https://www.faz.net/-gtl-a3qyq

French Open : „Ob du nun Nadal heißt oder lieber Gott“

  • -Aktualisiert am

Eigentlich Topfavorit in Paris, doch die Konkurrenz ist stark: Rafael Nadal Bild: AP

Im Herbst fallen die Blätter in Paris: Die French Open könnten in diesem Jahr auch sportlich ganz anders werden als gewohnt. Boris Becker sieht große Konkurrenz für Seriensieger Rafael Nadal.

          3 Min.

          Das 16. Arrondissement gehört zu den teuersten Pariser Bezirken, begrenzt im Westen vom Bois de Boulogne und im Süden vom Stade Roland Garros. Zur Tennisanlage fährt man am besten mit der Métro bis zur Station Porte d’Auteuil und geht dann zehn Minuten zu Fuß. Im Frühling, wenn dort normalerweise um große Titel Tennis gespielt wird, ist das ein Weg an vielen Bäumen vorbei, die im schönsten grünen Saft stehen und ein Versprechen auf den Sommer sind. Diesmal fallen die Blätter, und die ganze Gegend ist ungewohnt still.

          Zum ersten Mal in ihrer Geschichte finden die traditionsreichen internationalen Tennismeisterschaften von Frankreich nicht im Mai und Juni, sondern im Herbst statt, aber man kann sich natürlich fragen, ob es sinnvoll ist, dass sie überhaupt stattfinden. Die aktuellen Infektionszahlen in Paris sind fast doppelt so hoch wie beim damaligen Höhepunkt der Pandemie im März, und deshalb kündigte Gesundheitsminister Olivier Véran Mitte vergangener Woche an, Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Menschen seien verboten.

          Mit 20.000 Zuschauern geplant

          Mitte März hatten die Franzosen die French Open, traditionell das zweite der vier Grand-Slam-Turniere eines Tennisjahres, in einer eigenmächtigen Aktion auf Mitte September verschoben, weder die Frauen- und Männertennis-Organisationen WTA und ATP noch die anderen drei der großen vier wurden konsultiert. Wimbledon wurde bald danach abgesagt, die US Open in New York fanden zum traditionellen Termin Ende August, Anfang September statt, allerdings ohne Zuschauer. Die Pariser mussten ihren Plan mit Zuschauern auf der Anlage mehrmals revidieren: von 20.000 pro Tag über je 5000 auf den beiden größten Stadien der Anlage auf zusammen 5000, wie Mitte September verkündet. Turnierdirektor Guy Forget sagte am Donnerstag, er hoffe, dass es bei diesen 5000 bleiben werde. Blieb es nicht: am Freitag teilten die Veranstalter mit, die Obergrenze liege bei 1000 Zuschauern am Tag.

          Begleitet von fallenden Blättern wird auch sonst vieles anders sein. Zwar ist es nicht so, dass es im Frühling in Paris nie schlechtes Wetter gab. In den Annalen des Turniers sind genügend Regentage festgehalten. Doch die Prognose sieht nicht freundlich aus, es wird zwei Stunden früher dunkel sein als im Mai oder Juni, das Spiel wird im herbstlichen Sand langsamer sein, zumal mit einer anderen Ballmarke als bisher. Zumindest der größte Platz, Court Philippe Chatrier, wird vor Regen sicher sein, denn über dem schon im vergangenen Jahr schick renovierten Stadion spannt sich nun ein Faltdach.

          Abdeckungen: In Paris wird es nass.
          Abdeckungen: In Paris wird es nass. : Bild: dpa

          Als Rafael Nadal vor ein paar Tagen zum ersten Mal unter dem geschlossenen Dach trainierte, hallten und knallten seine Schläge noch mehr, als sie es sonst schon tun. Unglaubliche zwölf Titel gewann der Spanier zwischen 2005 und 2019, nur zwei Spiele verlor er auf dem größten roten Platz der Tenniswelt, das Achtelfinale 2009 gegen den Schweden Robin Söderling und das Viertelfinale sechs Jahre später gegen Novak Djokovic; 2016 gab er wegen einer Sehnenscheidenentzündung im linken Handgelenk vor der dritten Runde auf. Mehr als ein Jahrzehnt lang galt er immer als großer Favorit, mal mit einfachen und mal mit doppeltem Vorsprung, aber auch das ist diesmal irgendwie anders.

