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French Open : Die erstaunliche Sicherheit des Alexander Zverev

Comeback-Qualitäten: Alexander Zverev behauptet sich auch in brenzligen Situationen. Bild: dpa

Der Sieg im Fünfsatzmatch in der zweiten Runde zeigt, wie Alexander Zverev seine Psyche stabilisiert hat. Mit neuem Selbstvertrauen verfügt der deutsche Tennis-Star über ausreichend Nervenstärke für enge Momente.

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          Der Jubel nach einem gewonnenen Match fällt bei jedem Tennisprofi anders aus. Manche brüllen kurz auf, andere ballen schlicht die Faust, wieder andere haben sich kleine Zeremonien zurechtgelegt. Nach besonders wichtigen Triumphen landen viele sogar auf dem Rücken. Alexander Zverev präsentierte bei den French Open am Dienstagabend eine ganz andere Variante. Nachdem er sein Zweitrundenmatch gegen den Franzosen Pierre-Hugues Herbert mit einem sehenswerten Lob beendet hatte, schlurfte er mit ausdrucksloser Miene und hängendem Haupt zur Verabschiedung am Netz. Er streifte sein Stirnband ab und schüttelte immer wieder enttäuscht den Kopf. Hätte die Ergebnistafel nicht absolut unmissverständlich einen 2:6-, 6:4-, 7:6- (7:5), 4:6- und 6:4-Erfolg für Zverev ausgewiesen, man wäre wohl kaum auf die Idee gekommen, ihn in diesem Moment für den Sieger der Partie zu halten.

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          Pirmin Clossé
          Sportredakteur.

          Fast schien es, als schäme sich der Deutsche dafür, auf welche Art und Weise er die dritte Runde bei dem Grand-Slam-Turnier in Paris erreicht hat. „Ich war heute nicht der bessere Spieler auf dem Platz“, sagte er nach dem knapp vierstündigen Krimi: „Ich habe nicht die Vorhand besser geschlagen, ich habe nicht die Rückhand besser geschlagen, ich habe nicht besser serviert, ich habe nichts besser gemacht als er.“ Dass er sich dennoch durchsetzte, verdankt Zverev einer neuen Qualität, die ihn schon bei den US Open in New York Anfang des Monats viele knifflige Situationen hatte überstehen lassen. „Ich habe trotzdem einen Weg gefunden“, sagte er. „Und das ist nun mal das Wichtigste.“

          Unkonventioneller Gegner

          Fast zwei Sätze lang hatte Zverev, der Pfadfinder im übertragenen Sinne, gebraucht, ehe er gegen Herbert den Weg zum Sieg fand. Beim Stand von 1:4 im zweiten Satz und Breakball für den Gegner hatte er sich vor dem geistigen Auge bereits „zu Hause in Monaco oder auf dem Boot“ gesehen, wie er später erzählte. Herbert, ein unkonventioneller Spielertyp, der im Doppel bereits alle vier Grand-Slam-Turniere gewonnen hat, schien ihn mit seinem Serve-and-Volley und den vielen Stopps erfolgreich aus dem Rhythmus zu bringen. „Aber ich habe mich reingebissen und das Match irgendwie herumgedreht“, sagte Zverev hinterher. Boris Becker verlieh ihm dafür als Experte bei „Eurosport“ liebevoll das Prädikat „Kampfschwein“.

          Doch es ist mehr als nur der unbändige Siegeswille, der Zverev derart holprige Duelle inzwischen zuverlässig gewinnen lässt. Vielmehr hat er sich mit seinen 23 Jahren längst eine erstaunliche Selbstsicherheit in langen Partien erarbeitet. Von seinen jüngsten 13 Fünfsatzmatches gewann er elf und in Roland Garros durch den Sieg über Herbert nun sogar deren sechs von sechs. Auch wenn er selbst darauf hinweist, dass er ausgerechnet das wichtigste davon – nämlich das US-Open-Finale vor zweieinhalb Wochen gegen Dominic Thiem – verlor, ist diese Bilanz kein Zufall. Wo er früher oft nervös, hektisch, hadernd wurde und sein Spiel daraufhin nicht selten in sich zusammenfiel, vertraut er heute darauf, auf lange Sicht im Match im Vorteil zu sein.

          „Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass ich ziemlich fit bin“, sagte Zverev nach dem Match gegen Herbert. Und die harte Arbeit, die er abseits der Courts verrichte, zahle sich besonders aus, wenn es mal wieder etwas länger dauert. „Du hebst keine Hanteln und Gewichte für Dreisatzmatches“, erklärte er: „Das machst du für die Fünfsatzmatches, für die großen Momente wie diesen hier.“

          Neues Selbstbewusstsein

          Resultat ist ein Selbstbewusstsein, das ihm die nötige Nervenstärke für enge Momente verleiht. Die Strauchler gegen vermeintlich schwächere Gegner, die ihn früher häufig schon in den ersten Runden aus dem Turnier befördert hatten, scheinen ein Problem der Vergangenheit. Bei den beiden bisher gespielten Grand-Slam-Turnieren im Corona-Jahr 2020 hat er jeweils nur gegen Thiem verloren.

          Allerdings weiß Zverev, dass er seine Fitnessvorteile und die nachgewiesenen Comeback-Qualitäten nicht überstrapazieren sollte. Ein Tennismatch ist ein komplexes Gebilde, und gegen Herbert gab es genügend Momente, in denen es in die andere Richtung hätte kippen können. Außerdem werden die Aufgaben nicht einfacher. In Runde drei trifft Zverev an diesem Freitag auf Marco Cecchinato. Einen Italiener, der 2018 bei den French Open unter anderem Novak Djokovic geschlagen und sensationell das Halbfinale erreicht hatte.

          Und auch wenn Cecchinato seither mit überschaubarem Erfolg auf der Profitour unterwegs war – in der Weltrangliste belegt er derzeit nur Rang 110 und musste sich folglich über die Qualifikation ins Hauptfeld kämpfen – ist Zverev dadurch gewarnt. „Er ist einer, der auf Sand viel besser spielt als auf Hartplatz. Deswegen erwarte ich ein sehr schwieriges Match“, sagte der Deutsche: „Ich hoffe, dass ich besseres Tennis zeigen kann, denn das werde ich gegen ihn brauchen.“ Ein weiteres Nervenspiel will sich Zverev gegen einen ausgewiesenen Spezialisten für die rote Asche von Paris lieber ersparen. Gelingt dies, dürfte dann auch sein Jubel wieder etwas ausgelassener ausfallen als zuletzt.

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