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French Open : Wie Boxer in der Nacht

  • -Aktualisiert am

French Open: Nadal nach Sieg im 100. Spiel im Halbfinale. Bild: AFP

Bei den French Open wird es Rafael Nadal nicht zu spät, aber irgendwann zu kalt. Der Kampf zweier Freunde lässt die Temperatur und Uhrzeit vergessen.

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          Hatten sie nicht behauptet, als die Flutlichtanlage installiert war und das Dach über dem Court Philippe Chatrier lag, es werde in diesem Jahr noch keine Night Sessions in Paris geben? Hatten sie. Doch die Uhr zeigte 1 Uhr 26 an, als Rafael Nadal mit zwei Vorhandkrachern und einem Schmetterball sein Spiel gegen den jungen Italiener Jannik Sinner gewann. So spät endete noch nie ein Spiel im Stade Roland Garros, und damit ist Nadal ein weiterer Eintrag ins Rekordbuch der French Open sicher, wenn auch ein eher kleiner im Vergleich zu den zwölf Titeln und hundert Spielen, die hinter seinem Namen stehen.

          Sicher, beim Vergleich mit den Turnieren, die sich seit Jahrzehnten offiziell Night Sessions gönnen, ist noch Luft nach oben. Bei den US Open in New York war schon dreimal erst um 2 Uhr 26 Schluss; zuerst 1983, als der Sieger Mats Wilander hinterher gefragt wurde, ob er jemals so spät gespielt habe, und er schlagfertig entgegnete: „Was gespielt...?“ Aber auch das war noch zivil im Vergleich zur Schlusszeit von 4 Uhr 34 von Lleyton Hewitt und Marcos Baghdatis bei den Australian Open in Melbourne 2008.

          Paris wird sich an solche Scherze in Zukunft vielleicht auch gewöhnen. Diesmal waren alle ein wenig überfordert. Die französische Sportzeitung „L’Équipe“, die das Turnier täglich seitenweise begleitet, erschien am Mittwoch mit einem Bild und dem kleinen Zusatz, zur Zeit des Andrucks habe der Spanier den ersten Satz gegen Sinner gewonnen. Eine Ausgabe ohne die Siegesnachricht des Königs – incroyable.

          Zu kalt zum Spielen

          Nadals Kommentar zur Uhrzeit hatte im Gegensatz zu Wilanders Bonmot seinerzeit keinen in Rotwein getränkten Unterton. Nicht so schlimm, dass es spät sei, meinte er. Er habe ja jetzt zwei Tage Zeit zum Erholen – deutete dann einen Blick auf die Armbanduhr an und korrigierte grinsend: „Na ja, anderthalb.“ Als er ein paar Minuten später in der virtuellen Pressekonferenz saß, wurde er ernster und erklärte, die späte Stunde sei zwar nicht ideal, aber okay. „Das Wetter ist das Problem.

          Dominic Thiem (rechts) freut sich trotz seiner eigenen Niederlage gegen Diego Schwartzman (links) im Viertelfinale des French Open über den Erfolgs seines Freundes aus Argentinien.
          Dominic Thiem (rechts) freut sich trotz seiner eigenen Niederlage gegen Diego Schwartzman (links) im Viertelfinale des French Open über den Erfolgs seines Freundes aus Argentinien. : Bild: EPA

          Es ist zu kalt zum Spielen. Ich weiß, Fußballer spielen auch unter solchen Bedingungen, aber das ist anders. Die sind die ganze Zeit in Bewegung, bei uns gibt’s einfach viele Pausen. Und das ist ein bisschen gefährlich für den Körper bei diesen Bedingungen.“ Aber das Ganze hatte sich abgezeichnet, als der Spielplan für den Tag erschienen war mit drei Frauenspielen und den ersten beiden Viertelfinals der Männer auf dem Court Central, und Nadal war nicht der Einzige, der sich fragte, ob man das nicht hätte anders lösen können. Aber sinnvolle Lösungen und die French Open – das war noch nie ein Traumgespann.

          „Ich hab alles gegeben“

          Einen Teil der Schuld trugen natürlich die Kollegen Diego Schwartzman und Dominic Thiem, die fünf Stunden und acht Minuten ihrer Lebenszeit in ein spektakuläres Spiel investierten, das die Kälte vergessen ließ. Der Sieg des Argentiniers in fünf wechselvollen Sätzen war verdient, und Thiem konnte stolz darauf sein, dass er es in seinem angeschlagenen Zustand überhaupt schaffte, in die Nähe des Sieges zu kommen. „Natürlich fühle ich mich jetzt schlecht und leer“, meinte er hinterher, „aber ich hab alles gegeben, was gegangen ist. Und gegen einen Freund zu verlieren tut ja auch ein kleines bisschen weniger weh.“ Wie die beiden nach diesem herrlichen Auftritt, in dem sie sich wie Boxer mit Aufwärtshaken, Körpertreffern und echten Geraden stundenlang traktiert hatten, am Ende freudig plaudernd am Netz standen, das erhellte den Platz mit 100.000 Lux.

          Mit dem überraschenden Sieg der Qualifikantin Nadia Podoroska im Viertelfinale der Frauen direkt vor Schwartzmans Coup ergab sich ein großer Tag für das argentinische Tennis; aber das muss ja noch nicht das Ende sein. Vor drei Wochen beim Turnier in Rom hatte Schwartzman zum ersten Mal gegen Rafael Nadal gewonnen – auf Sand, versteht sich – und war danach bis ins Finale gekommen.

          Wie gut er in Form ist, das ist nach dem bombastischen Spiel gegen Thiem kein Geheimnis, und natürlich wird er mit einer frischen Portion Zuversicht ins Halbfinale gehen. Und was die Form des frierenden Titelverteidigers betrifft? Beim Sieg über Jannik Sinner (7:6, 6:4, 6:1) hätte Rafael Nadal den ersten Satz gut verlieren können, denn der junge Mann aus Südtirol drängte ihn respektlos an die Wand. Auch im zweiten Satz hielt Sinner die Sache lange Zeit sehenswert offen. Erst danach war es um ihn geschehen. Dann ging das Licht aus; Nachtruhe im Stade Roland Garros.

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