          Als er vor zehn Tagen beim Masters-1000-Turnier in Rom nach sieben Monaten Spielpause im Viertelfinale gegen Diego Schwartzman verlor, lag das nicht nur am starken Auftritt des Gegners aus Argentinien. Nadal hatte auf die Reise nach New York zu den US Open verzichtet, und seinem Spiel fehlte es an Sicherheit. Boris Becker wurde vergangene Woche am Rande der Hamburg European Open gefragt, wie er die Form des Titelverteidigers einschätze, und da sagte er: „Prinzipiell würde man natürlich den zwölfmaligen Champion favorisieren, aber das Leben ist anders in diesem Jahr, Tennis ist anders in diesem Jahr. Er hat wenig gespielt, und ob du nun Nadal heißt oder lieber Gott – du wirst nur im Match besser, nicht im Training. Er ist immer noch mein Topfavorit, aber ich glaube, es gibt etliche Spieler, die größere Chancen haben als in den vergangenen Jahren, eingeschlossen Thiem und Djokovic.“

          Bei der Auslosung ging es vor allem um eine Frage: In welcher Hälfte Dominic Thiem landen würde, in der oberen mit Novak Djokovic oder in der unteren mit Nadal. Mit dem Titel der US Open, gewonnen im dramatischen Tiebreak des fünften Satzes im Finale gegen Alexander Zverev, hat Thiem eine andere Stellung als zuvor. Aber die Auslosung meinte es in Nadals Hälfte nicht besonders nett mit ihm, angefangen vom Spiel der ersten Runde gegen Marin Cilic aus Kroatien, wie er selbst US-Open-Sieger. Und Zverev? Die Frage ist zum einen, wie der sich vom Niederschlag der Niederlage in New York erholt hat, und zum anderen, wie er damit klarkommt, ohne Vorbereitungsturnier auf Sand – wie Thiem auch – in Paris zu spielen. „Die Idealform wäre gewesen, wenn er in Hamburg gespielt hätte“, meinte Becker zu diesem Thema. „Aber das war ein brutales Ende in New York, das muss man erst mal verkraften. Das waren einfach besondere Umstände.“

          Doch es gibt vor allem ein Spiel der ersten Runde, zu dem die Tennisgötter eine gute Dosis Sentimentalität in die Auslosung schütteten – die Partie zwischen Stan Wawrinka, dem Sieger von 2015, und Andy Murray. Vor drei Jahren hatten sich der Schweizer und der Schotte in einem brutalen Halbfinale von viereinhalb Stunden über die Grenzen und darüber hinaus gejagt, mit schmerzhaften Folgen für beide. Murray sagt, das sei das Ende seiner Hüfte gewesen – danach wurde er zweimal an der rechten Hüfte operiert –, bei Wawrinka wurde ein paar Wochen später zweimal das linke, fast zerstörte Knie repariert. Für ein Spiel wie dieses ist der Herbst eigentlich keine schlechte Jahreszeit; Frühling und Sommer des Tennislebens haben Wawrinka und Murray hinter sich, und bevor der Winter kommt, freut man sich über jedes Treffen mit Menschen, die man gut leiden kann.

          Weitere Themen

          Man wusste Bescheid

          Total und der Klimawandel : Man wusste Bescheid

          Ein Aufsatz von Wissenschaftlern bringt den Total-Konzern in Erklärungsnot. Er zeigt, dass das Unternehmen schon seit den 1970er Jahren von den Folgen für das Klima gewusst hat.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.