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French Open : Selbst Thomas Haas bittet um eine Zugabe

Vor ein paar Tagen noch unbekannt: Sesil Karatantschewa Bild: dpa/dpaweb

Eine fünfzehnjährige Bulgarin begeistert Paris. Mit ihrem Sieg gegen die ehemalige Weltranglistenerste Venus Williams spielte sich Sesil Karatantschewa in die Herzen der Fans.

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          So wie noch vor ein paar Tagen wird es nie wieder sein für Sesil Karatantschewa. "Ich hatte noch nie etwas von ihr gehört", sagte die ehemalige Weltranglistenerste Venus Williams, nachdem sie in der dritten Runde an der 15 Jahre alten Bulgarin gescheitert war. Mittlerweile aber ist Sesil Karatantschewa in aller Munde, nachdem sie es schaffte, dem Triumph gegen die ehemalige Weltranglistenerste einen weiteren Sieg folgen zu lassen.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Durch den 7:5- und 6:3-Erfolg über die Schweizerin Emmanuelle Gagliardi zog sie ins Viertelfinale ein und trifft dort an diesem Dienstag auf die Russin Jelena Lichowtsewa. "Ich hatte solche Angst vor diesem Sieg. Es fällt mir schwer zu glauben, daß ich wirklich im Viertelfinale bin", sagte die Bulgarin danach.

          Monica Seles ist die bisher jüngste Siegerin

          Aber wie immer in ihrem bisherigen Leben scheint sie schnell dazuzulernen. Denn nur ein paar Minuten später war sie schon überzeugt, "noch viel besser spielen zu können. Aber ich weiß nicht, wie weit mich das hier noch bringt." Im Fall der Fälle könnte ihr das einen Eintrag in die Tennis-Geschichtsbücher bringen: Die bislang jüngste Siegerin in Roland Garros war Monica Seles, die 1990 bei ihrem Triumph in Paris 16 Jahre und sechs Monate alt war.

          „Ich hatte noch nie etwas von ihr gehört”, sagte Venus Williams nach ihrer Niederlage

          Auch Sesil Karatantschewa hat in Paris schon die Siegertrophäe hochgehalten: Sie gewann im vergangenen Jahr das Juniorinnenturnier. Daß sie auch bei den Damen ihren Weg machen würde, hatten viele prophezeit, darunter auch der deutsche Davispokalspieler Thomas Haas. Im November vergangenen Jahres trainierte Haas mit der Bulgarin im Tenniscamp von Nick Bollettieri in Florida und war danach voll des Lobes. Er arrangierte gleich ein weiteres Training für den nächsten Tag, was die Bulgarin erst einmal sprachlos machte. Und das soll nicht oft vorkommen.

          Autobiographie mit 15

          An Selbstbewußtsein mangelt es dem Teenager nämlich bei weitem nicht. Sie hatte keine Scheu, Bollettieri vor drei Jahren selber anzusprechen mit der Bitte, er möge sich doch einmal eines ihrer Spiele anschauen. Da der Tennisguru nicht sofort zusagte, ließ sie nicht locker: "Aber ich bin ziemlich gut. Sie machen da einen Fehler!" Bollettieri kam am nächsten Tag tatsächlich und war sofort überzeugt von dem, was er da sah: "Ich habe meinen Trainern gleich gesagt, dieses Mädchen hat das Zeug, eine Große zu werden."

          In Bollettieris Trainingscamp hat Sesil Karatantschewa nicht nur an ihrem Tennisspiel gefeilt, sie hat auch an ihrem Englisch gearbeitet. Die ersten Sprachkenntnisse hatte sie sich durch die Lieder der "Spice Girls" erworben, auch wenn die ehemalige Girlieband im Grunde gar nicht ihre Musikrichtung ist. "Ich höre lieber Musik aus den achtziger Jahren, am liebsten Queen", sagt sie, was bei ihrem Geburtsjahr 1989 einigermaßen erstaunlich ist. Mittlerweile ist sie noch selten Trainingsgast in Florida, sondern wird wieder von ihrem Vater in Bulgarien gecoacht. "Ich war irgendwann weder hier noch da so richtig zu Hause, und mir hat etwas gefehlt. Aber ich habe immer noch Kontakt zu Nick", sagt sie, die inzwischen nicht nur eine erstaunliche Karriere hinter sich und eine vermutlich noch viel bessere Zukunft vor sich hat. Mit ihren 15 Jahren hat sie auch schon eine erste Autobiographie verfaßt.

          Das war im jugendlichen Übermut"

          Vielleicht hätte Venus Williams sich ein Exemplar besorgen sollen. Sie kommt als ehemaliges Idol der Bulgarin schließlich darin vor. Als kleines Mädchen wollte auch Sesil Karatantschewa solch eine bunte Perlenkette haben, wie sie Venus Williams mitunter im Haar trug. Doch mehr als der Modegeschmack der Amerikanerin hat Gabriela Sabatini die Bulgarin inspiriert. Den Vornamen suchte sie für ihre jüngere Schwester aus, weil die Argentinierin ihr großes Vorbild war. "Sie ist einer der Gründe, warum ich mit Tennis angefangen habe", sagt sie. Der andere war ihr Vater Rado, der aber zunächst viel Überzeugungsarbeit leisten mußte. Mit fünfeinhalb Jahren nahm Sesil Karatantschewa erstmals einen Tennisschläger in die Hand - und mochte das Spiel überhaupt nicht. Das hat sich mittlerweile grundlegend geändert. Ihr großer Traum ist es, irgendwann die Nummer eins zu sein, aber daß sie die Tenniswelt nicht in ein paar Tagen erobern kann, hat sie schon gelernt.

          Vor ihrer Partie gegen Maria Scharapowa im vergangenen Jahr in Indian Wells hatte sie keck angekündigt, sie werde der Russin den Hintern versohlen, verlor aber in drei Sätzen. "Das war im jugendlichen Übermut", sagt die Fünfzehnjährige. Sie freut sie auf den 8. August, auf ihren Geburtstag, "dann werde ich 16, süße 16". Was einen Vorteil hat: Dann darf sie so viele Turniere spielen, wie sie will. Und langweilig wird es mit ihr sicher nicht, wenn sie dabei ihrem großen Traum tatsächlich näher kommt.

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