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Viertelfinale der French Open : Frankreichs Lichtblick

  • -Aktualisiert am

Richard Gasquet bejubelt seinen ersten Einzug ins Viertelfinale der French Open Bild: Reuters

Allen Zweiflern zum Trotz: Tennisprofi Richard Gasquet steht im Viertelfinale der French Open. Schafft er es im Duell mit Andy Murray in die Runde der letzten Vier, tritt er in die Fußstapfen großer französischer Tennis-Ikonen.

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          Der Coach mit dem graumelierten Bart trug eine schwarzrote Kapuzenjacke, und er rutschte angespannt auf seinem Sitz hin und her. Früher, als Spieler, hatte Sergi Bruguera seine Arbeit mit stoischem Gesichtsausdruck erledigt, diesmal fletschte er am Ende die Zähne genauso wie sein Mann im Moment des Sieges unten auf dem Court Central. Wie Brüder im Geiste und in der Emotion erlebten der Spanier und Richard Gasquet einen der besten Tage der Karriere des Franzosen. Einen Tag, der viele fragen lässt: Ist er jetzt endlich so weit? Enfin?

          Seit 2002 hatte Gasquet zuvor vergeblich versucht, im Viertelfinale der French Open zu landen. Bei den anderen Grand-Slam-Turnieren hatte er sich nicht so schwergetan; in Wimbledon (2007 und 2015) und bei den US Open (2013) stehen Halbfinals zu Buche. Aber gerade in Paris, wo jeder Erfolg eines französischen Spielers doppelt zählt, schien ihn die Last der Erwartungen niederzudrücken.

          Eines Tages, vielleicht

          Zur Begegnung mit Kei Nishikori aus Japan hatte die Sportzeitung „L’Équipe“ mit einem kleinen, bösen Unterton geschrieben, auf diesem Platz sei Gasquet eher bekannt für seine Niederlagen als für seine Siege. Im letzten Absatz der Geschichte ging es um dessen Aussage, eines Tages werde er in diesem Stadion ein tolles Turnier spielen, das sei einfach Pflicht. Aber die Geschichte endete mit den Worten: Eines Tages, vielleicht.

          Im Laufe der Jahre ist eine Menge Skepsis zusammengekommen. Viele halten Gasquet vor, seine Karriere habe nach einem frühen Hauch von Genialität nicht zu großen Titeln geführt, schon gar nicht in Paris. Und er weiß das gut genug. Als er im vergangenen Jahr in Wimbledon das Halbfinale erreichte und mit der Frage konfrontiert wurde, ob er nun ein ganz anderer, ein stärkerer Spieler sei, da winkte er ab und meinte mit Anflug von Galgenhumor: „Das höre ich jedes Mal, wenn ich ein Spiel gewinne. Dann verliere ich, und wir sind wieder bei der alten Sch ...“.

          Fest steht, dass die Zusammenarbeit mit Bruguera bestens funktioniert. Seit zweieinhalb Jahren gehört der Spanier, der in Paris zweimal den Titel gewonnen hatte, zum Trainerteam des Franzosen, damit hat der neben Landsmann Sébastien Grosjean zwei ehemals erfolgreiche Spieler an seiner Seite. Dasselbe, was Novak Djokovic über Boris Becker oder Stan Wawrinka über Magnus Norman sagt - mit einem Coach zu arbeiten, der aus eigener Erfahrung wisse, wie man sich in großen Spielen fühle, sei einfach eine perfekte Form -, trifft offenbar auch auf die Verbindung des Spaniers und des 15 Jahre jüngeren Franzosen zu. „Wenn Sergi was sagt, dann kann ich wirklich fühlen, was er meint“, sagt Gasquet.

          Es war Bruguera, der ihn in der Regenpause der Partie gegen Nishikori im ersten Satz mit lauten Worten aufforderte, seine Schläge voll durchzuziehen. Diese Pause und der Appell seien extrem wichtig gewesen, gab Gasquet hinterher zu. Auf der Titelseite der „L’Équipe“ prangte am Tag danach ein großes Foto des kämpferischen Siegers - aber keine Spur von „vielleicht“.

          Dröhnen in den Ohren

          Und jetzt? Sicher ist, dass der Erfolg des einstigen Wunderkindes und langjährigen Zweiflers für die Franzosen zu den wenigen Lichtblicken ihres Turniers gehört. Gael Monfils hatte vor Beginn verletzt abgesagt, Jo-Wilfried Tsonga meldete sich in der dritten Runde verletzt ab. Im Gegensatz zu Gasquet hatten beide schon den Sprung ins Halbfinale geschafft. Der letzte Finalist aus den Reihen der Tricolore war Henri Leconte anno 1988, weitere fünf Jahre liegt der sagenumwobene Triumph von Yannick Noah zurück.

          Diese Namen und Zahlen kennt Richard Gasquet zur Genüge; sie dröhnen ihm schon lange in den Ohren. Im Viertelfinale gegen Andy Murray wird er versuchen, den nächsten Schritt auf dem verzweigten, von allerlei Zweifeln gesäumten Weg zu gehen. Wann das der Fall sein wird, ist allerdings schwer zu sagen. Am Montag wurden wegen weiterer Regenfälle in Paris sämtliche Spiele abgesagt, und wie es mit dem Rest weitergehen wird, weiß der Himmel.

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