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Unser täglich Buch : Im Brausedelirium

„111 Gründe RB Leipzig zu lieben“ ist im Schwarzkopf Verlag erschienen Bild: Schwarzkopf Verlag

Normalerweise sind Liebeserklärungen an Fußballklubs oftmals langweilige, weil recht auswechselbare Kost. Nicht so bei dem Buch über RB Leipzig und dessen Huldigung auf den am meisten gehassten Verein in Deutschland.

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          Streng genommen könnte man einen Widerspruch erkennen. 49 Bände, 49 Klubs, immer derselbe Slogan: „Eine Liebeserklärung an den großartigsten Fußballverein der Welt“. Als wäre derjenige, dem dann jeweils mit 111 Gründen, ihn zu lieben, gehuldigt wird, tatsächlich der einzig wahre – aber geschenkt. Offenbar läuft das Spiel für den Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, der die stetig expandierende Reihe herausgibt, in die richtige Richtung.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Ob sich das auch für den Leser lohnt? Ansichtssache. Neugierig gemacht hat aber dann doch dieser eine Band – über den Verein, bei dem den meisten Fans wahrscheinlich eher 111 Gründe einfallen würden, ihn nicht zu lieben. Aber lassen wir uns mal erklären, warum man sein Herz ausgerechnet RB Leipzig schenken sollte.

          Besondere Leipziger Verhältnisse

          Bei Matthias Kämmerer, Fan und Blogger (RBLObserver), war es, nun ja, speziell. Oder soll man sagen: radikal neu? Jedenfalls sind uns noch nicht viele begegnet, in denen das Fan-Sein schon angelegt war, noch bevor es den Verein überhaupt gab. Ein Interview mit Dietrich Mateschitz, in dem der Red-Bull-Gründer über die Möglichkeit eines Fußball-Ablegers in Sachsen sprach, ließ ihn gewissermaßen zum ersten Mal die süße Brause kosten, 2007 war das. Und als das Projekt zwei Jahre später Wirklichkeit wurde, wollte er mehr. „Für mich war schnell klar, dass dies der erste Verein sein könnte, der etwas für mich war.“

          Aber vielleicht muss man das vor dem Hintergrund der besonderen Leipziger Verhältnisse sehen, die es einem lange ja wirklich nicht leicht machten, sich für Fußball zu begeistern, wenn man wirklich den Sport meinte und nicht die groteske Abwärtsspirale der beiden Traditionsklubs der Stadt mit ihren bisweilen gesundheitsgefährdenden Nebenwirkungen. Auch darauf geht Kämmerer ein. Ansonsten hält er sich aber nicht lange mit der Vergangenheit auf, sondern berauscht sich am rasanten, unaufhaltsamen Fortschritt. Tradition? Wird mit Hilfe eines Wikipedia-Eintrags dekonstruiert. Mitbestimmung? Ist doch besser, wenn niemand die Profis stört. Dafür: rosarote Zukunft, wohin man schaut.

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          Ein fußballfuturistisches Manifest, in dem der Weg in jeder Hinsicht nach ganz oben führt: sportlich in die Champions League, aber auch darüber hinaus: in eine bessere (Fußball-) Welt. Kommerz? Ach was. „Unzählige Sportler profitieren von der Erfahrung und der Passion, das Optimum zu erreichen.“ Es sind Sätze wie diese, die einen nach gut 230 Seiten wie im Brausedelirium zurücklassen. Eine Liebeserklärung in dem Sinne, dass sie mit prallem Leben (und auch Leiden) gefüllt wäre, ist das nur in dosierter Form. Eher eine teleologische Rechtfertigungsschrift, warum alles, was Red Bull in Leipzig tut, einem höheren Zweck dient.

          Fehlt nur, dass Mateschitz, der große Schöpfer, äh, Spender, persönlich herabtritt und seinen Segen gibt: Sehet, es war sehr gut. Kann man das wirklich alles ernst meinen? Wir wenden uns auf der Suche nach Zerstreuung und ein wenig Leichtigkeit einem anderem Band zu: Wäre doch gelacht, wenn sich bei den „111 Gründen, Bayern München zu hassen“, nicht der eine oder andere gute finden ließe.

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