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French Open 2022 : Das Tennisturnier mit dem „Wow-Effekt“

Rekordmann in Paris: Rafael Nadal Bild: AP

Die French Open sind in diesem Jahr das Maß aller Dinge: Viel mehr Spektakel an einem Ort geht nicht. In Roland Garros wird alles geboten, was Rang und Namen und allerbeste Aussichten hat.

          3 Min.

          Willkommen zum spektakulärsten Tennisturnier des Jahres! Bienvenue à Paris! Jawohl, es ist wahr: Nicht das traditionsreiche Rasenturnier von Wimbledon ist in diesem Jahr das sportliche Maß aller Tennisdinge, ebenso wenig wie die anderen beiden Grand-Slam-Turniere in Melbourne und New York. Nur in Roland Garros wird von diesem Sonntag an alles geboten, was Rang und Namen und allerbeste Aussichten hat.

          Thomas Klemm
          Sportredakteur.

          Bei den Herren herrscht vom Start weg eine lange nicht erlebte Vollversammlung an Favoriten. Dazu zählen: Rekordchampion Rafael Nadal, der seinen 14. Triumph in Paris anpeilt; der wiedererstarkte Titelverteidiger Novak Djokovic, der mit seinem 21. Grand-Slam-Titel zu dem Spanier aufschließen könnte; der allseits gefürchtete Teenager Carlos Alcaraz, der auf seinem Weg zu vier Turniersiegen in dieser Saison alle Großen aus dem Weg geräumt hat; ein auf Sand versierter Herausforderer wie Stefanos Tsitsipas, der 2021 im Pariser Endspiel stand und in diesem Jahr so viele Matches auf der ATP-Tour gewonnen hat wie kaum ein anderer Spieler; und zwei Verfolger wie Alexander Zverev und Daniil Medwedew, die Djokovic von der Weltspitze verdrängen könnten.

          Und bei den Damen spielt eine überragende Iga Swiatek darum, nach 28 Matchgewinnen und fünf WTA-Titeln in Serie eine zwei Jahrzehnte alte Bestmarke von Venus Williams einzustellen und ihren zweiten French-Open-Titel nach 2020 zu holen. Viel mehr Tennisspektakel an einem Ort geht nicht.

          „Jeder Grand Slam ist ein Marathon“

          Dass den fünfzehn Tagen von Paris diesmal eine herausgehobene Bedeutung zukommt, liegt auch daran, dass die anderen drei Grand-Slam-Turniere in diesem Jahr wohl oder übel auf sportliche Attraktionen verzichten. Australien hatte im Januar dem Impfverweigerer Djokovic aus Sicherheitsgründen die Einreise und damit einen Start in Melbourne verweigert, sodass das Herrenfeld ohne den Branchenführer hatte auskommen müssen.

          Wimbledon beugt sich politischem Druck und erlaubt wegen des russischen Krieges gegen die Ukraine keinen Spielern aus dem Land des Angreifers und seiner Freunde die Teilnahme – womit beispielsweise die Russen Medwedew (Weltranglistenzweiter) und Andrej Rublew (Siebter) im Juni ebenso ausgeschlossen sein werden wie die Belarussinnen Aryna Sabalenka (Siebte) und Wiktoria Asarenka (Fünfzehnte). Und weil in den Vereinigten Staaten striktere Corona-Regeln gelten als beispielsweise in Frankreich, werden die US Open im Spätsommer absehbar auch wieder ohne Djokovic stattfinden.

          Also alle Augen auf Paris! „Jeder Grand Slam ist ein Marathon, aber besonders Roland Garros“, sagt der Grieche Tsitsipas, der im Vorjahresfinale mit 2:0 Sätzen gegen Djokovic geführt hatte und dennoch verlor: „Er schlaucht geistig und mental am meisten.“ Alle zwei Tage über drei Gewinnsätze zu spielen, bestenfalls siebenmal bis zum Gewinn des „Coupe des Mousque­taires“, und das alles auch noch auf Sand, wo die Ballwechsel länger dauern – das erfordert mehr Energie, als die meisten Tennisprofis aufbringen können.

          Tsitsipas’ bevorstehender Marathon erscheint aber zunächst frei von schwersten Hindernissen. Der Weltranglistenvierte steht in der unteren Hälfte des Herren-Tableaus als einsamer Favorit da, vor allem weil der nominell höher eingestufte Medwedew seine Stärken auf dem langsamen Untergrund kaum ausspielen kann und zuletzt wochenlang pausieren musste.

          „Obere Hälfte ziemlich vollgepackt“

          Dagegen hat die obere Hälfte des Tableaus schon bei der Auslosung am Donnerstagabend für einen „Wow-Effekt“ gesorgt. Das ATP-Ranking hatte zwar die Setzliste weitgehend vorgegeben. Doch seit die Namen der größten Favoriten auf engstem Raum schwarz auf weiß zu lesen sind, wird viel geraunt in Roland Garros.

          Geraten die Stars nicht zwischendrin ins Stolpern, treffen im Viertelfinale Djokovic und Nadal sowie Zverev und Alcaraz aufeinander; die jeweiligen Sieger kämpfen dann um den Einzug ins Endspiel. Eine Konstellation, die auch Zverev atemraubend findet. „Die obere Hälfte ist ziemlich vollgepackt“, sagte der Olympiasieger vor Journalisten am Freitag: „Ich glaube, von dort kommt der Roland-Garros-Champion.“

          Favoriten sind für den Weltranglistendritten zwei andere: Djokovic, der seine mysteriöse Frühjahrsmüdigkeit überwunden hat, am vergangenen Sonntag das Masters-Turnier von Rom gewann und von sich sagt, er sei „positiv von mir selbst überrascht“. Und Nadal, über den Zverev in den zurückliegenden Pariser Trainingstagen mal wieder staunte: „Der Platz hier gibt ihm etwas, das ihn 30 Prozent besser macht.“ Von den chronischen Fußbeschwerden war nichts zu merken beim Spanier.

          Und Zverev? Ein Turnier gewonnen hat er in diesem Jahr noch nicht. Vor zwei Wochen wurde er im Endspiel von Madrid vom Jungspund Alcaraz deklassiert, danach unterlag er Tsitsipas im Halbfinale von Rom. Seine Form sei aber von Turnier zu Turnier besser geworden, behauptet der 25-Jährige: „Wenn ich hier gewinne, bin ich mehr als glücklich über meine Sandplatzsaison.“ Ein deutscher Überraschungssieg würde dem Pariser Spektakel die Krone aufsetzen.

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