide Klubs machen weniger Umsatz als die sieben finanzstärksten Klubs der Bundesliga.

          Auch mit Minibudget kann man sehr weit kommen

          Es ist deshalb ein Problem der Effektivität. Wie beim VfB Stuttgart und woanders wird aus den eingesetzten Mitteln viel zu wenig herausgeholt. Auch der Hamburger SV, der in der vergangenen Saison fast abgestiegen wäre, ist ein Negativbeispiel für Verschwendung. Noch offensichtlicher werden die Defizite, wenn Emporkömmlinge wie der Sensationsaufsteiger SC Paderborn oder die Zweitligaüberraschung Darmstadt 98 die Felder mit Minibudgets von hinten aufrollen. In der Bundesliga sind der SC Freiburg oder Mainz 05 schon lange auf höherem Niveau die Meister einer solchen Effektivität - mit schlanken Strukturen und guten Managemententscheidungen. Die Mainzer geben im Vergleich zum VfB Stuttgart nur etwa die Hälfte für Spielergehälter aus und holen weit mehr heraus. Ohne die Kollegen im Ländle aus der Ferne bewerten zu wollen, sagt der Mainzer Manager Christian Heidel allgemein: „Das Thema Nachhaltigkeit spielt für mich immer eine große Rolle.“ Hier gehört der VfB Stuttgart jetzt schon zu den Absteigern.

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