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French Open : Frisches Feuer bei den Frauen

  • -Aktualisiert am

„Fuerza“: Kristina Mladenovic wechselt bei ihren Anfeuerungen auch mal die Sprache. Bild: Reuters

Duelle der Trophäen-Küken: In Paris sind nur noch Spielerinnen dabei, die noch nie einen Grand-Slam-Titel gewonnen haben. Kann die Siegerin auch eine neue Ära einleiten?

          Sam Sumyk ist Franzose. Aber der Mann stammt nicht aus Paris, der eleganten Metropole, sondern aus der ländlichen Bretagne, und zwischen diesen beiden Regionen gibt es mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. In seiner Eigenschaft als Coach der Spanierin Garbiñe Muguruza meldete sich Sumyk nach deren Niederlage gegen Kristina Mladenovic in den sozialen Netzwerken zu Wort und schrieb, das französische Publikum sei armselig gewesen. „Keine Klasse.“

          Muguruza hatte sich auch eine Stunde nach dem Ende des Spiels noch nicht von der Atmosphäre auf dem voll besetzten Court Suzanne Lenglen erholt, vom „Ki-Ki“-Stakkato aus Tausenden Kehlen, vom Beifall für die Fehler der Titelverteidigerin. Es sei hart gewesen, mit dem Publikum klarzukommen, sagte sie, aber ihre Probleme hatten wohl nicht nur mit der bisweilen unfairen Reaktion auf den Rängen zu tun, sondern auch mit der französischen Gegnerin, die eine Menge davon versteht, Luft in ein kleines Feuer zu pumpen und ein großes daraus zu machen.

          Als Muguruza gefragt wurde, ob sie gehört habe, wie die Gegnerin nach einem ihrer Fehler „forza“ gerufen und ob es sie gestört habe, hatte sie sichtlich Mühe, ihre Gefühle und ihre Tränen zu kontrollieren, und verließ kurz den Raum. Nach ihrer Rückkehr und beim zweiten Versuch meinte sie dann so kurz angebunden, wie es eben geht: „Nein, ich hab gehört, sie spricht ungefähr 25 Sprachen.“ In Wahrheit sind es fünfeinhalb, aber in welcher Sprache auch immer – Kristina Mladenovic bevorzugt die Version Klartext. Sie versicherte, das Publikum habe keinesfalls irgendeine Grenze überschritten, und sie erinnerte daran, wie schwer es für sie vor ein paar Wochen beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart gewesen sei, gegen das Heimpublikum von Angelique Kerber und vor allem im Finale gegen Laura Siegemund zu bestehen. „Damals hab ich mich auch nicht beschwert – so ist Sport.“

          Wird Pliskova die neue Nummer eins?

          Begleitet von Beifall und Pfiffen und allerlei Ki-Ki-Ri-Ki bewegt sich der Sport dieser Tage in Paris in seiner ganzen verwirrenden Ungewissheit. Mit der Niederlage von Muguruza stand fest, dass nächsten Samstag eine Frau mit dem Pokal auf dem Podium stehen wird, die zuvor noch nie ein Grand-Slam-Turnier gewann. Zum ersten Mal seit fast vier Jahrzehnten sind nun ausschließlich Kandidatinnen dabei, für die es nicht nur der erste Titel in Paris, sondern auch der erste große Titel der Karriere wäre.

          Und von den ersten zehn der Weltrangliste sind genau noch drei im Spiel: Karolina Pliskova (2), die sich am Sonntag mühsam gegen Veronica Cepede Royg aus Paraguay 2:6, 6:3 und 6:4 durchsetzte, dann Simona Halep (4) und Jelina Switolina (6), die am Mittwoch im Viertelfinale gegeneinander spielen werden. Alle drei stehen in der unteren Hälfte des Tableaus, Halep (im Fall des Titelgewinns) und Pliskova (im Fall der Finalteilnahme) könnten Angelique Kerber überholen und in einer Woche zum ersten Mal an der Spitze der Weltrangliste stehen.

          Karolina Pliskova: Wird sie die neue Nummer eins im Frauen-Tennis und löst damit Angelique Kerber ab? Die Tschechin muss dafür nicht mal den Titel holen, der Finaleinzug reicht. Bilderstrecke

          Ob mit der Siegerin eine neue Ära beginnen wird? Sicher keine wie jene, die heute vor 30 Jahren in Paris offiziell eingeläutet wurde, als Steffi Graf den ersten Grand-Slam-Titel ihrer phantastischen Karriere gewann. Damals, nach dem Sieg im Finale gegen Martina Navratilova, wussten alle, was das zu bedeuten hatte, der Name Graf stand ja schon in dicken Lettern auf jedem Centre Court der Welt. Bei diesem ersten Triumph wurde sie vom Publikum unterstützt, weil die Leute eine neue, frische Siegerin sehen wollten, beim letzten ihrer 22 Grand-Slam-Titel zwölf Jahre später erlebte Graf eine Welle von Zuwendung und schwärmerischer Verehrung, die wirklich ihr selbst galt und sie zu Tränen rührte.

          Verglichen damit sind die Emotionen der Gegenwart noch sehr, sehr klein. Aus der Sicht des Publikums sah die Sache allerdings schon mal schlechter aus. Die Leute erlebten am Montag die pikante Begegnung zwischen Alizé Cornet und Caroline Garcia, die seit einem Streit im französischen Fed-Cup-Team (Garcia gegen alle) kein herzliches Verhältnis miteinander pflegen. Die besseren Nerven hatte dabei Garcia, die sich 6:2, 6:4 durchsetzte.

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          Und dann freuen sich die Franzosen auf den nächsten Auftritt von Kiki Mladenovic auf dem Court Central gegen Timea Bacsinszky aus der Schweiz, die vor zwei Jahren das Halbfinale in Paris erreicht hatte. Bacsinszky beherrscht nicht weniger Sprachen als die französische Gegnerin, auch sie hält mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg, allerdings auf eine ganz andere, blumigere Art. Selbst mit einer Frage zur optischen Aktivität linksdrehender Milchsäure könnte man sie nicht verwirren, schon gar nicht mit der Idee, sie habe ein Problem mit Mladenovic. „Es steht ihr frei, sich die Sprache auszusuchen, die sie will. Und wenn sie sich in Ungarisch anfeuern möchte – nur zu. Was auf der anderen Seite des Platzes passiert, passiert auf der anderen Seite des Platzes; ich kümmere mich um meine.“ Hört sich ganz so an, als sei das eine Konstellation wie geschaffen für das Pariser Publikum.

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