https://www.faz.net/-gtl-8ybgi

Wawrinka bei French Open : Tennis ohne Pokerface

  • -Aktualisiert am

Stan Wawrinka gilt als einer der geheimen Favoriten bei den French Open. Bild: EPA

Stan Wawrinka gilt als einer der geheimen Favoriten bei den French Open. Für seine Offenheit über seine Schwächen und Ängste zu reden, bekam er viel Zuspruch. Bei keinem anderen Spieler ist das Gefäß der Möglichkeiten praller gefüllt.

          Am frühen Morgen, wenn die Anlage atmen kann und noch nicht jeder Weg mit Menschen vollgestopft ist, verbreitet Roland Garros reichlich Charme. Der Blick fällt auf die Bäume und herrschaftlichen Häuser des angrenzenden Boulevards d’Auteuil, Vögel zwitschern, und in dieser Idylle ein paar Bälle zu spielen gehört zu den angenehmen Aufgaben eines Tennisprofis.

          Stan Wawrinka sagt über sich, er liebe das Leben in großen Städten, die Aufregung und das bunte Durcheinander, aber er fühle sich ebenso wohl in ländlicher Ruhe, im Einklang mit der Natur. An diesem Morgen passten bei Sonnenschein und Vogelgezwitscher beide Welten zusammen, als er zu früher Stunde auf dem Court Suzanne Lenglen trainierte.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Am Wochenende hatte er in Genf beim Turnier vor seiner Haustür den Titel mit einem Sieg im Finale gegen Mischa Zverev verteidigt, nach eher durchwachsenen Wochen ein Zeichen deutlicher Besserung. Nach zwei Niederlagen gegen Roger Federer zu Beginn des Jahres – im Halbfinale der Australian Open und im Finale von Indian Wells – gewann er später in zwei Monaten insgesamt nur vier Spiele, und von jedem anderen der Weltspitze hätte man danach gesagt, er stecke in einer Krise, zumindest in einer kleinen.

          Aber auch ohne den Titel in Genf, den ersten seit seinem Triumph im September 2016 bei den US Open in New York, müsste er in Paris bei der Frage nach den Favoriten auf jeder Rechnung stehen. Vor ein paar Wochen in Rom hatte er zwar zugegeben, im Moment fehle ihm ein wenig Feuer, er tue sich schwer mit der Motivation, aber solche Dinge können sich schnell ändern.

          In einem Interview mit dem Magazin der französischen Sportzeitung L’Équipe sagt er zu diesem Thema, es gebe überhaupt keinen Grund, wegen einzelner Niederlagen die Ruhe zu verlieren, im Training habe er das Gefühl, alles sei in bester Ordnung. Es gibt Konkurrenten, die die speziellen Herausforderungen eines Grand-Slam-Turniers fürchten, vor allem fünf lange, harte Sätze auf dem roten Sand im Stade Roland Garros. Bei Stan Wawrinka ist es das Gegenteil. „In fünf Sätzen kannst du dir mehr Fehler leisten.

          Du spielst nicht vor der dritten Runde gegen einen Gegner aus den Top 30, und du hast die Zeit, von einer Runde zur nächsten immer mehr Selbstvertrauen zu gewinnen. Ich habe in meiner ganzen Karriere viel Zeit gebraucht, und ich musste immer warten, bevor Dinge besser wurden. Es ging alles Schritt für Schritt, aber das hält, das ist solide.“

          Viel Zuspruch für seine Offenheit

          Es dauerte, bis er sich in seiner Haut wohl fühlte, bis er bereit war, den Leuten zu zeigen, wie schwer es sein kann, die Gefühle vor und während eines Spiels zu kontrollieren und sich Momente der Schwäche zuzugestehen, ohne am großen Ganzen zu zweifeln. Nach dem Finale im vergangenen Jahr in New York erzählte er, dass er auf dem Gang zum Centre Court fast zusammengebrochen sei. Weil er Angst vor diesem Spiel hatte, das er auf keinen Fall verlieren wollte, sagt er, hätte er sich fast übergeben müssen, und er war so aufgewühlt, dass er weinen musste.

          Dann ging er raus und gewann. Wawrinka bekam viel Zuspruch hinterher für seine Offenheit, für seine Bereitschaft, über Schwäche zu reden. Jungen Spielern werde beigebracht, ein Pokerface zu zeigen, aber Stress und Nervosität seien nun mal Teil des Lebens und des Sports, und es bringe nichts, sie zu negieren oder zu unterdrücken. Es sei normal, Angst zu haben, und erst, wenn man das akzeptiere, gehe es einem besser.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Sich Schwächen verzeihen zu können gehört zu den Geheimnissen eines glücklichen Daseins auf Erden, und auch deshalb und seit er das kann, ist er unter den großen Gewinnern zu finden. Der Rückhandschuss, mit dem er vor zwei Jahren in Paris den Titel gegen Novak Djokovic gewann, gehört zu den besten Bällen, die im Tennis je gespielt wurden; unvergesslich.

          Wawrinka findet, das sei das beste Turnier seiner Karriere gewesen, nie habe er besser gespielt. Die Erinnerung daran begleitet ihn auf den Wegen im Stade Roland Garros, aber das heißt nicht, dass die tägliche Arbeit deshalb leichter ist. Fünf Sätze sind fünf Sätze, und in den Beinen des zweiten Schweizers steckt prinzipiell genügend Kraft für Ballwechsel, die scheinbar kein Ende nehmen. Kann sein, dass er in der ersten Runde verliert wie vor drei Jahren. Kann auch sein, dass er wieder den Titel gewinnt; bei keinem ist das Gefäß der Möglichkeiten praller gefüllt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimapaket der Regierung : Worauf sich die Koalition geeinigt hat

          Die Spitzen der Koalition haben sich auf eine Klimastrategie geeinigt. Künftig müssen für CO2-Ausstoß Zertifikate gekauft werden, der Plan einer CO2-Steuer ist dafür vom Tisch. Für Bürger sollen im Gegenzug einige Entlastungen kommen.
          Millionen Zuschauer wollen die Fußball-Nationalmannschaft spielen sehen. Doch auf welchem Sender können sie das künftig?

          Telekom kauft alle Live-Rechte : Fußball-EM 2024 erstmals ohne ARD und ZDF

          Die Telekom hat sich die Live-Rechte an allen 51 Spielen der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland im Jahr 2024 gesichert. Das hat die F.A.Z. exklusiv erfahren. Damit gehen die Öffentlich-Rechtlichen Sender ARD und ZDF erstmals leer aus.

          Verfassungsschutz bei Youtube : Humor gegen Dschihadismus

          Nordrhein-Westfalens Verfassungsschutz will den Salafismus dort bekämpfen, wo er bisher freie Hand hatte: in der Youtube-Welt der Jugend. Ein Satire- und ein Informationsformat klären über das Thema auf.
          In einem Bierzelt wie diesem kam es auf der Münchner Wiesn zum sexuellen Übergriff.

          Übergriff auf dem Oktoberfest : Wiesn-Grabscher zu Geldstrafe verurteilt

          Im vergangenen Jahr kam es auf dem Münchner Oktoberfest zu einem sexuellen Übergriff, bei dem ein Mann einer Frau an Brust und Gesäß griff. Kurz vor Beginn des diesjährigen Fest ist nun das Strafmaß verkündet worden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.