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Niederlande vor WM-Halbfinale : Die Kraft der Konstanz

Vivianne Miedema (2.v.r.) freut sich mit ihren Teamkolleginnen über ihren Treffer gegen Italien. Bild: Reuters

Ein Rotationsprinzip kennen die Niederländerinnen nicht – bislang wurden bei der WM nur zwölf Spielerinnen von Beginn an eingesetzt. Deshalb sind sie wieder im Flow. Gegen Schweden geht es nun ums Finale.

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          Vor dem Merchandising-Boom im Profifußball war es vorgeschrieben, eine Fußballmannschaft mit den Trikotnummern von 1 bis 11 aufs Feld zu schicken. Eine andere Zahl in der Startelf war nur dann geduldet, wenn beispielsweise die „9“ in der Waschmaschine verlorengegangen war. Dann durfte auch schon mal die „12“ aufs Feld. Oder aber die „14“. Mit jener Zahl lief die 2016 verstorbene niederländische Fußballlegende Johan Cruyff in den siebziger Jahren unbeirrt auf. Es war Cruyffs Ausbund an Widerstandsgeist zu verdanken, dass er mit der 14 auflief.

          Frauenfussball-WM 2019

          Im niederländischen Nationalteam der Frauen spielt nun Jackie Groenen aus Verehrung für Cruyff mit der Rückennummer 14. Und sie fällt damit fast fünf Jahrzehnte später fast genauso aus dem Rahmen. Denn die Niederländerinnen pflegen seit zwei Jahren ein sehr erstaunliches Zahlenspiel. Trainerin Sarina Wiegman hat vor der Europameisterschaft 2017 im eigenen Land die Rückennummern an ihren Kader verteilt. Und seitdem laufen bis auf eine Ausnahme in der Innenverteidigung stets dieselben Nummern auf. Bei der EM noch war Groenen die einzige Zahl größer als elf. Im Lauf der vergangenen zwei Jahre hat nun die Innenverteidigerin Dominique Bloodworth mit der Nummer 20 ihre Mitspielerinnen Anouk Dekker (6) und Kiki van Es (5) verdrängt. Und so ist sie tatsächlich die einzige Veränderung in einer bemerkenswert starren Hierarchie bei den Holländerinnen, die im Halbfinale der Fußball-WM der Frauen an diesem Mittwoch in Lyon die Gegnerinnen aus Schweden (21 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Frauenfußball-WM und in der ARD und auf DAZN) sicherlich nicht durch einen Aufstellungspoker überraschen werden.

          Never change a winning team

          Während beispielsweise die deutsche Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg bei der WM recht erfolglos auf eine Strategie der personellen wie taktischen Flexibilität mit immer neuen Startaufstellungen gesetzt hat und damit im Viertelfinale gegen Schweden gescheitert ist, glauben alle vier ins Halbfinale vorgestoßenen Teams an die Kraft von Konstanz und Eingespieltheit. Während im deutschen Team Alexandra Popp, Giulia Gwinn oder Sara Däbritz drei verschiedene Positionen in zwei verschiedenen Grundordnungen eingenommen hatten, sind in den anderen Nationen alle elf Startelf-Spielerinnen nahezu unverrückbar an ihre Rolle gebunden. Die Niederländerinnen setzen dem Trend dabei die Krone auf. Lediglich zwölf verschiedene Spielerinnen standen beim Turnier in der Startelf. Ein Rotationsprinzip zur Schonung der Kräfte kennen die Niederländerinnen nicht. Die Erklärung von Sarina Wiegman für die Treue zu ihrer Stammelf klingt kurios. „Wir schauen vor jedem Spiel auf die Trainingsleistungen, wir schauen, was wir im Spiel brauchen, und dann entscheiden wir“, sagt die Nationaltrainerin.

          Die holländischen Frauen scheinen sich trotzdem nicht auf ihrem Status als Stammspielerinnen auszuruhen, obwohl Konkurrenz um die Startplätze im Fußball als eine Grundlage für ambitionierte Trainingsarbeit angesehen wird. Stattdessen loben sie das Eingespieltsein des Teams im von Cruyff und Co. geprägten typisch niederländischen 4-3-3-System und den Beitrag, den die zwölf Ersatzspielerinnen, von denen bei der WM wiederum nur Jill Roord und Lineth Beerensteyn regelmäßig in der Offensive eingewechselt wurden, zum Teamerfolg leisten. Torjägerin Vivianne Miedema kann deshalb keinen Grund erkennen, weshalb der niederländische Weg nicht abermals in ein Finale führen sollte. „Der größte Unterschied zur EM 2017 ist, dass das Turnier jetzt nicht in den Niederlanden stattfindet. Aber wie 2017 sind wir wieder im Flow“, sagt die in England bei Arsenal spielende Mittelstürmerin.

          Dabei lässt es die im Alter von nicht mal 23 Jahren bei 80 Länderspielen bereits 61 Mal erfolgreiche Torjägerin wie auch ihre Trainerin recht kalt, dass die niederländischen Medien wie stets auch bei den Männern mäkeln, dass der Spielstil nicht den stets hohen ästhetischen Anforderungen der von Cruyff geprägten niederländischen Spielphilosophie entspricht. „Ich finde es wunderbar, dass es so viele kritische Meinungen gibt, weil das zeigt, dass sich viele mit uns beschäftigen. Wir werden also immer mehr wahrgenommen“, sagt Bondscoach Wiegman. Vor allem natürlich jene elf bis zwölf Spielerinnen, die das Nationalteam ausmachen.

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