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French Open : Der späte Lohn des Jan-Lennard Struff

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Jan-Lennart Struff bejubelt seinen Sieg gegen den Kroaten Borna Coric in der dritten Runde der French Open. Bild: dpa

Mit 29 Jahren steht Jan-Lennard Struff zum ersten Mal im Achtelfinale eines Grand-Slam-Turniers – der große Lohn für für die Geduld bei den kleinen Schritten. Doch nun wartet ein echtes Schwergewicht auf den Deutschen.

          Das weiße Hemd, in dem Jan-Lennard Struff dieser Tage beim Tennisspielen steckt, hat dünne dunkle Streifen. Sie verlaufen schräg über seiner Brust, und reckt er beide Arme beim Jubel in die Luft, dann lassen diese dünnen Streifen seinen Oberkörper fast quadratisch breit aussehen; eine imposante Erscheinung. Doch es war nicht nur der Jubel, mit dem er sich am Wochenende in Paris in voller Größe präsentierte, sondern vor allem die kämpferische, mutige und höchst konzentrierte Art bis zum Sieg in fünf spannungsvollen Sätzen gegen den Kroaten Borna Coric, einen der besten zwanzig Tennisspieler der Welt.

          Mit diesem Sieg landete Struff am Samstag zum ersten Mal in seiner Karriere im Achtelfinale und in der zweiten Woche eines Grand-Slam-Turniers, und das ist mehr als ein statistischer Wert. Dieser Erfolg steht in gewisser Weise als Symbol und als Zeichen für alle, die auf dem weiten und für viele zu komplizierten Weg zu den Sonnenplätzen Geduld bewahren und sich vom Leben mit mehr Niederlagen als Siegen nicht entmutigen lassen. Vor sechs Jahren spielte der Sauerländer Jan-Lennnard Struff, damals schon 23 Jahre alt, in Paris zum ersten Mal bei einem Grand-Slam-Turnier, und bis Ende 2017 hatte er in insgesamt 17 Versuchen nicht mehr als zwei Spiele gewonnen. Wie man mit einer solchen Bilanz klarkommt? Er habe es immer geschafft, auch aus Niederlagen Kraft zu ziehen, sagte er vor ein paar Monaten dem „ Tennis Magazin“. Es ist eine Fähigkeit, ohne die die meisten Spieler aufgeschmissen wären.

          Vielleicht gehöre er ja zu denen, die erst mit 30 ihre beste Leistung zeigten, sagte der 29-Jährige auch in dem Gespräch. Sieht so aus, als läge er mit dieser Vermutung nicht falsch. Im vergangenen Jahr erreichte er in Wimbledon und bei den US Open in New York zum ersten Mal die dritte Runde, dieser Tage folgt im Stade Roland Garros die Premiere im Achtelfinale, und das ist der große Lohn für die Geduld bei den kleinen Schritten. „Auf Grand-Slam-Niveau zu spielen war lange Zeit nicht leicht für mich“, sagte er nach dem Sieg gegen Borna Coric. „Aber ich glaube, jetzt habe ich reingefunden.“ Einen wichtigen Part bei der Entwicklung spielt die Zusammenarbeit mit dem früheren Davis-Cup-Teamchef Carsten Arriens, der wie er ein eher introvertierter, ruhiger Typ ist. „Er ist jemand, der einen sehr gut pushen und neue Wege aufzeigen kann“, sagt Struff, der in diesem Jahr auch in anderer Hinsicht neue Wege entdeckt. Vor ein paar Wochen brachte seine Freundin den gemeinsamen Sohn Henri zur Welt.

          Im Achtelfinale wartet Novak Djokovic

          Es war eine anspruchsvolle Aufgabe, gegen Coric zu gewinnen, nach der er demnächst – noch ein paar Zahlen – zum ersten Mal zu den besten 40 Tennisspielern der Welt gehören wird. Die Herausforderung in Runde vier könnte kaum größer sein, der Gegner an diesem Montag heißt Novak Djokovic. Von Court 14 wird ihn der Weg auf einen der beiden größten Plätze im Stade Roland Garros führen, doch auch auf der höchsten Ebene hat Struff gewisse Erfahrungen gesammelt. Im vergangenen Jahr spielte er in Melbourne und in Wimbledon gegen Roger Federer. Und vor allem die letzte Begegnung mit einem der Großen gab ihm trotz einer Niederlage positive Zeichen, als er vor ein paar Wochen beim Turnier in Madrid in zwei engen Sätzen gegen Rafael Nadal verlor. „Natürlich ist man ein bisschen nervöser, wenn man auf einem der großen Plätze gegen einen der Großen spielen muss“, sagt Struff, aber vor allem freut er sich auf das Erlebnis.

          Vor drei Monaten beim Turnier in Indian Wells gewann der derzeit zweitbeste deutsche Tennisspieler gegen den Besten; Jan-Lennard Struff besiegte Alexander Zverev in zwei Sätzen. Nun kann man zwar sagen, Zverev sei in diesem Spiel in der Endphase einer Virus-Erkrankung nicht in guter Form gewesen, aber Struff legte Wert auf die Feststellung, auch einen angeschlagenen Gegner müsse man erst mal schlagen. In Paris saß Zverev am Samstag nach einem Sieg in fünf wechselvollen Sätzen gegen den Serben Dusan Lajovic in der Pressekonferenz, als er von Struffs Sieg gegen Coric erfuhr, und ganz offensichtlich freute er sich darüber. Die beiden haben in der ersten Woche in Paris bisweilen miteinander trainiert, zur beiderseitigen Zufriedenheit. Über das Verhältnis zum jungen Kollegen, der in jeder Hinsicht in anderen Kreisen unterwegs ist als er selbst, sagt Struff: „Das ist gut; er ist ein netter Typ, alles in Ordnung.“

          Zverev wird diesen Montag zum vierten Mal in seiner Karriere im Achtelfinale eines Grand-Slam-Turniers spielen; einmal kam er noch einen Schritt weiter, vor einem Jahr in Paris. Für Prognosen, wie die Sache diesmal laufen könnte, ist der Spielraum ziemlich groß. Das liegt zum einen am ebenso unberechenbaren wie talentierten Gegner, dem Italiener Fabio Fognini, vor allem aber an der Sammlung seiner eigenen Auftritte in der ersten Woche. Zweimal fünf Sätze mit diversen Umwegen und Verwirrungen in scheinbar sicherer Position, einmal drei Sätze ohne Wenn und Aber. Jede dieser Varianten ist denkbar gegen Fognini.

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