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Kernsport-Kolumne : Land der Stabhochspringer

Kopf über hoch hinaus: Lattenüberquerung bei den deutschen Meisterschaften Bild: dapd

Während viele Disziplinen bei der Leichtathletik-WM ohne deutsche Beteiligung stattfinden werden, „leiden“ die Stabhochspringer an Überqualifikation. Als Grund gelten Kompetenzzentren, die sich positiv auf die Leistung ausgewirkt haben.

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          Vor großen Meisterschaften stehen die deutschen Leichtathleten alljährlich vor den gleichen Problemen: in den meisten Disziplinen haben sie nicht genug Athleten, deren Leistungen mit der internationalen Elite Schritt halten können, im Stabhochspringen dagegen sind es zu viele. Statt der maximal möglichen drei Teilnehmer, die jedes Land nominieren darf, erfüllen in Deutschlands Vorzeigedisziplin stets fünf oder sechs die Qualifikationsrichtlinien fürs Saisonziel.

          Auch in der laufenden Saison hat schon wieder ein Überangebot die internationalen Normen für die WM-Teilnahme in Daegu (27. August bis 4. September) überwunden, die bei 4,55 Metern für Frauen und 5,72 Metern bei den Männern liegen. Während bei den Männern der Kampf um den dritten Platz noch offen ist, sind die Tore für die Frauen allerdings schon geschlossen.

          Zum vereinbarten Stichtag nach den deutschen Meisterschaften in Kassel nominierte der Deutsche Leichtathletik Verband (DLV) die Rekordhalterin Martina Strutz (Hagenow/4,78), die EM-Zweite Silke Spiegelburg (Leverkusen/4,75) und Kristina Gadschiew (Zweibrücken/4,60). Dass die Mainzerin Carolin Hingst eine Woche später 4,65 überwand, spielte keine Rolle mehr. Sie hatte am Tag der Tage im Hintertreffen gelegen und bei der deutschen Meisterschaft keine gültigen Versuch zuwege gebracht. Hingst nahm es sportlich: „Jetzt bin ich für die WM als Ersatz nominiert. Bis dahin werde ich noch das ein oder andere Meeting machen, und mich weiterhin gesund und fit halten.“

          Deutschland, Land der Stabhochspringer

          Ganz auf der Strecke blieben ihre Vereinskameradin Anna Battke, die noch bei der Hallen-EM 2009 die Bronzemedaille gewonnen hatte, und Lisa Ryzih (Ludwigshafen), die 2010 EM-Bronze holte, im Winter 2011 deutsche Hallenmeisterin wurde, in der Freiluftsaison aber wegen einer Verletzung nicht richtig Fuß fasste. „Es gibt keinen Bonus wegen früherer Leistungen“, sagt Herbert Czingon, Bundestrainer Field im DLV. „Wir haben frühzeitig einen Stichtag festgelegt, und der wird von den Athleten auch akzeptiert.“

          Bildung von Kompetenzzentren als Schlüssel zum Erfolg

          Dass bei den Männern zum vereinbarten Termin nur zwei Springer - Malte Mohr (München/5,81) und Raphael Holzdeppe (Zweibrücken/5,72) - die Norm überwunden hatten, wunderte Czingon. Er schrieb dies auch den schlechten Witterungsbedingungen in diesem Sommer zu. „In den vergangenen Jahren hatten wir schon frühzeitig mehr Normerfüller.“ Dies sei ihm auch lieber, weil dann Planungssicherheit herrsche, diesmal müsse eben der Nachschreibetermin am 14. August genutzt werden. Was zumindest den Kampf um den dritten Platz bis dahin spannend macht: Zunächst legte der junge Carsten Dilla von der LG Uerdingen/Dormagen 5,72 vor, dann konterte sein zwölf Jahre älterer Vereinskamerad Björn Otto - der zuletzt 2007 bei einer internationalen Meisterschaft am Start war (WM-Fünfter) - und meisterte 5,80 Meter. „Noch ist es im Fluss, aber wenn es dabei bleibt, hätte er größte Aussichten, dabei zu sein“, erklärt Czingon auf Nachfrage.

          Als Grund für die Überqualifikation der deutschen Stabhochspringer nennt der Bundestrainer die Bildung von Kompetenzzentren. „Das scheint sich positiv auf die Leistung ausgewirkt zu haben.“ So hatte sich bei Bayer Leverkusen unter Leszek Klima schon frühzeitig eine Flugschule mit zahlreichen Spitzenathleten entwickelt. Vom permanenten Wettbewerb schon im Training profitierte unter anderem Danny Ecker, der sich in seinen Glanzzeiten zum Sechs-Meter-Springer aufschwang. Auch Stabhochsprung-Bundestrainer Jörn Elberding hat in Leverkusen seinen Standort; seiner Gruppe entsprang nicht zuletzt Lars Börgerling, der EM-Zweite von 2002.

          Vorsprung durch Technik

          Weitere Stab-Schwerpunkte sind Zweibrücken, wo Andrei Tivontchik lehrt, der selbst 1996 Olympia-Dritter war, und München, wo sich um Altstar Tim Lobinger und dessen Trainer Chauncey Johnson eine Sprunggruppe gebildet hat, aus der derzeit Malte Mohr herausragt. „Die Zentralisierung hat sich im Stabhochspringen absolut bewährt“, sagt Czingon, der daraus aber keine Blaupause für manch darbende Disziplin machen will. „Ob es in anderen Disziplinen helfen würde, ist fraglich.“

          Wegen der komplizierten Technik und der teuren Geräte kann sich nicht jeder Kleinverein eine Stabhochsprunggruppe leisten. Laufen kann man dagegen überall. Vom Vorsprung durch Technik profitiert die deutsche Leichtathletik übrigens auch im globalen Maßstab: Überall, wo der technische Aufwand hoch ist, gehören die Deutschen zu den Guten.

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