https://www.faz.net/-gtl-qgnf

French Open : Was bleibt, ist die Frage, warum sich Agassi das noch antut

Noch ist die Liebe zum Spiel größer als der Schmerz Bild: AP

Wieder ist Andre Agassi in Paris in der ersten Runde ausgeschieden, wieder gegen einen Qualifikanten. Ein chronisch entzündeter Ischiasnerv macht das wohl letzte Karrierejahr des Amerikaners zur Tortur.

          3 Min.

          Den dritten Satz hatte Andre Agassi zwar gerade im Tiebreak gewonnen, aber längst ahnte er, daß er dieses Spiel nicht gewinnen würde. Der Ischiasnerv hatte sich wieder bemerkbar gemacht, und die Schmerzen nahmen von Minute zu Minute zu. Erst waren da nur diese leichten Beschwerden im Rücken, aber von dort strahlte es immer weiter aus, über die Hüfte, dann in den Oberschenkel, später ins ganze Bein, und jeder konnte es sehen, mitfühlen, mitleiden: Andre Agassi ging, als habe er rohe Eier in den Schuhen, die es nicht zu zerquetschen galt.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Aber er humpelte nicht zum Netz, um die Hand seines finnischen Gegners Jarkko Nieminen zu schütteln und dann irgendwo in den Katakomben des riesigen Stadions Philippe-Chatrier zumindest ein wenig Linderung zu finden. „Ich weiß nicht warum, aber ich konnte nicht“, sagte Agassi nach seiner 5:7, 6:4-, 7:6-, 1:6 und 0:6-Niederlage.

          Keiner spielte mehr Grand-Slam-Turniere

          Dieses Problem mit dem Ischiasnerv behindert den Amerikaner schon länger, und zunächst glaubte er, irgendetwas stimme mit seiner Hüfte nicht. Im vergangenen Jahr hatte er deswegen vor den French Open seine Sandplatzvorbereitung auf ein Minimum reduziert, war prompt in der erste Runde an einem Qualifikanten gescheitert und mußte danach auch seine Teilnahme in Wimbledon absagen. Erst später fand man heraus, daß der Ischiasnerv des 35jährigen Ehemannes von Steffi Graf chronisch entzündet ist. Spätfolgen einer bemerkenswert langen Karriere des einstigen Paradiesvogels aus Las Vegas.

          Agassi leidet an den Spätfolgen einer bemerkenswert langen Karriere
          Agassi leidet an den Spätfolgen einer bemerkenswert langen Karriere : Bild: AP

          Sein erstes Grand-Slam-Turnier spielte er 1986 in New York , als seine Haare lang, seine Kleidung bunt und Ronald Reagan Präsident der Vereinigten Staaten war. „Wenn ich noch Haare hätte, könnte man auch sehen, wie alt ich bin“, hatte der meistens kahlköpfige Agassi noch vor diesen French Open gescherzt. Dieses hier war sein 58. Grand-Slam-Turnier, und kein anderer Spieler hat in der Geschichte dieses Spiels öfter an den vier wichtigsten und größten Turnieren in Melbourne, Paris, London oder New York teilgenommen. Es hätten sogar noch ein paar mehr sein können, denn erst 1995 hatte er sich erstmals dazu entscheiden können, auch an den Australian Open teilzunehmen. Vorher war ihm die Flugreise nach Melbourne zu lang gewesen, und ohnehin hatte ihm dieses Turnier nicht in seine persönliche Terminplanung gepaßt, was er mittlerweile vermutlich wie manch andere Episode in seiner anwechslungsreichen Karriere bereut. Viermal hat er seitdem die Australian Open gewonnen, mehr als jedes andere Grand-Slam-Turnier.

