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Zverev gegen Djokovic : „Oh, Jesus, Leute! Er hat 148 Titel mehr als ich“

Alexander Zverev will bei den French Open auch gegen die Nummer eins, Novak Djokovic, bestehen. Bild: Reuters

Novak Djokovic zeigt sich bei den French Open in herausragender Form. Nun bekommt es Alexander Zverev mit ihm zu tun. Und Djokovic kennt den jungen deutschen Rivalen ziemlich gut – nicht nur auf dem Tennisplatz.

  • -Aktualisiert am

          In dieser Stadt empfiehlt es sich, beim Überqueren der Straße als Fußgänger noch vorsichtiger zu sein als anderswo. Zebrastreifen sind in Paris kein allzu sicheres Terrain. Wie überall auf der Welt ist der Verkehr an der Seine mit dem Auftauchen der Elektroroller nicht übersichtlicher geworden, aber vielen macht es offensichtlich Spaß mit den Dingern, und zu denen gehört auch Alexander Zverev. Gemeinsam mit seinem besten Freund, dem brasilianischen Doppelspieler Marcelo Melo, schnappt er sich fast jeden Tag einen Roller, und da die beiden ziemlich lange Kerle sind – der eine knapp unter zwei Meter, der andere drei Zentimeter darüber –, sieht das in etwa so aus, als seien zwei Giraffen auf Rädern unterwegs.

          Melo spielt keine ganz unwichtige Rolle im Leben des 13 Jahre jüngeren Freundes, aber er tat es umso mehr in den vergangenen Monaten, weil in dessen Leben manches durcheinandergeriet. In dieser Zeit, als Zverev öfter verlor als gewann und es manchmal so aussah, als habe er im Spiel komplett den Plan verloren, rückte ein anderer in den Fokus, der zuerst ein kleineres Turnier in Portugal gewann und danach in Madrid Rafael Nadal besiegte – Stefano Tsitsipas, der ein Jahr jünger ist als der deutsche Konkurrent. Aber es muss keiner glauben, Zverev habe damit ein Problem.

          Im Gegenteil. „Ganz ehrlich? Das war das Beste, was mir passieren konnte. Auf einmal war er der neue Superstar. Mir hat es gutgetan, dass nicht mehr alle Aufmerksamkeit für die Spieler der jungen Generation bei mir gelandet ist.“ Dabei ist es nicht so, dass Einschätzungen und anspruchsvolle Vorstellungen immer von draußen kommen; oft genug entstehen sie im innersten Zirkel. Als Novak Djokovic im November vergangenen Jahres nach dem verlorenen Endspiel der ATP Finals in London gefragt wurde, ob er sich nach den Eindrücken aus diesem Spiel vorstellen könne, den Sieger des Tages bald auch als Sieger eines Grand-Slam-Turniers zu sehen, verkündete er: „Das wussten wir vorher schon, dazu hätten wir das Spiel heute nicht gebraucht. Es gibt keinen Zweifel, dass er bei jedem Grand-Slam-Turnier zu den Favoriten gehört. Es sind viele Ähnlichkeiten in unseren Karrieren, und ich hoffe, dass er mich überholen kann.“

          Das Lob und das Vertrauen galten keinem anderen als Zverev. Als er von Djokovics Prognose erfuhr, musste er erst mal lachen. Dann meinte er: „Oh, Jesus. Leute! Ich hab jetzt einen dieser Titel hier gewonnen, er hat fünf. Er hat ungefähr 148 Titel mehr als ich. Ich hoffe, ich kann große Dinge erreichen, aber jetzt sollten wir uns vielleicht erst mal ein bisschen beruhigen.“ Und so kam es dann auch, wenn auch auf andere Art, als er sich das an jenem ereignisreichen Sonntag im November nach dem bis dahin größten Triumph seiner Karriere vorgestellt hatte.

          Wenn sich die Finalisten von damals an diesem Mittwoch im Viertelfinale der French Open wiederbegegnen, dann geht es unter veränderten Bedingungen um neue Koordinaten. Djokovic machte bisher in Paris den Eindruck, als sei er auf einer sehr geraden Route unterwegs zum vierten Finale nacheinander bei einem Grand-Slam-Turnier nach den Siegen in Wimbledon, bei den US Open in New York und zuletzt vor ein paar Monaten nach dem sehr deutlichen Erfolg in Melbourne gegen Nadal. Im März und April landete er in einer kleinen Schwächephase, doch mit dem Titel in Rom – im Finale gegen Tsitsipas – meldete er sich mit Nachdruck zurück.

          Er kennt den jungen deutschen Konkurrenten ziemlich gut, nicht nur auf dem Tennisplatz. Auch er lebt in Monte Carlo, er trainiert dort immer wieder mit Zverev, und auch sonst laufen sie sich im kleinen Fürstentum ziemlich regelmäßig über den Weg. Und er weiß sehr gut, wie es ist, wenn die Dinge mal ein paar Wochen lang nicht gut laufen. Vor einem Jahr verlor Djokovic im Viertelfinale gegen einen Italiener namens Marco Cecchinato und machte danach den Eindruck, der Himmel sei ihm auf den Kopf gefallen. Er ließ an diesem Tag sogar offen, ob er in Wimbledon spielen wolle, und viele orteten ihn in einer tiefen Krise. Gut vier Wochen später stand er zum vierten Mal mit dem goldenen Pokal auf dem Rasen Wimbledons, und die Zahl der gewonnenen Spiele bei Grand-Slam-Turnieren nach der Niederlage gegen den Italiener im Stade Roland Garros steht inzwischen bei 25.

          Ein Sieg gegen diesen Mann auf einem der traditionsreichsten Tennisplätze der Welt könnte Zverev mit einem Schlag wieder in den Mittelpunkt des Geschehens rücken, begleitet von Pauken und Trompeten. Natürlich weiß er, dass er ohne die beste Form seinerseits keine Chance gegen die Nummer eins haben wird. Aber er sagt, er freue sich sehr auf diese Gelegenheit. Und manchmal sah es ja bisher so aus, als falle es ihm leichter, alle Reserven zu mobilisieren, wenn der Mann auf der anderen Seite einer der ganz Großen ist. Was für diese These spricht? Zwei von vier Spielen gegen Djokovic gewann er und drei von sechs Duellen mit Roger Federer. Nur gegen Nadal hatte er bisher keinen Erfolg, aber zu einem Matchball reichte es auch gegen den Spanier.

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