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French-Open-Sieger Nadal : Mein Haus, mein Boot, mein 20. Titel

  • -Aktualisiert am

Gewohntes Bild: Rafael Nadal holt schon zum 13. Mal den Titel bei den French Open. Bild: AFP

Durch seinen Sieg bei den French Open zieht Rafael Nadal bei den Grand-Slam-Turnier-Titeln mit Roger Federer gleich. Die Jagd nach Rekorden treibt den Spanier an – über sein Glück soll sie aber nicht entscheiden.

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          In einem eher streng eingerichteten Gemeinschaftsraum vergoss der Onkel ein paar Tränen. In der Rafa Nadal Academy auf Mallorca lief auf dem Bildschirm im Hintergrund die Siegerehrung in Paris, doch Toni Nadal drehte sich weg. So oft hatte er Spiel und Rede des unglaublichen Neffen live an Ort und Stelle erlebt, doch seit er nicht mehr dessen Trainer ist, bleibt er meist en casa – zu Hause. Aber selbst knapp 1300 Kilometer vom Stade Roland Garros entfernt nahm ihn das Ganze mit, und er war vermutlich nicht der Einzige, dem es in diesen Momenten zum Abschluss der historischen Herbstausgabe so ging.

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          Ob Roger Federer auch feuchte Augen hatte? Das wird man ihn irgendwann mal fragen können, undenkbar wäre es jedenfalls nicht. Rafael Nadal hatte schon vor Jahren von seinen eigenen Tränen beim Sieg des Schweizers in Paris 2009 erzählt; das war jenes Jahr, in dem er im Achtelfinale gegen den Schweden Robin Söderling verlor; eines von nur zwei Jahren seit 2005, an dem er den letzten Sonntag der French Open nicht in Paris verbrachte. Diesmal beim phantastischen Auftritt gegen Novak Djokovic war er so sehr präsent, dass der Serbe hinterher nur feststellen konnte: „Das war einer jener Tage, an denen du einfach sagen musst: Chapeau, gut gemacht. Er hat mich ausgespielt.“

          Es war Djokovics erste Niederlage in einem Grand-Slam-Finale seit vier Jahren, doch mehr als die Tatsache an sich machte die Art sprachlos, wie Nadal gewann. Wie unfassbar souverän er das Geschehen bestimmte, nicht nur beim 6:0 im ersten Satz. Der Schwede Mats Wilander schrieb am Tag danach in seiner Kolumne für „L’Équipe“: „Unter den Bedingungen dieses Jahres, auf schwerem Boden und mit schweren Bällen hat er eine starke Nachricht hinterlassen. Er hat gesagt: Hallo Leute, ihr seht, ich brauche keine Bälle, die hoch abspringen, ich brauche keine 30 Grad. Ich brauche einfach nur einen Tennisplatz, um noch einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen.“

          Natürlich pflegt und nährt Nadal ein unzertrennbar enges Verhältnis zu diesem Turnier, bei dem er mit 19 in knielangen weißen Hosen und ärmellosem grünem Hemd den ersten großen Titel gewann und jetzt ganz in Hellblau mit 34 den dreizehnten. Er hatte alles im Griff in diesen denkwürdigen 15 Tagen, ob tagsüber oder in der Nacht, ob im Nieselregen oder unter dem geschlossenen neuen Dach. Er verlor keinen einzigen Satz, und es gab in sieben Spielen nur zwei, die ihm vorübergehend nahe kamen: der junge Italiener Jannik Sinner zu Beginn des Viertelfinales und Diego Schwartzman aus Argentinien im dritten Satz eine Runde danach. Nada mas.

          So einmalig die 13 sein mag, in der Welt des Tennis wird die 20 aber nun eine ganze Weile eine größere Rolle spielen. Man hätte es sich ja eigentlich denken können bei der aktuellen Jahreszahl, dass Nadal zu Federers Grand-Slam-Titeln aufschließen würde – anno 2020 steht es nun 20 beide. Der Schweizer Freund und Rivale schrieb in einer Nachricht kurz nach dem Finale, er hoffe, diese 20 sei nur ein weiterer Schritt auf der Reise für beide. „Ich glaube, wir haben uns gegenseitig getrieben, um bessere Spieler zu werden, und es ist wirklich eine Ehre für mich, ihm zum 20. Grand-Slam-Titel zu gratulieren.“

          Als Nadal vor 15 Jahren den ersten gewann, hatte Federer schon vier, und Ende des Jahres 2008, in dem Novak Djokovic den ersten gewann, standen bei Nadal fünf, bei Federer 13 zu Buche. 2009 gewann der Schweizer noch mal zwei in vier Finals, danach ging es langsamer voran, womit der immer stärker werdende Serbe maßgeblich zu tun hatte.

          Vor allem in den Vereinigten Staaten ist die Debatte, wer der Beste der Geschichte sei (greatest of all time = GOAT), extrem populär. Das kann man interessant oder überflüssig finden oder sich prinzipiell vor allem darüber freuen, so viele Jahre mit diesen Giganten zu erleben. Nadal war in der jüngeren Vergangenheit des Öfteren darauf angesprochen worden, was es ihm bedeuten würde, mit Federer gleichzuziehen oder ihn zu überholen, doch er hatte meist geantwortet, so weit müsse er erst mal kommen.

          Und jetzt? Natürlich sei das für ihn eine große Sache, gab er am Abend des Triumphes zu. „Ich hab nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich meine Karriere liebend gern als Spieler mit den meisten Grand-Slam-Titeln beenden möchte. Aber ich werde sicher nicht die ganze Zeit darüber nachdenken, ob Novak diesen oder Roger jenen gewinnt. Du kannst nicht unglücklich sein, weil dein Nachbar ein größeres Haus hat als du oder ein größeres Boot oder ein besseres Handy.“

          Den Vergleich mit den Booten dürfte Nadal vermutlich locker gewinnen, nachdem er sich in diesem Jahr einen 28 Meter langen Katamaran schenkte. Auch im Herbst haben die Balearen noch schöne, warme Tage, man kann also davon ausgehen, dass Nadal in der nächsten Zeit noch mal in See stechen wird. Ob man ihn dagegen in diesem Jahr noch mal auf dem Tennisplatz sehen wird, unter anderem bei den nach wie vor auf dem Kalender stehenden ATP Finals Mitte November in London, ist noch nicht raus.

          Bei der Planung spielt auch die Vorbereitung auf das erste Grand-Slam-Turnier des kommenden Jahres eine Rolle. Um in Australien mitspielen zu dürfen, müssen sich alle nach der Ankunft 14 Tage in Quarantäne begeben – eine frühere Abreise aus Europa lässt sich also nicht vermeiden. Bekanntlich wird dieses kommende Jahr mit der Nummer 2021 im Kalender stehen. Was das für Rafael Nadal und Roger Federer bedeutet, liegt auf der Hand.

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