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Kernsport-Kolumne : „Immer mal was Neues schaffen“

Bild: Bernd Helfert

Werfen über Wasser, Springen in den See: Braucht die Leichtathletik Eventkultur oder Ganzheitlichkeit? Robert Harting greift eine alte Idee auf und die Diamond League startet in der Wüste. Kernsport - die Kolumne zum olympischen Sport.

          Zu Zeiten, als noch nicht absehbar war, ob der Karriereweg Robert Harting zum Diskus-Weltmeister führen würde oder zum Disco-Türsteher, hat Franka Dietzsch bereits Zukunftsweisendes geleistet für ihre gemeinsame Sportart. Bei der Leichtathletik-WM in Helsinki 2005 zeigte sie Diskuswerfen, wie es jetzt von Harting gefordert wurde: mit Wasserhindernis. „Ich könnte mir ein Event vorstellen, bei dem die Werfer über die Spree werfen müssen“, sagte der Berliner jüngst in einem Interview: „Ich finde es wichtig, immer wieder etwas Neues zu schaffen. Auch wenn die Gefahr besteht, dass dabei mal ein Flop herauskommt.“

          Dietzsch demonstrierte die Feinheiten ihres Sports in der finnischen Hauptstadt anhand von Frühstückstellern, die ungefähr die Größe der Sportgeräte haben - und schleuderte sie in den Töölönlahti, den See im Herzen der Stadt und in Diskuswurfweite zum Olympiastadion. Die Vorführung kam im Rahmen einer „Leichtathletik-Leichtgemacht-Serie“ im Frühstücksfernsehen von Sat.1 zustande und wurde belustigt aufgenommen. Zwei Tage danach gewann Dietzsch den WM-Titel - bei strömendem Regen, so dass die Wiese im Olympiastadion dem Töölönlahti nicht unähnlich war.

          Dass der Jux keine sechs Jahre später als erstzunehmender Beitrag in der Eventdiskussion aufgewärmt wurde, zeigt das ganze Dilemma der Leichtathletik: Die olympische Kernsportart dreht sich wie eine rotierende Diskusscheibe um sich selbst. Nur liegt sie nicht auf einem tragenden Luftpolster wie ein gut geworfenes Sportgerät, sondern flattert wie eine schief in die Luft katapultierte Tontaube, schwankend zwischen Traditionspflege und Eventkultur, jederzeit dem Abschuss geweiht.

          Diskuswerfer Harting: „Immer mal was Neues schaffen”

          Der Maßstab für die schlanke Leichtathletik

          Dabei hat die Leichtathletik einen Markenkern, um den sie manche Sportart beneidet: Laufen, werfen und springen sind die natürlichsten Bewegungen, die für Menschen vorgesehen sind. „Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft“ hat schon der große Läufer Emil Zatopek formuliert. Der kategorische Imperativ des Sports könnte also ein dickes Pfund sein, diese Bewegungsformen auch als Gesamtsportart zu vermarkten. Man kann sich aber auch verzetteln.

          Beim Saisonhöhepunkt, der Weltmeisterschaft in Daegu Ende August, werden 47 Entscheidungen fallen. Seit die Frauen im Zuge der Emanzipation auch Hammer werfen, dreimal springen und über Hindernisse laufen dürfen, haben sie 23 von 24 Disziplinen für sich erobert. Nur 50 Kilometer Gehen bleibt bislang den Männern vorbehalten. Vielfalt ist schön und gut, aber wer braucht 47 Weltmeister in einer Sportart? Beim Durchblicken der Disziplinen fallen Dopplungen ins Auge: es gibt zwei Sprintstrecken, zwei Mittelstrecken, zwei Langstrecken, zwei Hürdenstrecken, zwei Staffelwettbewerbe, zwei Sandgrubensprünge. Warum? Die Zeit scheint reif für einen konsequenten Schnitt. Und der heißt Ausmisten.

          Restlaufzeit für die Randdisziplinen

          Das Maß für die schlanke Leichtathletik ist längst da: der Zehnkampf. Die Teildisziplinen zur Krönung des Königs der Athleten sind mit bedacht gewählt: Vier hinreichend unterschiedliche Läufe (100, 400, 1500 und 110 Meter Hürden), drei Würfe (Kugel, Diskus, Speer), drei Sprünge (Hoch, Weit, Stab), fertig ist der komplette Athlet - und damit das wahre leichtathletische Kernprogramm. Eine Langstrecke, der Hindernislauf, ein Staffelrennen - damit auch der Teamgeist unter den Individualisten seinen Platz behält - und natürlich Marathon könnten den Wettkampfkanon bei Meisterschaften abrunden. Fertig. Den Zwischen- und Nebendisziplinen müssten die Unterhändler der Sportart wohl noch eine Restlaufzeit bei Großereignissen einräumen, aber dann wäre es auch gut.

          Die „Diamond League“, die diesen Freitag mit dem ersten Meeting in Doha in die WM-Saison startet, geht mit ihrem Wettkampfprogramm einen ähnlichen Weg. Nur 32 Disziplinen sind noch Diamanten wert, bei jedem Meeting steht eine Hälfte davon auf dem Programm. Auch die populären Stabhochspringer sind dabei, doch haben sie sich längst entkoppelt vom großen Ganzen und glänzen nebenbei jenseits der Stadien mit diversen Sprungevents. Demnächst gehen auch sie ans Wasser - beim Meeting in Rottach-Egern soll durch den Kurpark angelaufen und auf dem Tegernsee gelandet werden. Hoffentlich wird es kein Schlag ins Wasser.

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