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Amerikanische Fußballfrauen : Reifeprüfung für die Altstars

Erfahrung statt Elan: Die Spielerinnen der Vereinigten Staaten sind im Schnitt fast 30 Jahre alt Bild: AFP

Erfahrung statt jugendlichem Elan: Die amerikanischen Fußballfrauen planen bei der WM den großen Coup – und vertrauen auch gegen China auf eine riskante Strategie.

          Plötzlich sah Abby Wambach noch ein bisschen älter aus, als sie es mit ihren 35 Jahren für eine Spitzensportlerin ohnehin schon ist. Soeben war der Ball nach ihrem Elfmeter in der 50. Minute des Achtelfinalspiels der Fußball-WM der Frauen gegen Kolumbien am linken Pfosten vorbeigeflogen. Der frisch fürs Turnier blondierte Superstar im amerikanischen Team stand konsterniert am Strafstoßpunkt. Drohte das Ende des wohl letzten Traums vom WM-Titel, des einziges Erfolgs, der der Top-Torjägerin zu einer vollkommenen Karriere fehlt?

          So weit kam es dann doch nicht, weil das Team der Vereinigten Staaten am späten Montagabend in Edmonton noch zwei Tore durch Alex Morgan (53. Minute) und Carli Llyod (66.) erzielte und dank des 2:0-Siegs ins Viertelfinale gegen China in der Nacht von Freitag auf Samstag (1.30 Uhr / Live im ZDF und im Frauenfußball-WM-Liveticker bei FAZ.NET) eingezogen ist. Aber der Fehlschuss von Abby Wambach, die in ihrer Karriere 183 Länderspieltreffer erzielt hat, lieferte abermals Stoff für Diskussionen über die Struktur des amerikanischen Teams.

          Die Erfahrung als großer Vorteil

          Nationaltrainerin Jill Ellis hat auf Erfahrung gesetzt und einen Kader für die WM nominiert, in dem der Durchschnittswert an Länderspielen bei 104 Einsätzen liegt. Im Schnitt sind die Spielerinnen fast 30 Jahre alt. Und Spielführerin Christie Rampone wird nach ihrem Geburtstag an diesem Mittwoch in die Historie eingehen als erste Vierzigjährige, die in einem Turnier zum Einsatz kommt. Die Amerikanerinnen stehen auch durchaus zu ihrem Alter, wie Abby Wambach auch mit einer via Twitter verbreiteten theatralischen Playback-Einlage zu Whitney Houstons Klassiker „I will always love you“ bewies.

          Will nicht zu einer „unvollendeten Generation“ gehören: Ammy Wambach

          Kann man mit einer solchen Ansammlung an „Altstars“ bei einem Turnier auf dem für Muskeln, Bänder und Sehnen besonders strapaziösen Kunstrasen erfolgreich sein? „Wir haben mehr Erfahrung. Viele von uns haben schon oft diese großen Momente erlebt. Das ist ein Vorteil“, sagt Spielgestalterin Carli Lloyd, eine von zehn Ü-30-Spielerinnen. Bei Weltmeisterschaften sind die zu Ladies gereiften ehemaligen Girls freilich in jenen großen Momenten auch reihenweise gescheitert, während sie das weniger bedeutende olympische Turnier in Serie gewannen.

          Vor zwölf Jahren waren einige schon dabei, als die Vereinigten Staaten im Halbfinale der Heim-WM gegen den späteren Weltmeister Deutschland ausschieden. Vor acht Jahren stellten sie den Kern des Teams, das im selben Turnierstadium gegen Brasilien verlor. Und vor vier Jahren bei der Finalniederlage im Elfmeterschießen gegen Japan wurden elf Spielerinnen eingesetzt, die auch in Kanada wieder im Kader stehen. Sie sind allesamt vier Jahre gereift – oder eben gealtert. „Ich persönlich finde, dass man immer junge Spielerinnen braucht, weil die einfach hungrig und teilweise noch total unbelastet sind“, sagt Bundestrainerin Silvia Neid, die einen mit rund 25 Jahren eher jungen Kader nominiert hat. „Das tut so einem Mannschaftsleben auf dem Platz gut, auch neben dem Platz. Ich finde unsere Altersmischung perfekt.“

          Neid hat bei ihrer Kaderplanung sicher auch berücksichtigt, welchen Reinfall sie vor vier Jahren mit dem Achtelfinal-Aus gegen Japan bei der Heim-WM erlebt hatte, als sie an einigen zu sehr in die Jahre gekommenen Spielerinnen festgehalten hatte. Damals fehlte wohl gerade jugendliche Unbekümmertheit.

          Für die bislang ungeschlagenen, aber wenig überzeugenden Amerikanerinnen steht die wahre Reifeprüfung nun vermutlich erst im Halbfinale bevor. Das Viertelfinale in Ottawa gegen China sollte das Team noch allein mit Routine gewinnen. Frankreich oder Deutschland würden in der Runde der letzten vier mit ihren deutlich ausgewogener besetzten Teams den „alten Damen“ körperlich dann wohl alles abverlangen. Und die Amerikanerinnen wahrscheinlich allzu gerne an den besonderen Druck erinnern, unter dem sie stehen.

          „Wir haben viel gewonnen. Aber wenn wir diesen Titel nicht gewinnen, werden sie immer sagen, wir wären eine unvollendete Generation“, sagt Abby Wambach. Sie spielt damit auf die ewigen Vergleiche mit den legendären Weltmeisterinnen von 1999 an. Die Damen von damals haben dem Frauenfußball in den Vereinigten Staaten mit dem WM-Erfolg vor heimischer Kulisse zu jenem Stellenwert verholfen, den er heute genießt.

          Von Altersweisheit keine Spur

          Auch deshalb wurde Wambach wie Morgan und Christen Press vor dem Turnier die begehrte und für den eigenen Marktwert wichtige Ehre zuteil, dass nach ihnen eigene Comic-Figuren nachempfunden wurden, die demnächst Gastauftritte in der Fernsehserie „Simpsons“ haben sollen.

          Zumindest im Tor kommt den Amerikanerinnen derweil Erfahrung zugute – wenn auch von Altersweisheit bei der 33 Jahre alten Hope Solo keine Rede sein kann. Sie sorgte in den vergangenen zwölf Monaten zweimal für Schlagzeilen: Zunächst stand sie vor Gericht, weil sie die eigene Stiefschwester und deren Sohn geschlagen haben soll. Das zwischenzeitlich eingestellte Verfahren soll eine Woche nach dem WM-Finale noch einmal neu aufgerollt werden.

          Zumindest auf dem Platz mit viel Erfahrung gesegnet: Torhüterin Hope Solo

          Im Januar diesen Jahres saß sie schließlich auf dem Beifahrersitz, als ihr Ehemann, ein ehemaliger Football-Profi, alkoholisiert einen Van des amerikanischen Fußballverbands zu Schrott fuhr. Solo, die ebenfalls angetrunken war und Polizisten angepöbelt haben soll, wurde vom Verband daraufhin zu einer einmonatigen Denkpause verdonnert. Seither redet sie in der Öffentlichkeit kaum noch. Dafür hält die nervenstarke Schlussfrau auch bei dieser WM famos.

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