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Sieg bei den French Open : Djokovic ist am Boden – und doch ganz oben

  • -Aktualisiert am

Ein Kuss auf die Trophäe der French Open hat Novak Djokovic bislang noch gefehlt Bild: dpa

Novak Djokovic gewinnt die French Open und stößt in einen elitären Zirkel vor. Mit dem Finalsieg über Andy Murray gelingt dem Schützling von Boris Becker etwas ganz Seltenes.

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          Einen Moment lang sah es so aus, als würde er den Triumph ganz still und im Stehen genießen, doch dann ging er zu Boden und blieb eine Weile an der Grundlinie liegen. Am Boden und weiter oben denn je. Mit dem Sieg gegen Andy Murray (2:6, 6:1, 6:2, 6:4) schnappte sich Novak Djokovic Sonntagnachmittag auf dem Court Central in Paris den letzten großen Titel aus dem Quartett des Grand Slam. Und nicht nur das. Seit Rod Laver anno 1969 ist er der erste Spieler in der Zeit des Profitennis, der vier in Folge gewann. Und nach der Hälfte des Jahres ist er damit zum ersten Mal in seiner Karriere noch im Rennen um den echten, den einzig wahren Grand Slam, dem Gewinn der vier Turniere in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York innerhalb eines Kalenderjahres.

          Ein Blick auf die Ränge des vollbesetzten Court Central mit Dutzenden serbischer Fahnen in allen Größen deutete schon vor dem ersten Ballwechsel darauf hin, dass es Djokovic nicht an Unterstützung fehlen würde. Die Vermutung wurde zur Sicherheit, als die Kombattanten den Platz betraten: Unterstützung und Beifall für Murray, ein Jubelsturm für Djokovic. Das oft so launische Pariser Publikum fand offenbar der Mann in Rot und Schwarz habe lange genug auf diesen Titel gewartet. In den drei Stunden und drei Minuten der Partie blieb es fast in allen Phasen bei der Relation der Emotionen; drei Viertel für den Serben, ein Viertel für den Schotten.

          Geradezu schockiert

          Ein paar Tage zuvor hatte Murray gesagt, es mache ihm nichts aus, auch gegen das Publikum zu spielen, Hauptsache, es sei überhaupt was los. Vom Nebenplatz, wo gerade ein junger Franzose den Titel bei den Junioren gewonnen hatte, wehte die Marseillaise herüber, und die Leute hatten zunächst nicht allzu viel Gelegenheit, ihre Sympathie auszudrücken. Nach einem Aufschlagverlust im allerersten Spiel machte Murray da weiter, wo er beim Sieg im Halbfinale gegen Stan Wawrinka aufgehört hatte. In einem der besten Sätze seiner Karriere gab er dem Mann auf der anderen Seite eine Menge zu denken, und nach einer halben Stunde sah es so aus, als sei Djokovic geradezu schockiert. Alles, was Murray machte, wirkte zwingend und durchdacht.

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          Mit einem Fehler des Serben endete die schottische Dominanz nach 45 Minuten, danach begann Phase zwei. In dieser Phase ließ Murray ein wenig nach, Djokovic schien sich gesammelt zu haben und ging schnell 3:0 in Führung. Im Gegensatz zum ersten Satz, in dem er nur selten den Mut zu Rückhandschüssen geradeaus gehabt hatte, zog er diesen Schlag nun immer öfter durch, und das konnte man als Barometer seiner steigenden Zuversicht deuten. Boris Becker, sein Coach, der nie in Paris den Titel gewonnen hatte, raufte sich nicht mehr so oft die Haare wie in der Anfangsphase, die auch ihn sichtlich nervös gemacht hatte. Djokovic gewann diesen Satz souverän, quasi als Überleitung zu Phase drei, in der der eine vollgepumpt mit frischem Optimismus immer besser wurde und der andere einen immer müderen Eindruck machte.

          Fast fünf Stunden hatte Murray aus den ersten sechs Spielen mehr in den Beinen als sein Gegner, und die Kombination aus nachlassenden Kräften, Frust und der imponierenden Stärke des anderen ließ bald darauf schließen, wer dieses Spiel gewinnen würde. Die Serben schwenkten ihre Fahnen, die Franzosen schwenkten um und unterstützen nun des Öfteren den Schotten aus einem sehr pragmatischen Grund: Sie wollten das ganze Drama, das volle Programm sehen, so wie im vergangenen Jahr beim spektakulären Sieg Wawrinkas.

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          Aber es blieb beim Wunsch. Djokovic hielt das Spiel fest in der Hand und gab es nicht mehr her, so sehr sich Murray auch immer wieder bemühte. Spiel, Satz und Sieg Djokovic nach drei Niederlagen im Finale auf dem Court Central – zwei gegen Rafael Nadal, eine gegen Wawrinka. In der Ära des Profitennis gab es vor diesem ersten Sonntag im Juni 2016 nur vier Spieler mit dem kompletten Quartett der Titel: Rod Laver, Andre Agassi, Roger Federer und Rafael Nadal.

          Wie hatte es Djokovic in einem Ausblick auf das letzte Spiel tags zuvor in allergrößter Neutralität gesagt? „Die French Open stehen bei mir jedes Jahr zu Beginn weit oben auf der Liste der Prioritäten.“ Dann kann man getrost als Understatement des Monats bezeichnen. Wer ihn kennt, der weiß, wie sehr er diesen Titel haben wollte, um damit in dieser Angelegenheit auf die gleiche Stufe zu springen wie Federer und Nadal. Federer thront mit 17 Grand-Slam-Titeln an der Spitze, Nadal steht bei 14. Djokovic hat jetzt zwölf. Und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis er zumindest den Spanier erreicht.

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