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French-Open-Finale : Der Showdown auf dem roten Sand

  • -Aktualisiert am

Will sich gegen Rafael Nadal durchsetzen: Dominic Thiem steht im Finale der French Open. Bild: AFP

Dominic Thiem weiß, wie Rafael Nadal auf Sand zu schlagen ist. Im Finale von Paris will es der Österreicher einfach noch mal tun. Seine Vorbereitung auf das Turnier war höchst ungewöhnlich.

          Jeden Tag wird es ein wenig stiller in den Kabinen des Courts Central, und am letzten Tag des Turniers ist es in den Katakomben so leer, dass die Stille beinahe beängstigend wirkt. Manch einer zieht sich in diesen letzten Minuten vor dem Beginn des Finales mit Musik und Kopfhörern in die Welt der vertrauten Töne zurück, aber irgendwann muss jeder raus zum größten Spiel des Lebens. Das kann eine einschüchternde Erfahrung sein beim allerersten Mal, aber Dominic Thiem versichert, er mache sich keine großen Sorgen: „Ich glaub, es wird ein Match wie jedes andere“.

          Schwer zu glauben. Es geht ja nicht darum, dass er an diesem Sonntag in Paris um den ersten Grand-Slam-Titel seines Lebens spielen wird; das würde ja als Herausforderung schon genügen, denn bei einem großen Finales ist alles ein wenig anders. Das Stadion ist voll besetzt, über allem liegt eine Mischung aus streng geplanten Abläufen und Unruhe im Publikum wie im Theater, bevor der Vorhang geöffnet wird. Doch er wird den Platz ja nicht mit irgend jemandem teilen, sondern mit jenem Mann, der auf dem Court Central noch nie ein Spiel um den Titel verlor.

          Zehnmal stand Rafael Nadal seit 2005 im Finale, zehnmal gewann er, nie gab er dabei mehr als einen Satz ab. Nicht gegen Roger Federer. Nicht gegen Novak Djokovic. Nicht gegen Stan Wawrinka.

          Aber diesmal wird er zum ersten Mal nicht gegen einen aus seiner Generation spielen, sondern gegen einen, der sieben Jahre jünger ist. Und gegen den einzigen, gegen den er in den vergangenen zwei Jahren im roten Sand verlor. Insgesamt drei Siege stehen in der Bilanz des 24 Jahre alten Niederösterreichers gegen Mallorcas größten Sohn. Und vor allem beim letzten dieser drei Siege vor ein paar Wochen im Viertelfinale des Turniers in Madrid wirkte Thiem so stark, dass man sich danach sehr gut vorstellen konnte, dieselbe Besetzung auch im Pariser Finale zu sehen.

          Aber was danach passierte, zeigt, dass manches in der Karriere des ruhigen, freundlichen Athleten aus Österreich ein wenig anders läuft. Ein paar Tage nach dem Sieg gegen Nadal verlor Thiem das Finale in Madrid gegen Alexander Zverev, und wiederum ein paar Tage später verlor er gleich zum Auftakt beim Turnier in Rom gegen den Italiener Fabio Fognini. Woraufhin Günter Bresnik fand, in diesem Fall sei es Zeit für Plan B. Seit 16 Jahren arbeitet Bresnik mit Thiem, er war es, der ihn als 12-Jährigen davon überzeugte, er solle die Rückhand nicht mehr wie bis dahin beidhändig, sondern mit einer Hand spielen, und ohne dessen Planung und Konsequenz Thiem sicher nicht dort stünde, wo er jetzt ist.

          Lieblingswort „Belastungserträglichkeit“

          Ab nach Lyon, meinte Bresnik, der von sich sagt, sein Lieblingswort sei „Belastungserträglichkeit“. Die Idee, man könne einen Spieler nur durch ständige Belastung besser machen, steckt hinter diesem Wort. Denn nur wer ständig Drucksituationen ausgesetzt sei, gehe mit Druck auch gut um. Weil der Coach davon überzeugt ist, gibt es keinen unter den Spitzenspielern, der übers Jahr gesehen so oft im Einsatz ist wie Thiem. Bresnik weiß, dass viele Leute finden, er fordere zu viel des Guten in dieser Angelegenheit, aber das ist ihm herzlich egal. „Sie sagen, wie deppert es sei, vor einem Grand Slam noch ein 250er-Turnier zu spielen. Ich habe das nun dreimal probiert mit zwei verschiedenen Spielern, und die waren dreimal im Halbfinal.“ Also spielte Dominic Thiem in Lyon, gewann insgesamt vier Spiele und den Titel, stieg am Abend vor dem Beginn der French Open in Paris aus dem Zug, trainierte am nächsten Tag und gewann seither jedes Spiel.

          So weit, so gut. Und jetzt? Was ist zu tun, um Rafael Nadal nicht nur herauszufordern, sondern um den Souverän als Erster in einem Finale in Paris zu besiegen? Der Coach des Belgiers David Goffin, Thierry van Cleemput, meinte in der vergangenen Woche in einem Beitrag für die französische Sportzeitung L’Équipe, die besten Chancen gegen den Spanier hätte einer, der die Rückhand von Alexander Zverev mitbringe und die Vorhand von Juan Martin del Potro. Aber es geht ganz sicher nicht nur um die Durchschlagskraft von beiden Seiten. Del Potro hatte im Halbfinale gegen Nadal nur im ersten Satz eine Chance, danach wirkte er einfach nicht mehr wie ein Mann, der an sich und seine Chance glaubt. Der Schwede Mats Wilander regte sich danach in seiner Analyse für Eurosport über die Taktik des Argentiniers mächtig auf und fragte: „Wie kann ich mich bei Breakbällen fünf Meter hinter die Grundlinie zurückziehen?“ Bisweilen kollidierte del Potro mit den Linienrichtern, die hinten an der Plane standen, und es sah so aus, als hätte er sich am liebsten bis in die Normandie zurückgezogen. Irgendwie wäre es auf dasselbe herausgekommen, wenn er auf Mont-Saint-Michel gleich die weiße Flagge gehisst hätte.

          Wer Nadal auf dem Court Central in Paris besiegen will, der muss es mit Fanfarenklang probieren wie del Potros Landsmann Diego Schwartzman, dem es mit Angriffslust und einer doppelten Dosis Courage imViertelfinale gelang, einen Satz gegen den Titelverteidiger zu gewinnen, bevor ihm ein Regenschauer dazwischen kam.

          „Ich weiß, wie ich gegen Nadal spielen muss“, sagt Thiem. Er meint, vor ein paar Wochen in Madrid habe er auch deshalb gewonnen, weil er es geschafft habe, mit einer positiven Ausstrahlung ins Spiel zu gehen und von Anfang an die Botschaft zu vermitteln, er sei überzeugt von seiner Chance. Aber er weiß auch, dass Madrid nicht Paris ist und dass die Aufgabe an diesem Sonntag einen anderen Schwierigkeitsgrad hat. Sollte er nun den stärksten Mann besiegen, den Roland Garros jemals sah, dann müsste er wohl einen Satz überdenken, mit dem er seinen eigenen Platz im Tennis im vergangenen Jahr mal beschrieben hatte: „Ich bin ein bisserl zu normal für einen Hype“. On verra, wie die Franzosen sagen; das wird man sehen.

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