          Nur mit Cortisonspritze

          Diesen Schmerz in seinem Rücken aber hat Agassi am Dienstag nicht zum ersten Mal in seinem Leben gefühlt. Mitte Februar hatte er eine Cortisonspritze bekommen, danach war es zunächst wieder einfacher geworden, seinem Beruf nachzugehen. Zumindest wenn er aufgewärmt ist, wenn er sich bewegt hat - und danach, wenn die Muskeln wieder kalt werden, danach sieht ihn in der Regel ja niemand außer seiner Familie. Denn daß die Wirkung der Spritze nachgelassen hatte, wußte niemand besser als Agassi. „Wenn Sie sehen würde, wie ich abends vom Training nach Hause komme, würden Sie nicht glauben, daß ich ein Profisportler bin“, sagte Agassi. Vermutlich hat er recht - wahrscheinlich läge der Verdacht näher, daß er ein Profisportler war.

          Die meisten Kollegen hören dann auf, wenn diese Schmerzen zuviel werden, erklären dann, daß sie auch in zehn Jahren mit ihren Kindern noch Ball spielen wollen und stoßen überall auf Verständnis. Soweit ist Agassi noch nicht, noch liebt er dieses Spiel offenbar zu sehr, als daß er davon lassen könnte und sich nur noch um seine Familie und seine Wohltätigkeitsorganisation kümmern könnte. Er hat alle Argumente hin- und hergewogen am Anfang des Jahres, und nun will er zumindest bis zum Saisonende auch weiterspielen.

          „Ein paar Monate Tennis auf höchstem Niveau“

          Drei Cortisonspritzen pro Jahr könne er bekommen, hatten ihm die Ärzte mitgeteilt. „Vielleicht hat die zweite oder dritte Injektion ja eine längere Wirkung als die erste“, sagt Agassi, und so eine Spritze würde höchstens zehn Minuten seiner Zeit beanspruchen. „Wenn ich dafür wieder ein paar Monate die Möglichkeit bekomme, Tennis auf höchstem Niveau spielen zu können, wäre das meine erste Wahl.“

          Auch wenn sich der Rücken zuletzt dann und wann mal gemeldet und störend bemerkbar gemacht hatte, war Agassi zuversichtlich nach Paris gekommen. In Rom hatte er sich gut gefühlt, selbst die Kälte von Hamburg hatte ihm nichts ausgemacht, obwohl Kälte und Wind pures Gift bei seinen Beschwerden sind. „Ich habe jetzt eine Ahnung davon bekommen, warum manche Menschen im Alter nach Florida ziehen“, sagt Agassi, der mit seinen 35 Jahren aber im Vergleich zu den meisten Umsiedlern ins Sonnenparadies Florida eher ein Jüngling ist.

          Cortison ist auf Dauer keine Lösung

          Was bleibt, ist die Frage, warum sich einer das noch antut, der alles in seiner Karriere gewonnen hat? Agassi ist der einzige aktive Spieler, der bei allen vier Grand-Slam-Turnieren triumphiert hat. 1992 gewann er in Wimbledon, 1994 (und 1996) in New York, 1995 (sowie 2000, 2001 und 2003) in Melbourne, 1999 in Paris. Daß er in Paris alleiniger Rekordhalter bei den Grand-Slam-Teilmnahmen wurde, scheidet als Beweggrund wohl auch aus. „Das wußte ich gar nicht“, sagte Agassi, und redete lieber von der Möglichkeit, in knapp vier Wochen in Wimbledon aufzuschlagen.

          Wie das weitergehe mit den Spritzen, darüber wolle er sich nun noch einmal gründlich informieren und beraten lassen, kündigte er immerhin an. Von der Leidenschaft Tennis kann er noch nicht lassen, aber vielleicht findet sich jemand, der ihm erklären kann, daß Cortison auf Dauer keine Lösung ist und er davon lassen muß. Mit den Kindern in zehn Jahren noch Ball spielen zu können, ist keine schlechte Perspektive.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wahl in Amerika : Trump macht Weg für Amtsübergabe frei

          Wochenlang hat Donald Trump eine geordnete Vorbereitung der Amtsübernahme durch Joe Biden blockiert. Jetzt ändert er seine Haltung in einem wichtigen Punkt. Von einer Wahlniederlage will er weiter nichts wissen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.