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WM-Kommentar : Größtmögliche Koalition

Unvermeidlich: Wenn WM ist, spielen Politiker Fußball - Beispiel Bundespräsident Bild: dpa

Wie ist es möglich, dass ein Sport, der im Bundesliga-Alltag manchmal kaum mehr als 100 Zuschauer anlockt, mit einem Mal eine solche Aufmerksamkeit erfährt? Die Frauen-WM ist ein Lehrstück über die erstaunliche Kraft des Fußballs.

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          Zum Schluss hat es sogar der Bundespräsident getan. Eigentlich sollte dieses Wort doch längst auf dem Index stehen: Vorsicht, abgenutzt, bitte unter keinen Umständen mehr verwenden. Christian Wulff sagte es trotzdem, und deshalb sei es hier ein letztes Mal erwähnt: Ja, ein Sommermärchen soll sie werden, die Fußball-WM der Frauen, die an diesem Sonntag beginnt. Von den PR-Abteilungen ist einem das in den vergangenen Wochen und Monaten sowieso eingebleut worden. Es war die nervigste, aber nicht die einzige (mediale) Obsession im Vorlauf dieses Turniers. Auf den weiteren Plätzen folgten: die Fragen nach dem Ticketverkauf und der ewige Vergleich mit den Männern. In allen Punkten kommt zum Ausdruck, wie sehr es an eigenen Maßstäben für diese WM fehlt. Und wie stattdessen verzweifelt versucht wird, etwas von 2006 auch in 2011 wiederzufinden. Substanz hat das alles nicht.

          Ob die Stadien nun voll, „nur“ halbvoll oder auch mal spärlich besetzt sind, ist keine Frage, an der sich die Qualität dieser Veranstaltung messen ließe. Dazu muss man nur ein bisschen weiter als bis 2006, in die Zeit vor der großen Eventisierung des Fußballs, zurückgehen. Nicht nur, aber auch bei der Heim-WM 1974 waren halbleere Tribünen keine Seltenheit, ohne dass deshalb jemand von einem Misserfolg gesprochen hätte. Das Männer-Thema führt ebenso ins Nichts, ob man es in die eine Richtung dreht (die Frauen sind erfolgreicher / ästhetischer / sympathischer als die Männer) oder in die andere (Frauenfußball ist langsamer / ist schlechter als Männerfußball). In diesen drei Wochen spielen die Besten ihres Faches, und es gibt keinen Goldstandard, der festlegt, von welchem Vergleichsniveau an das Publikum sich interessieren darf.

          Eine spannende Frage bleibt dennoch. Um die es im Kern auch geht, wenn derzeit überall darüber diskutiert und gestritten wird, was das überhaupt für ein Ereignis ist, das da mit Wucht auf Deutschland zukommt. Wie es nämlich möglich ist, dass ein Sport, der im Bundesliga-Alltag manchmal kaum mehr als 100 Zuschauer anlockt, mit einem Mal eine solche Aufmerksamkeit erfährt. Dass das Berliner Olympiastadion beim Eröffnungsspiel am Sonntag mit 75.000 Besuchern ausverkauft ist; dass das Fernsehen alle Spiele live überträgt; dass die bislang weithin unbekannten Protagonistinnen sich von ungezählten Titelseiten, Bildschirmen und Plakaten bekannt machen können. Diese WM ist auch ein Lehrstück für Medienforscher und Sportmanager, die verfolgen können, wie sich ein Ereignis seine Nachfrage selbst schafft.

          Eine jede schaut, wo sie bleibt

          Auch wenn der Fußball die deutsche Lust am Event und am Fähnchenschwenken nicht exklusiv hat, funktioniert diese WM vor allem deshalb so, weil es genau dieser Sport ist, der sich hierzulande wie von selbst verkauft (damit hat 2006 tatsächlich etwas zu tun). Der Deutsche Fußball-Bund mit seiner wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Macht und das öffentlich-rechtliche Fernsehen sind die Katalysatoren, die politische und ökonomische Unterstützung in ganz großem Stil generieren helfen. So schafft diese WM etwas, was sonst nicht vorstellbar scheint: eine größtmögliche Koalition aller gesellschaftlichen Kräfte.

          Dass alle sich zugleich auch einen Nutzen von dieser WM versprechen, sei es für das Portemonnaie oder für das Image, gehört zum Spiel dazu. Auch die Fußballerinnen spielen es gerne mit, selbst wenn sie dafür ihre Haut zu Markte tragen und sich in manch antiquiertes Klischees pressen lassen müssen. Sie profitieren schließlich. Und weil niemand weiß, wie lange es nach der WM so weitergeht, ist es nur verständlich, dass eine jede schaut, wo sie bleibt. Für das Publikum stellt sich nun die Frage, in welcher Form es an diesem Spiel, das nur Gewinner kennt, teilhaben will. Die Antwort ist ganz simpel: Jeder soll es einfach selbst entscheiden.

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