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Jelena Ostapenko : Junge wilde Lettin greift nach dem Titel

  • -Aktualisiert am

Powerfrau: Jelena Ostapenko beim Halbfinal-Spiel der French Open am Donnerstag in Paris Bild: AFP

Jelena Ostapenko spielt im Finale der French Open gegen Simona Halep. Sie hat bisher in Paris für reichlich Überraschung gesorgt – das hat einen bestimmten Grund.

          Am Morgen des Halbfinales der Frauen kam Gustavo Kuerten zu Besuch, eingeladen als Repräsentant der International Tennis Hall of Fame. Auf den Tag genau 20 Jahre zuvor hatte der Brasilianer den ersten seiner drei Titel in Paris gewonnen, von allen ins Herz geschlossen. An jenem 8. Juni 1997 kam in Riga ein Mädchen auf die Welt, das nun genau dasselbe Kunststück wie Kuerten vollbringen kann – den ersten großen Titel der Karriere bei einem Grand-Slam-Turnier zu gewinnen.

          Im Finale der French Open spielt Jelena Ostapenko an diesem Samstag gegen Simona Halep, die vor Beginn des Turniers nur deshalb nicht als Favoritin gehandelt worden war, weil keiner wusste, wie die lädierten Bänder in ihrem Sprunggelenk halten würden. Gewinnt Halep den Titel, drei Jahre nach ihrem ersten Finale im Stade Roland Garros und einer Niederlage gegen Maria Scharapowa, dann wird sie Angelique Kerber von der Spitze verdrängen und die neue Nummer eins des Frauentennis sein.

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          Jelena Ostapenko stand vor Beginn des Turniers auf Platz 47; sie gehörte zur Garde der jungen Wilden, wobei die Betonung deutlich auf wild liegen muss. Von Montag an wird sie offiziell zu den Top 20 des Frauentennis gehören, Nummer zwölf, falls sie den Titel gewinnt. Hat sie das drauf? Die Tschechin Karolina Pliskova verlor im Halbfinale gegen Halep, hatte also den letzten, konkreten Eindruck, und ihre Einschätzung hört sich so an: „Klar, sie hat einen klasse Lauf hier, und sie ist eine gefährliche Spielerin. Aber ich würde alles, was ich besitze, auf Simona setzen.“

          „Sie ist 20 und fürchtet sich vor gar nichts“

          Aber wie Kuerten vor 20 Jahren rauscht auch das Fräulein aus Lettland auf einem Lichtstrahl durch das Turnier; energiegeladen und atemraubend furchtlos. Frankreichs große Sportzeitung „L‘Équipe“ nannte sie am Freitag „Miss 100000 Volt“, aber es gibt eine realistische Zahl, die noch mehr verrät. Im Laufe des Turniers schlug Ostapenko in sechs Spielen 245 sogenannte Winner und damit 127 mehr als der Kollege Rafael Nadal, der in dieser Rechnung allerdings ein Spiel Rückstand hatte.

          Zu viel Risiko? Gibt es nicht. Timea Bacsinszky war am Ende der drei Sätze im Halbfinale gegen Ostapenko nicht mehr in der Lage, das Feuerwerk aufzuhalten. „Sie ist 20 und fürchtet sich vor gar nichts“, sagte sie hinterher, sichtlich beeindruckt. „Sie hat ein unglaubliches Timing, einen Sinn für Intuition. Die Art, wie sie schlägt, ist einfach faszinierend.“

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          Den Abend ihres 20. Geburtstags verbrachte Ostapenko im Kreis von Familie und Freunden, am nächsten Tag berichtete sie von einem Anruf des lettischen Präsidenten bei ihrer Mutter („meine Nummer hat ja keiner“), von der Aufmerksamkeit, an die sie sich gern gewöhnt, von ihrer Vorliebe für Krimis von Agatha Christie und von ihrer Beziehung zum Tanz. Zwischen fünf und zwölf nahm sie an Wettbewerben im Turniertanzen teil, Stilrichtung Latein-Amerikanisch, Lieblingstanz Samba. Danach entschied sie sich für Tennis. Aber sie sagt, wenn sie längere Zeit zu Hause sei, tanze sie nach wie vor viermal in der Woche.

          Gute Beinarbeit ist bekanntlich eine Hilfe, eine gewisse Körperspannung schadet auch nicht, und ein Gefühl für Gleichgewicht macht es leichter, aus unmöglichen Positionen zu schießen. Wenn sie über sich, ihr Leben und ihr Spiel spricht, kommen die meisten Antworten kurz und knackig, und sie erinnern an die Art ihres Spiels. Kurze Ausholbewegung, bemerkenswerte Beschleunigung, ab geht die Post. In manchen Momenten sieht sie aus, als wäre sie 15, in anderen knipst sie mit ihrem Lächeln von einer Sekunde auf die andere das Licht an. So wie Kuerten damals, doch der war nicht halb so frech.

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