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WM-Aus für DFB-Frauen : Totale Verunsicherung

Am Morgen danach gab sie einen Hinweis darauf, dass sie in diesen Erkenntnisprozess auch ihre eigene Arbeit mit einbezieht. „Wir stehen zu unseren Entscheidungen. Aber natürlich denkt man nach und reflektiert Entscheidungen, die man getroffen hat.“ Voss-Tecklenburg und ihr Trainerteam haben womöglich ein paar unglückliche Entscheidungen getroffen speziell vor dem Klassiker des Frauenfußballs gegen Schweden, in dem Deutschland vor der Niederlage in Rennes 24 Jahre und elf Spiele lang bei großen Turnieren ungeschlagen geblieben war. Vor allem hatte die Bundestrainerin Spielführerin Alexandra Popp aus dem Sturmzentrum ins defensive Mittelfeldzentrum beordert, eine Position, die Popp zwar aus dem Bundesligaalltag beim VfL Wolfsburg sehr gut kennt. Ihre Robustheit im Zweikampf konnte sie aufgrund der erwartbaren schwedischen Spielanlage mit vielen langen Bällen aber kaum wie gewünscht einsetzen. Sie wurde meist schlicht im hohen Bogen überspielt. Dafür fehlte Popp in vorderster Reihe mit ihrer Durchschlagskraft.

Während sich die vier ins Halbfinale eingezogenen Teams im Turnierverlauf auf eine stets gleiche Grundstruktur verlassen haben, veränderte Voss-Tecklenburg ihre Achse immer wieder. Der Wankelmut hatte einen verständlichen Grund: Durch die Verletzung von Dzsenifer Marozsan im Auftaktspiel gegen China ging dem Team just das Herzstück verloren, das Voss-Tecklenburg als „unersetzlich“ bezeichnete. Alles im deutschen Spielsystem war auf die mit Abstand beste Spielerin ausgerichtet, eine Strategie, die im Streben nach dem WM-Titel verständlich war. In den Tagen des Vorbereitungstrainingslagers hatte Voss-Tecklenburg deshalb gesagt: „Ich bete zu Gott, dass Dzseni ihre Topform noch fünf Wochen bewahrt.“

Die 27 Jahre alte Spielmacherin, die ihren Klub Olympique Lyon im Mai noch zum Champions-League-Titel geführt hatte, konnte diesen Wunsch in Rennes trotz besten Willens nicht erfüllen, als sie nach dreiwöchiger Verletzungspause trotz des immer noch lädierten Zehs zur Halbzeit eingewechselt wurde. Voss-Tecklenburg wollte mit der Hereinnahme wieder Ruhe und Struktur in die deutschen Aktionen bringen, Marozsans Mitspielerinnen waren aber bereits allzu sehr verunsichert. Sie trauten sich den riskanten Ball zu der stets von mindestens einer Schwedin begleiteten Spielmacherin nicht mehr zu. So konnte sie sich fast nur bei Standards in Szene setzen, was beinahe zumindest zum späten Ausgleich geführt hätte. Lena Oberdorf setzte einen Kopfball in der 87. Minuten knapp neben das Tor.

In Frankreich zeigte sich, dass die Zeit der Zusammenarbeit mit der neuen Bundestrainerin offenbar zu kurz war. Martina Voss-Tecklenburg konnte erst im Dezember statt wie erhofft im September die Nachfolge von Interimstrainer Horst Hrubesch antreten, nachdem sie mit ihrem vorherigen Team aus der Schweiz noch die Play-offs der WM-Qualifikation hatte bestreiten müssen. Sie verpasste drei Testländerspiele, die im Entwicklungsprozess des deutschen Teams bis zur WM womöglich fehlten. Zeit für Entwicklungsarbeit hat Voss-Tecklenburg, die vom Interimspräsidenten Rainer Koch noch in Rennes unmissverständlich Rückendeckung erhielt, nun genug. Durch das Olympia-Aus stehen vorerst nur Pflichtspiele in der EM-Qualifikation an. Die dürfte bei den Gegnern Irland, Ukraine, Griechenland und Montenegro aber nur eine Formsache sein.

Frauenfussball-WM 2019

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